Berlin - TASS, die sowjetische Nachrichtenagentur, war zwei Tage lang nicht ermächtigt zu erklären, dass am Sonnabend, den 26. April 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor explodiert war. Aber Gerüchte von einer Katastrophe kursierten. Als dann am Montag um neun Uhr morgens die Warnanlagen im schwedischen AKW Forsmark Strahlenalarm auslösten und die Experten die Ursache nicht in der eigenen Anlage, sondern in der Atmosphäre fanden, hatte die Welt erstmals faktische Informationen, dass eine nukleare Wolke über Europa hinwegzog. Die Nachrichtensperre der trotz neuer Gorbatschow-Töne im alten Trott laufenden Sowjet-Behörden war obsolet.

Den Tisch der Nachrichtenredaktion der Berliner Zeitung erreichten die ersten Anzeichen besonderer Vorkommnisse am frühen Montagabend. Wie in Problemfällen üblich, rief die Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der SED beim Chefredakteur an, der die Weisung an uns Diensttuende übermittelte: In Kürze werde über den Fernschreiber eine TASS-Meldung laufen, die auf der hinteren Politik-Nachrichtenseite zu platzieren sei, an vierter Position von oben, in wohlsortiertem Umfeld.

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