Sterling - Zum Treffen im Coffeeshop kommt sie ausnahmsweise mit dem Auto. Es hagelt gerade heftig im Norden des Bundesstaates Virginia. Doch eigentlich liebt Juli Briskman die körperliche Bewegung.

Die quirlige Frau mit dem blonden Lockenkopf läuft Marathon, klettert auf Berge und fährt Rad – so wie an jenem Samstag vor knapp drei Monaten, der sie plötzlich weltberühmt machte.

Heute muss der Latte Macchiato dran glauben. Wild rührt die 50-Jährige in ihrem Becher. „Mein Blut kocht immer noch, wenn ich darüber spreche“, sagt sie.

Kein Wunder: Schließlich begegnet man nicht jeden Tag dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, findet kurz darauf ein Foto von sich in allen Zeitungen, verliert den Job und wird von Unbekannten mit 130.000 Dollar unterstützt.

Das alles ist Juli Briskman passiert. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Donald Trump ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Und letztlich ist sie ihm dafür sogar dankbar.

Alles begann am 28. Oktober, einem lauen Spätsommertag. Morgens im Fernsehen hatte Briskman gesehen, dass der Präsident in ihre Gegend kommen würde.

Rund 30 Meilen nordöstlich von Washington und keine Viertelstunde Fußweg von Briskmans Backsteinhäuschen im Vorstadtidyll von Sterling entfernt liegt nämlich einer von Trumps Golfplätzen, wo er am Wochenende gerne ein paar Bälle schlägt. „Hat der schon wieder nichts Besseres zu tun?“, dachte die alleinerziehende Mutter kurz.

Als sie sich nachmittags um Drei auf ihr blaues Trek-Rad schwang, hatte sie die Meldung längst vergessen. Entspannt radelte sie durch ihre Siedlung, in der die Bürgersteige begrünt sind und Basketballkörbe an den Doppelgaragen hängen.

Doch kaum war sie in den Pacific Boulevard eingebogen, hörte sie von hinten eine Wagenkolonne heranrauschen. Die ersten Limousinen überholten. Sie trugen Nummernschilder des Secret Service.

Als sie hinter den Scheiben Polizisten mit Maschinenpistolen sah, war Briskman klar: Gleich würde der Präsident an ihr vorbeifahren – der Mann, der illegale Einwanderer-Kinder mit der Ausweisung bedrohte, das Gesundheitssystem Obamacare zerstören wollte und nach dem Massaker von Las Vegas schärfere Waffengesetze ablehnte.

Spontan reckte sie den Mittelfinger ihrer linken Hand in die Höhe. Kurz darauf hielt der Konvoi an einer Kreuzung. Briskman radelte mit ausgestrecktem Stinkefinger noch einmal an den Limousinen vorbei. „Es hat sich großartig angefühlt“, erinnert sie sich schmunzelnd. 

Ikone des Widerstands

Die Hobby-Sportlerin hatte keine Ahnung, dass sie mit ihrer Geste zur Ikone des Widerstands gegen Trump werden würde. Ein Fotograf aus dem Präsidententross hatte seine Kamera gezückt und von hinten die Frau im weißen T-Shirt neben den schwarzen Limousinen aufgenommen.

Ein paar Stunden später postete der White-House-Korrespondent des Radiosenders Voice of America die Aufnahme bei Twitter. „Einsame Fahrradfahrerin grüßt Präsidentenkonvoi“, schrieb er dazu.

Briskman bekam davon nichts mit. Erstmal. Beschwingt und ein wenig stolz erzählte sie zuhause ihrer 15-jährigen Tochter und dem 13-jährigen Sohn von der Begegnung. Beide fanden die Aktion ziemlich uncool.

Damit schien der Vorfall abgehakt, bis am Sonntagmorgen Briskmans Handy brummte.  „Ich bin so stolz auf Dich“, schrieb eine Freundin per SMS. Zunächst verstand Briskman nicht. Dann entdeckte sie das Foto im Netz.

Wie eine Lawine

In der Zwischenzeit hatte sich der Tweet wie eine Lawine im Netz verbreitet und 90.000 „Gefällt mir“-Klicks bekommen. „Wir alle fühlen so“, kommentierten Twitter-Nutzer oder: „Meine Heldin“ und „Großartiges Bild“.

Mit ihrem derben Fingerzeig hatte die Radlerin den Nerv jener Amerikaner getroffen, die die tägliche Seifenoper aus dem Weißen Haus zunehmend wütend verfolgen.

Außer ein paar Bekannten hatte zu diesem Zeitpunkt niemand Briskman erkannt. Die Marketingchefin eines Dienstleistungsunternehmens, das Verwaltungsaufgaben übernimmt, war unsicher, ob sie ihre Identität preisgeben sollte.

Am Montag sprach sie mit ihrer Personalchefin. „Reden Sie nicht während der Arbeitszeit mit der Presse!“, lautete die Anweisung. Briskman fühlte sich frei, das Foto auf ihrer Facebook-Seite zu veröffentlichen.

Briskman wurde fristlos gefeuert

Tags darauf wurde sie zu ihrem Chef bestellt. Das Gespräch dauerte nur kurz. Briskman wurde fristlos gefeuert – angeblich, weil sie gegen die betriebsinternen Social-Media-Regeln verstoßen habe. Tatsächlich, so glaubt sie, hätten die Firmenchefs keinen Ärger mit der Regierung riskieren wollen, die zu ihren Kunden gehört.

Buchstäblich über Nacht war aus der Freizeit-Radlerin, deren politisches Engagement sich bislang auf die Stimmabgabe für die Demokraten beschränkt hatte, eine Widerstandsheldin geworden.

Und aus der alleinerziehenden Ernährerin einer dreiköpfigen Familie eine Arbeitslose. Tagelang traute sich Briskman nicht, ihren Kindern von der Kündigung zu erzählen: „Ich zahle die Hypothek für das Haus. Seit der Scheidung ist das Geld ohnehin knapp. Ich hatte Angst, sie zu beunruhigen.“

Doch dauerhaft konnte sie sich nicht verstecken. Nicht nur recherchierten inzwischen mehrere Zeitungen, wer die Demonstrantin sei. Auch Briskmans Gerechtigkeitssinn begehrte auf.

Schritt in die Öffentlichkeit

Als sie erfuhr, dass ein Kollege, der im Netz gegen „linke Arschlöcher“ gepöbelt hatte, seinen Job behalten durfte, war für sie klar: „In diesem Moment habe ich beschlossen, in die Öffentlichkeit zu gehen und zu kämpfen.“

Briskman sprach mit ihren Kindern, nahm sich einen Anwalt und telefonierte mit einer Reporterin der Huffington Post, die die Story mit ihrem Namen veröffentlichte. Von diesem Moment an lief ihr Telefon heiß.

Ihre Twitter-Gemeinde schoss von 24 auf mehr als 17.000 Mitglieder hoch. Noch ehe Briskman ins nationale Frühstücksfernsehen eingeladen wurde, startete ein ihr unbekannter Mann aus Massachusetts eine Spendensammelaktion im Netz.

„Juli Briskman ist ein Ansporn für uns alle“, schrieb der Vertriebsingenieur bei der Crowdfunding-Plattform GoFundMe. In nur neun Tagen war die angestrebte Marke von 100.000 Dollar geknackt. Viele Spender überwiesen Kleinstbeträge von zehn oder 20 Dollar. Selbst Hurrikan-Opfer in Puerto Rico und illegale Migranten schickten Geld.

Sympathiewelle hält immer noch an

Die Sympathiewelle hält immer noch an. Inzwischen sind 5900 Einzelspenden über insgesamt 135.000 Dollar eingegangen. Viele Überweisungen sind mit klaren politischen Botschaften versehen. Offenbar wollen die Unterstützer ihren Protest gegen die Regierung eindeutig dokumentieren.

