Man sollte sich jetzt schon überlegen, was man mit der neu gewonnen Zeit anfangen kann.
Foto: imago images

BerlinIch habe vor kurzem ein nepalesisches Brettspiel namens Bagh Chal gekauft. Besonders ist es allein deswegen, weil es asymmetrisch ist. Es besteht aus vier Tiger- und zwanzig Ziegenfiguren. Die Ziegen sind verletzlicher als ihr raubtierhafter Gegner, aber es gibt mehr von ihnen. Sie können sich nur vor den Tigern schützen, wenn sie eng zusammenhocken. In ihrer Anzahl liegt ihre Kraft.

Kein öffentliches Entertainment mehr

Das passt als Metapher für die Corona-Krise insofern, als dass wir kleinen Homo sapiens diesem neuartigen Virus erst mal ausgeliefert sind. Es ist stärker als einige von uns. Aber von uns gibt es sehr viele, und die Solidarität, die man dieser Tage im Verhalten anderer erkennt, vermag es, einen aus der Verdrossenheit herauszuholen, die einen angesichts der Weltlage immer öfter ereilt.

Aber deswegen erzähle ich das gar nicht. Sondern eher, weil es schön ist, sich schon mal mit den Aktivitäten zu beschäftigen, die man zu Hause machen kann. Zum Beispiel Brettspiele, empfohlen sei da neben Bagh Chal auch Backgammon. Und der 600-Seiten Schmöker neben dem Bett freut sich auch, wenn er endlich Beachtung findet. Wenn es kein öffentliches Entertainment mehr gibt, der Kulturbetrieb bis auf weiteres lahm liegt, dann muss man sich eben selber unterhalten. Mal schauen, ob in nächster Zeit mehr Virtual-Reality-Brillen verkauft werden.

Suche nach Geborgenheit

Corona zwingt uns, uns auf den kleinsten Radius zurückzuziehen. Das ist in einer globalisierten Welt ein Ausnahmezustand, wie wir ihn noch nicht erlebt haben. Wir tuckern regelmäßig durch die Gegend, fahren zu Freunden nach München, fliegen nach Lissabon in den Urlaub. Reisen sind ein fundamentaler Teil unseres Lebens geworden. Wir sind Einschränkungen kaum mehr gewohnt. Doch jetzt wird uns ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Es kann gut sein, dass ich die Reisen, die ich für Ende April und Mai geplant habe, absagen muss. Das wird einigen so gehen. Wenn das öffentliche Leben sich so verlangsamt wie gerade, gar bald vielleicht ganz zum Halten kommt wie in Italien, kommt man an etwas ganz Essenzielles ran, an die Basis. Die eigene Wohnung, die Menschen, die mit einem zusammenleben, sollte man das Glück haben, nicht alleine zu wohnen: Der eigene Kokon steht plötzlich wieder viel stärker im Vordergrund.

Zuhausebleiben ist das neue Ausgehen

Die Zukunfts- und Trendforscherin Faith Popcorn prägte den Begriff „Cocooning“ schon vor mehr als dreißig Jahren. Er wird für mehrere Lebensbereiche benutzt, allgemein bezeichnet er ein häusliches Zurückziehen, eine Rückbesinnung, wenn die Außenwelt als zu bedrohlich und negativ empfunden wird. Je chaotischer und unvorhersehbarer sie wird, desto mehr Geborgenheit, Gemütlichkeit und Sicherheit sucht man im eigenen Nest. Das passt doch gut in diese Zeit, in der Zuhausebleiben das neue Ausgehen ist.

Ich weiß, gerade sind wir (noch) nicht in völliger Quarantäne. Aber U-Bahnen und Restaurants sind deutlich leerer, Museen und Theater schon geschlossen, die Schulen ziehen ab Montag nach. Und die Kanzlerin ermahnt die Bürger, auf soziale Kontakte zu verzichten. Aus der notwendigen Wiederentdeckung des eigenen Mikrokosmos kann sich natürlich Besinnlichkeit ergeben. Klar, man ist so übersättigt von und in dieser Welt, da freut man sich auf Ruhe und Zeit zu Hause.

Zeit sinnvoll nutzen

In meinem Umfeld beobachte ich dazu gemischte Reaktionen. Nach dem ersten Ärgernis darüber, dass man schon Karten für eine Theaterpremiere hatte, stellt sich bald bei vielen der zufriedene Stubenhocker-Modus ein. Andere sind nur noch genervt und nervös. Was sollen wir jetzt die ganze Zeit zu Hause machen? Die Decke und der Kopf und alles.

Forscher vom King’s College London schreiben, dass eine angeordnete Isolation zu Depressionen, Angst, Wut, Schlaflosigkeit und einer posttraumatischen Belastungsstörung führen kann. Es sei wichtig, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Da wären wir wieder beim Arbeiten, Lesen und Filmeschauen, bei Brettspielen und Online-Sport.


Wir reisen nicht mehr, gehen nicht zur Arbeit und ins Theater. Unter Corona fährt unser Leben runter. Was bleibt ist viel Zeit und die Möglichkeit, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Einige Betrachtungen am Rande einer Krise: