Verwundete Wehrmachtsoldaten liegen am 3. Mai 1945 vor dem Brandenburger Tor auf der Straße Unter den Linden. 
Foto: Deutsch-Russisches Museum Karlshorst/Sammlung Schagin

BerlinZum ersten Mal wird der 8. Mai in diesem Jahr in Berlin ein Feiertag sein. In der DDR war er von 1950 bis 1967 und im Jahr 1985, dem 40. Jahrestag, gesetzlicher Feiertag - also arbeitsfrei. Feierlichkeiten aber gab es in jedem Jahr. Zu feiern ist jetzt der 75. Jahrestag der Befreiung Berlins, Deutschlands und Europas vom Nationalsozialismus. Aus diesem Anlass bereitet Kulturprojekte Berlin die digitale Ausstellung „Nach Berlin“ als besondere Entdeckungsreise vor und reagiert damit auf die Situation in der Corona-Krise, die die eigentlich vorgesehene große Open-Air-Ausstellung am Brandenburger Tor unmöglich macht. Moritz van Dülmen, Geschäftsführer von Kulturprojekte Berlin, erkennt in der „Zwangsflucht ins Internet“ aber auch Vorteile.

Herr van Dülmen, Sie können mit Ihren Projekten nicht auf die Straße. Was hatten Sie vor?

Es sollte an diesem besonderen Feiertag eine Reise in den Frühling 1945 geben. Diese wollten wir mit einer großen Open-Air-Ausstellung rund um das Brandenburger Tor und den Reichstag stattfinden lassen. Wir wollten große Kulissen aufbauen, in Originalmaßstäben bis zu zehn-zwölf Meter hohe Großfotos, rund um die bekannten Schauplätze wie auch den Reichstag. Das waren faszinierende und zugleich schockierende Fotos aus der Zeit von 1945, die großen Wiedererkennbarkeitswert haben. Trotz der Zerstörungen ist meist die Topographie Berlins wiedererkennbar. Man schaut und denkt: Was ist denn das da, hier sah das so aus!? Und das genau am Ort der Geschehnisse. Wir als Kulturprojekte Berlin versuchen ja immer, in den Stadtraum, zu den Leuten zu gehen. So hätten wir Neugier und Interesse auf die Ereignisse von 1945 lenken können.

Schade. Und nun?

Wir bringen die Ausstellung in einer sogenannten Web-Experience in den digitalen Raum. Dafür entsteht eine recht komplexe Webseite, die versucht, das Erlebnis digital nachzuahmen – und damit gehen wir passenderweise zu den Leuten nach Hause. Beim Aufmachen der Webseite öffnet sich eine Art 360-Grad-Panorama. Mit vielen Bildern laden wir ein, in die Zeit von 1945 quasi hineinzufliegen; man landet zu Beginn am Reichstag. Dann kann man selber navigieren, an verschiedene Orte gehen und in verschiedenste Aspekte der Geschichte eintauchen. Der Zugang hat durchaus eine gewisse Leichtigkeit. Das ist uns ganz wichtig, denn wir wollen – wie sonst auch auf der Straße – „barrierearm“ auf ein breites Publikum zugehen. Man braucht kein spezielles Vorwissen, es handelt sich nicht um eine Fachausstellung. Das ist keine Konkurrenz etwa zu den großen Gedenkstätten.

Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter
Zur Person

Moritz van Dülmen, geboren 1970 in München, ist erster Geschäftsführer der Kulturprojekte Berlin GmbH, einer landeseigenen, gemeinnützigen Einrichtung für übergreifende Kulturveranstaltungen, Vermittlung, Vernetzung und Partizipation. 2007 wurde der  Kulturmanager als Geschäftsführer in den Vorstand des Landesverbands der Museen zu Berlin (LMB) gewählt und koordiniert seither die Verbandsarbeit der Berliner Museen. Er betreut unter anderem die Berlin-Ausstellung im Humboldt-Forum.

Welchem Themenspektrum wendet sich das Projekt zu?

Es geht um die Schrecken des Krieges, die Zerstörung, das Nichtvor-stellbare. Da steht Berlin stellvertretend für viele Städte in ganz Europa. Wir kennen die Bilder zum Beispiel aus Dresden, aber in Minsk, in Warschau und an vielen Stellen Europas sah es ähnlich aus. Es geht darum, die Dimension dieses Weltkrieges zu zeigen. Es geht eben nicht nur um das Kriegsende in Deutschland, sondern um die Befreiung ganz Europas vom Nationalsozialismus – einschließlich der Ambivalenz der Befreiung. 1945 handelte es sich in dem Moment um eine Befreiung. Heute wissen wir: Für die Hälfte Europas endete es nicht in einer echten Freiheit.

Wie wird die Stadt Berlin gezeigt?

Ein wichtiger Punkt ist der Aspekt einer Art Zwangsdiversivität. Es trafen bei Kriegsende so viele unterschiedliche Menschen aufeinander. Was spielte sich ab zwischen den Befreiten und den Befreiern, der sowjetischen Stadtregierung und den vielen befreiten Zwangsarbeitern? Es gab Unmengen von Flüchtlingen. Wie sah der Alltag aus? All diese Aspekte hätten wir in der Ausstellung erzählt – und jetzt erzählen wir sie eben in der Web-Experience.

In der Nachkriegswahrnehmung sprachen die meisten Deutschen von Zusammenbruch, Niederlage, Kapitulation, Stunde Null – im Westen hielten sich diese Sichtweisen länger als im Osten. Dann kam die Drehung zum Verständnis von 1945 als Neuanfang. Offiziell sprach in der Bundesrepublik erstmals Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Mai 1985 in der Gedenkstunde des Bundestages von „Befreiung“. Wie schätzen Sie heute die Haltung Ihres Publikums in dieser Frage ein? Ist es Konsens unter den Berlinern, dass es sich um eine Befreiung handelte?

Ich glaube ja. Es gibt keine Vorbehalte mehr, wenn man darauf anspielt. Die Rede Weizsäckers war sicherlich eine Leistung und hat einen großen Beitrag dazu geleistet, dass diese Frage in der nachgewachsenen Generation Konsens ist. Umso wichtiger ist es, die Dimension des Geschehenen in Erinnerung zu halten. Leider gelingt uns in Zeiten von Corona kein echter Zeitzeugen-Austausch. Es handelt sich jetzt, 75 Jahre später, ja um eine der letzten Gelegenheiten, authentische Geschichten auszutauschen und sich berichten lassen. Wir haben daher sehr viele Interviews mit Zeitzeugen geführt, die wir nun unten anderem in die Web-Experience einbauen.

Was sind das für Zeitzeugen?

Ganz unterschiedliche. Vor allem „normale“ Menschen, die die Kriegszeit und das Jahr 1945 hier in Berlin erlebt haben.

Auch aus der früheren Sowjetunion?

Da sind zum Beispiel die Künstler, die im Museum Neukölln die super Installation zu Kriegskindern gemacht haben und sich zuletzt auch intensiv mit der Belagerung Leningrads auseinandergesetzt hatten. Dafür wurden viele Zeitzeugen aus jener Zeit an Ort und Stelle in Russland befragt. Auch diese furchtbare Gräueltat, der mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen, wollen wir beispielsweise in unseren Projekten berücksichtigen. Wir wollen ja keinen Berlin-Zentrismus, sondern zeigen: Der Krieg war überall.

Tritt auch der klassische Veteran auf, der sowjetische Offizier mit ordengeschmückter Brust – also die Figur des Befreiers schlechthin?

Die haben wir explizit nicht dabei. Wir waren für die Live-Veranstaltungen natürlich mit der russischen Botschaft in Kontakt, arbeiten mit dem Deutsch-Russischen Museum in Karlshorst zusammen, mit dem Alliierten Museum, insofern kommt die Rote Armee an vielen Stellen vor. Aber in den benannten Interviews in unserem Web-Projekt geht es mehr um die Frage: Wie ist der Blick des normalen Bürgers gewesen? Was haben die Leute erlebt? Das erlaubt hohe Authentizität. Wir stehen auch vor der Generationenfrage, haben es mit jungen Leuten zu tun, deren Großeltern altersbedingt mittlerweile kaum mehr einen Bezug zum Krieg haben. Denen erzählt kein Opa mehr vom Krieg. Jetzt gilt es, das Erinnern wach zu halten und der Opfer zu gedenken.

Dennoch: Sollten am Tag der Befreiung nicht auch die Befreier ihren Auftritt haben?

Wir erzählen natürlich auch ausführlich die Geschichte der Befreiung – das, was zum Ende des Krieges geführt hat. Diese Geschichte ist ja im Gegensatz zu den Alltagsgeschichten besser aufgearbeitet. Und selbstverständlich spielt dieser Dank, der aus Berlin und aus Deutschland an die Befreier aus der ehemaligen Sowjetunion als auch an die West-Alliierten zu richten ist, an diesem 8. Mai eine große Rolle.

Wie wird man diesen Dank erkennen?

Das Thema zieht sich als Roter Faden überall durch, steht quasi über dem ganzen Projekt, mit dem wir die Befreiung feiern und damit den Befreiern danken. Das zeigt sich nicht plakativ nach dem Muster „Berlin sagt danke!“, sondern es gehört zum Selbstverständnis. Auch, dass wir den Ursachen des Ereignisses nachgehen. Wie führte der Nationalsozialismus in den Krieg? Am Anfang standen Wahlen, der Krieg war unter anderem ein Ergebnis davon.

Wird der Regierende Bürgermeister an den Gedenkfeierlichkeiten teilnehmen?  

Am sowjetischen Ehrenmal an der Straße des 17. Juni werden traditionell am 8. als auch am 9. Mai Kränze abgelegt. Dieses Jahr ist unter anderem auch eine Zeremonie an der Neuen Wache Unter den Linden geplant – ganz sicher und selbstverständlich auch mit dem Regierenden Bürgermeister. Aber der Staatsakt des Bundespräsidenten ist wegen Corona abgesagt. Auch der traditionelle Toast auf den Frieden in Karlshorst mit kleinem Bürgerfest im Garten kann in dieser Form in diesem Jahr leider nicht am 8. Mai stattfinden. Hier gibt es Überlegungen, dies am 2. September, dem Tag des internationalen Kriegsendes, nachzuholen.

Zu den Jubiläumsfeierlichkeiten  erscheint am 2. Mai eine Sonderbeilage der Berliner Zeitung
Logo: Kulturprojekte Berlin

Was bietet Kulturprojekte Berlin über die Web-Experience hinaus?

Wir bereiten zusätzlich eine App vor, die mit den Mitteln der Augmented Reality erlaubt, den Erfahrungsraum der damaligen Zeit zu durchstreifen – ähnlich dem, was vor allem junge Leute aus Computerspielen kennen. Wir hatten zuletzt mit ähnlichen Angeboten zu 30 Jahre Mauerfall großen Erfolg. Darüber hinaus produzieren wir zum Beispiel eine Podcast-Reihe, in der zahlreiche Partner und Akteure zu Wort kommen, auch eine Kampagne ist in Vorbereitung.
Wie stellen Sie in den Projekten einen Gegenwartsbezug her? Gerade im Zusammenhang mit dem Erstarken von Nationalismus und Rechtspopulismus, mit der Verharmlosung des Nationalsozialismus in Deutschland und Europa wollen wir ein ganz klares Zeichen setzen im Sinne von „Nie wieder“. Wir erinnern uns, mahnen und gedenken der unzähligen Opfer und sagen zugleich: „Passt auf!“ Am Anfang stand seinerzeit eine demokratische Wahl; auch sie bereitete den Weg in den Nationalsozialismus. Daraus resultiert eine besondere Verantwortung, in der Demokratie entsprechend achtsam zu sein und entsprechende Diskussionen zu führen. Dafür ist dieses Projekt ideal.

Ist das Ausweichen ins Internet in diesem Zusammenhang ein Nachteil?

Nein, das kommt uns in dieser Hinsicht sogar entgegen. Auf diesem Weg erreichen wir in der Zielgruppe der Jüngeren viel mehr Leute. Am Brandenburger Tor hätten wir mit 200.000 Menschen rechnen können, im Netz können wir wesentlich mehr erreichen. Gerade jetzt, in der Isolation, braut sich ja im Netz auch manches Übel zusammen – umso wichtiger ist es, dorthin zu gehen. Wir nutzen die Zwangsflucht ins Internet, um umfangreiche Angebote zu machen, viele Menschen zu erreichen und unsere Botschaften zu hinterlassen.
Wie lange werden die Angebote nutzbar sein? Länger als auf der Straße, da waren zwei Wochen vorgesehen – und das ist ein weiterer Vorteil. Wir starten am 2. Mai mit der Befreiung und dem Kriegsende in Berlin und bleiben mindestens bis zum 2. September als dem internationalen Kriegsende präsent.

Wer liefert die Inhalte?

Wir haben ein Historikerteam im Haus und greifen auf ein gutes Netzwerk unserer Partner aus den Museen und Gedenkstätten zurück. Wir gestalten ein Gemeinschaftsprojekt: Die beiden Hauptpartner sind das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst. Dazu kommen die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, das Alliierten Museum und die Topographie des Terrors.

Was hat sich in den vergangenen Jahren hinsichtlich des Umgangs mit dem Thema geändert?

Das Interesse nimmt zum Glück zu, die Relevanz steigt. Das sieht man auch an den Besucherzahlen der Gedenkstätten. Facetten der Alltagsgeschichte werden umfassender betrachtet, die Vielfalt der Betrachtungsweisen wächst. Die Themen werden vieldimensional beleuchtet. Man erzählt die Geschichten aus verschiedenen Perspektiven – der vermeintliche Gewinner wie der vermeintliche Verlierer. Riesige Neugierde wächst zum Beispiel aus bestimmten Berufsgruppen heraus. Da ergibt sich oft eine bessere Vorstellungskraft und teils Identifikationsmöglichkeit. Es gibt eben nicht die eine Geschichte vom Mai 1945. Das Bild wird heterogener, vollständiger – und damit interessanter.