So sehr das erste Jahr der Trump-Präsidentschaft das gesellschaftliche Klima in den USA vergiftet und den demokratischen Grundkonsens des Landes angefressen hat, so eindrucksvoll hat es zugleich die Widerstandskräfte vieler Amerikaner geweckt. In den USA hat eine bemerkenswerte Repolitisierung begonnen. 

Auch Briskmans Umfeld reagierte überwiegend positiv. Viele Freunde ermunterten sie, die unerwartete Popularität für klare Botschaften zu nutzen. Den Kindern war der Wirbel anfangs peinlich.

Doch seit einige Lehrer ihrer Mutter auf dem Schulhof anspornend „Go, Mom, go!“ zuriefen, hätten sie insgeheim ihren Frieden mit der Aktion gemacht, glaubt Briskman. Aber es gab auch andere Reaktionen.

Freundin sperrte Kontakt bei Facebook

Eine Freundin sperrte ihren Kontakt bei Facebook. „Ich mag Dich sehr, aber mein Ex-Mann und mein Sohn sind beim Militär. Ich will keinen Ärger“, erklärte sie. Von Beschimpfungen und Drohungen im Netz lässt sich Briskman nicht beirren.

Der Sheriff fährt jetzt häufiger an ihrem Haus vorbei. Aber Briskman weigert sich, Angst zu haben: „Ich bin eine gesetzestreue Mutter, die sich in der Gemeinde ehrenamtlich engagiert. Wenn mir etwas passieren würde, gäbe das sehr schlechte Publicity. Das werden die sich dreimal überlegen.“

Wie es weitergeht? „Die Büchse der Pandora ist geöffnet“, antwortet die 50-Jährige. Mit ihren Kindern ist sie ins Holocaust-Museum nach Washington gefahren: „Ich habe ihnen gesagt: Seht Euch an, wie das damals angefangen hat!“

Schon länger habe sie das Bedürfnis gehabt, ihre Meinung offener auszusprechen, berichtet Briskman: „Aber ich fühlte mich durch meine Verantwortlichkeiten gehemmt. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, laut zu sein.“

Gerade ist sie vom britischen Guardian zu einem von zwölf „Helden des Jahres 2017“ gekürt worden. Die breite Unterstützung hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt. Sie denkt darüber nach, für ein öffentliches Amt zu kandidieren.

Aktives Engagement gegen Trump

Erstmal ist sie der Demokratischen Partei beigetreten und engagiert sich bei der Anti-Trump-Graswurzelbewegung Indivisible. Doch das muss nicht der letzte Schritt sein.

Einen neuen Job hat sie noch nicht. Doch mehrere Angebote liegen auf ihrem Tisch. „Ich möchte irgendetwas machen, das zu meinen Interessen und Werten passt“, sagt sie.

Sie will sich für Meinungsfreiheit, Frauenrechte, die Umwelt und eine gute Gesundheitsvorsorge einsetzen könnte. Die Spendenaktion hat ihr erstmals in ihrem Leben die Freiheit verschafft, nicht die erstbeste Stelle annehmen zu müssen.

Ist sie im Rückblick noch überzeugt, an jenem Oktobertag das Richtige getan zu haben? „Ja, sicher!“, antwortet Briskman ohne Zögern. Künftig aber möchte sie ihren Protest anders artikulieren.

Und sie will nicht mehr warten, bis Donald Trump zufällig nach Sterling kommt. An diesem Samstag fährt sie zum Frauenmarsch nach Washington. „Wenn ich irgendetwas tun kann, um unsere Demokratie zu schützen und den Widerstand zu stärken, bin ich dabei“, sagt sie: „Wir können nicht einfach herumsitzen und alles geschehen lassen.“