Die Menschen, die sich heraustrauen, beobachten einander genau.
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BerlinIn der Eingangsszene des Films „I am Legend“ aus dem Jahr 2007 rast Will Smith in einem Sportwagen durch das menschenleere Manhattan. Aus den Ritzen des Asphalts wächst Gras, am Times Square weht es meterhoch im Wind, und Tiere suchen nach Futter. Wo sonst der Autoverkehr den Anschein einer aus dem Chaos hervorgehenden Ordnung erweckt, herrscht unnatürlich-natürliche Stille. Will Smith ist der letzte Mensch, der Überlebende einer Virusepidemie, die nicht nur New York, sondern fast die ganze Welt entvölkert hat. 

Heimlicher Wunsch: Post-apokalyptische Ruhe

Dennoch, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Eva Horn in ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“, „berührt uns dieses Bild des still zerfallenden, menschenleeren und von Ranken überwucherten New York nicht nur als Schreckensbild. Es ist auch ein heimlicher Wunsch: ein Bild post-apokalyptischer Ruhe, die nur einkehren kann, wenn der Mensch endlich wieder verschwunden sein wird.“ Das Kino ist oft auch Produzent ungeheuerlicher Gedanken.

Aber so weit ist es noch nicht, die Pandemie ist ausgebrochen, aber die zerstörerische Wucht hält sich in Grenzen. Wir sprechen über Risikogruppen und Schutzmöglichkeiten in der Hoffnung, dass der Schrecken vorübergehen möge.

Corona aber zielt nicht nur auf unsere Gesundheit, sondern auch auf die Formen unseres Zusammenlebens. Als ich in einer öffentlichen Kantine den Spender von Desinfektionsmitteln mit der bloßen Hand berühre, werde ich umgehend von der Pförtnerin zurechtgewiesen. Sie hat recht, ich widerspreche nicht und eigne mir stattdessen bereits am nächsten Tag die angeratene Ellenbogentechnik an, ohne unnötig verschwenderisch mit der raren Schutzflüssigkeit umzugehen.

Indizien für Egoismus und Rücksicht zugleich

Eine Szene wie diese wäre zuvor vermutlich nicht ohne einen gereizten Dialog einhergegangen. Rechthaberei gegen gesteigertes Selbstbewusstsein. Um einigermaßen stabil durch den urbanen Alltag zu kommen, galt es als unausgesprochenes Gebot, sich nicht unterkriegen zu lassen. Einfach mal die Klappe halten ist in Berlin keine Option. Das Coronavirus aber hat im öffentlichen Raum nun eine altruistische Grundmelodie angespielt, der sich kaum entziehen kann, wer als verantwortungsbewusstes Mitglied der Gesellschaft wahrgenommen werden will. Die lärmende Großstadt ist in vielerlei Hinsicht ein wenig leiser geworden.

Für die Vielfalt sozialer Verhaltensweisen finden sich einander scheinbar widersprechende Beispiele. Für einen wachsenden Egoismus sprechen leegefegte Regale im Supermarkt. Jeder greift nach allem für sich allein. Das Vertrauen in die Lieferketten ist angeknackst. Wer hat, der hat und muss sich nicht darauf verlassen, dass er etwas vom Nachbarn vor die Tür gestellt bekommt.

Aber es gibt auch Indizien für zunehmende Rücksicht, zumindest, wenn man der Achtsamkeit nicht gleich unterstellt, aus purem Selbstschutz zu erfolgen. Das Abstandsgebot am Service-Schalter entfaltet nun seinen doppelten Charakter.

In Zeiten der Krise wächst der Mythos der Gemeinschaft

In Zeiten der Krise wächst der Mythos der Gemeinschaft. In seinem Buch „Minimum“ hat Frank Schirrmacher von der historischen Tragödie der Siedler am Donnerpass erzählt, in der die zunächst stark und kräftig wirkenden Einzelkämpfer ohne familiäre Bindungen im Schneesturm zu Tode kamen, während diejenigen überlebten, denen ihr Familienzusammenhalt oberstes Ziel war.

Wie Mitgefühl, soziale Umsichtigkeit und all das, was man unter dem zuletzt als angestaubt angesehenen Begriff Solidarität zusammenfasst, sich angesichts einer Pandemie bewähren, wird sich in den nächsten Monaten zu erweisen haben.

Schon aber ist festzustellen, dass die Stunde der sozialen Aufmerksamkeit gekommen ist. Man achtet darauf, dass die anderen einem nicht zu nahe kommen, will aber auch nicht verpassen, wenn sich aus ihrem Verhalten etwas fürs Weiterleben lernen lässt. Wir sind nicht, wie Will Smith im Film, der letzte Mensch. Aber ein bisschen fühlt es sich so an, als könnte man am Kudamm gerade das Gras wachsen hören.


Wir reisen nicht mehr, gehen nicht zur Arbeit und ins Theater. Unter Corona fährt unser Leben runter. Was bleibt ist viel Zeit und die Möglichkeit, neue Formen des Zusammenlebens auszuprobieren. Einige Betrachtungen am Rande einer Krise: