Entschlossen betritt Eberhard Eichhorn das Rathaus von Ummerstadt, einem Ort im südlichsten Zipfel Südthüringens. Ein Wandgemälde zeigt einen Töpfer bei der Arbeit, daneben führt eine Treppe zum Bürgermeisterbüro. Eichhorn geht nicht hinauf, sondern zu einer Tür auf der linken Seite. Dahinter liegt die Ratsgaststätte, die seine Eltern lange betrieben haben. Die Tür ist verschlossen, Montag ist Ruhetag. Eichhorn probiert es auf der rechten Seite. „In diesen Räumen haben unsere Eltern geschlafen“, sagt der 73-Jährige. Auch diese Tür ist abgeschlossen. Er tritt einen Schritt zur Seite. „Genau hier stand mein Vater am 5. Juni 1952“, sagt er. Es ist der Tag, der für Eberhard Eichhorn alles veränderte.

Am 5. Juni 1952 ist Eberhard Eichhorn neun Jahre alt. Obwohl die Geschehnisse lange zurückliegen, erinnert er sich genau daran: Die Sonne geht gerade auf, als er aufwacht. Er und seine drei Brüder schlafen im ersten Stock des Rathauses, direkt über der Eingangstür. Geweckt haben ihn Lastwagen, die über das Kopfsteinpflaster rumpeln und auf dem Marktplatz stoppen, und laute Stimmen. Eberhard Eichhorn schaut zum Fenster hinaus. Im ersten Moment ist er erfreut: „Endlich mal was los.“ Er stürmt die Treppe hinunter. Dort stehen mit Maschinenpistolen bewaffnete Männer. Und der Vater. Albin Eichhorn brüllt: „Ihr müsst mich schon erschießen, freiwillig gehe ich hier nicht weg.“

Doch die Uniformierten haben ihre Befehle, die Eichhorns müssen weg aus Ummerstadt.

Albin Eichhorn lenkt schließlich ein. Zwei Stunden gibt die Polizei der Familie zum Packen. Ihr Hab und Gut landet auf einem der Lkw. Wohin die Fahrt geht, wissen die Eichhorns nicht, als sich der Treck in Bewegung setzt. Sie haben Angst.

Sie sind nicht die einzigen, die an jenem Morgen zum Verlassen der Heimat gezwungen werden. Allein im kleinen Ummerstadt ereilt dieses Schicksal 23 weitere Männer, Frauen und Kinder. DDR-weit trifft die „Aktion Ungeziefer“, so der Name des Geheimunternehmens, bis Mitte Juni 1952 knapp 8500 Menschen. Sie alle leben in Orten an der Grenze zur Bundesrepublik.

Wenige Tage zuvor hat der DDR-Ministerrat die „Errichtung eines besonderen Regimes an der Demarkationslinie“ beschlossen. Eine fünf Kilometer breite Sperrzone an der Grenze wird eingeführt, deren Bewohner allesamt überprüft werden sollen. Das neuralgische Gebiet sei von „feindlichen, verdächtigen und kriminellen Elemente“ zu säubern, lautet die Anweisung. Daraufhin macht die Volkspolizei Vorschläge, wer von dort ausgesiedelt werden soll, ihre Listen werden von Kreiskommissionen geprüft und auf Landesebene bestätigt.

„Die häufigsten Gründe für Zwangsaussiedlungen waren kritische politische Äußerungen, Hören von Westfunk und illegale Grenzübertritte“, sagt Wolf-Rüdiger Knoll. Er arbeitet in der Gedenkstätte Point Alpha im thüringischen Geisa, die die Erinnerung an die Zeit des geteilten Deutschland wachhält. „In vielen Fällen lagen nicht einmal Beweise vor.“ Bei der zweiten Aussiedlungswelle 1961 – bei der weitere knapp 3200 Menschen ins Landesinnere verfrachtet wurden – habe das Innenministerium die Auswahlkriterien festgelegt, sagt Knoll: Politisch unzuverlässige Personen sollten entfernt werden, aber auch „arbeitssuchende und asoziale Elemente“. Oft hätten Verleumdungen eine Rolle bei der Auswahl gespielt, so der Wissenschaftler.

„Die Zwangsumsiedlungen zählen zu den dunkelsten Kapiteln der Geschichte der DDR“, formulierte einmal der damalige Sozialminister Thüringens, Klaus Zeh. SED und Stasi hätten die Deportationen geheim gehalten, erst nach der Wende seien sie bekanntgeworden, aber immer noch wüssten viel zu wenige Bescheid, schrieb Zeh in der Broschüre „Der totgeschwiegene Terror“.

Ramelows Initiative

Am 13. April aber werden die DDR-Zwangsaussiedlungen neu thematisiert: Die Ost-Ministerpräsidenten wollen bei ihrer Konferenz darüber beraten, wie die Betroffenen besser entschädigt werden können. Es ist ausgerechnet ein Linker, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der das Thema auf die Tagesordnung gebracht hat.

Er ist der erste Ministerpräsident, der sich ernsthaft mit den Vorgängen beschäftigt, sagt Marie-Luise Tröbs, Präsidentin des Bundes der in der DDR Zwangsausgesiedelten (BdZ), den rund 4 000 Betroffene 1990 gegründet haben. In der Vergangenheit habe sie bei mehreren Ministerpräsidenten vorgesprochen – ohne Erfolg. Als sie dann im Koalitionsvertrag der von Ramelow geführten rot-rot-grünen Regierung las, dass Opfer des DDR-Unrechts Unterstützung erfahren sollten, wandte sie sich erneut an die Staatskanzlei.

Denn viele Betroffene haben bis heute ihre Häuser nicht zurückbekommen und auch keine Entschädigung erhalten, sagt Marie-Luise Tröbs. Die enteigneten Häuser seien später oft von anderen DDR-Bürgern „auf redlichem Weg“ erworben worden. Deshalb sei keine Rückgabe möglich, sondern nur eine Entschädigung. Bei sehr vielen Betroffenen laute der Entschädigungsbescheid jedoch auf „Null“.

Das kennt auch Eberhard Eichhorn. Allerdings hat er jenes Haus in Ummerstadt zurückbekommen, das der Familie früher gehört, in dem sie aber nicht gelebt hatte. Hier war sie einer Nebenerwerbslandwirtschaft nachgegangen, mit ein bisschen Vieh im Stall und Feldern hinterm Haus. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Frau wieder in seinem Elternhaus.

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