Deutschland will bis 2050 klimaneutral werden. Die Denkfabrik Agora Energiewende legte hierfür einen Fahrplan vor.
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BerlinDie EU, Großbritannien, Japan und Südkorea haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen bis 2050 klimaneutral werden, um die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Doch wie kann es gelingen, keine Treibhausgase mehr in die Luft zu blasen? Antworten für Deutschland geben die Denkfabrik Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und die Stiftung Klimaneutralität. Sie sind Auftraggeber der einjährigen Studie „Klimaneutrales Deutschland“. Die von den Wissenschaftlern von Prognos, dem Öko-Institut und Wuppertal-Institut ermittelten Ergebnisse legten sie in Form eines Fahrplans am Donnerstag in der Bundespressekonferenz vor.

„Wir haben dieses Projekt aufgesetzt, als klar wurde, dass die Bundesregierung zwar die Klimaneutralität bis 2050 beschlossen, aber keinen Plan dafür hat“, sagte Patrick Graichen, Direktor der Agora Energiewende. Eine Etappe auf dem Weg zur Klimaneutralität sei demnach die Reduktion der Treibhausgasemissionen um 65 Prozent bis 2030 im Vergleich zu 1990. Ab diesem Zeitpunkt solle nur noch in klimaneutrale Technologien investiert werden, um die Emissionen in einem zweiten Schritt bis 2050 um 95 Prozent zu reduzieren. Nach dem Atom- und Kohleausstieg folge perspektivisch der Öl- und Gasausstieg.

Elektromobilität ist alternativlos

Besonders der Verkehrssektor stehe unter Druck, Emissionen zu senken. „In den letzten 30 Jahren gab es hier keine absolute Senkung. Wir verharren seit den 90ern bei 160 Millionen Tonnen“, sagte Christian Hochfeld, Direktor der Agora Verkehrswende. Das im vergangenen Jahr von der Bundesregierung beschlossene Klimaschutzprogramm reiche nicht aus. Die Studie schlägt daher einen beschleunigten Ausbau der Elektromobilität vor. Bis 2030 brauche es 14 Millionen E-PKW, bis 2035 werde der Verbrenner in Europa verdrängt. Plug-In-Hybride, die mit 5 Millionen Fahrzeugen in die Rechnung eingehen, seien nur eine Brückentechnologie. Eine staatliche Förderung solle es nach Ansicht der Wissenschaftler nur geben, wenn ein hoher elektrischer Fahranteil nachgewiesen kann.

Auch der LKW-Verkehr müsse elektrisch werden. Bis 2030 schlagen die Forscher einen Anteil von einem Drittel vor. „Anders als beim PKW liegt hier keine dominante Technologie vor. Die Entscheidung müssen wir in zwei bis drei Jahren treffen.“ Möglich seien Oberleitungen, E-LKWs oder Fahrzeuge mit Brennstoffstellen, die über Wasserstoff betrieben werden. Bio- oder synthetische Kraftstoffe sind laut Hochfeld keine Alternative, daher braucht es einen schnellen Wechsel der Fahrzeugflotte. Daneben plädiert die Studie für eine stärkere Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene. Im ÖPNV sei eine Verdopplung der Fahrgastzahlen bis 2035 nötig.

Ohne Wasserstoff keine Klimaneutralität

Entscheidend für die Klimaneutralität sei der Einsatz von Wasserstoff überall dort, wo es keine Alternative gibt. „Der Wasserstoff ist der teure Champagner der Energiewende“, sagte Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität. Ohne ihn sei Klimaneutralität nicht möglich. Denn er solle 2030 hauptsächlich als Brennstoff in bestehenden Gaskraftwerken zum Einsatz kommen und Strom produzieren, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. „Wasserstoff wird ein sehr knappes und teures Gut sein.“ Deutschland werde die benötigte Menge 2050 nur zu einem Drittel selbst erzeugen können.

Der letzte und schwierigste Schritt hin zur Klimaneutralität sei die Einlagerung von CO2, welches durch die Landwirtschaft entsteht. Diese werde 2050 die einzige Branche sein, die noch Treibhausgase emittiere. „Wir sehen keine Alternative für die letzten fünf Prozent. Sinnvoll ist es, das CO2 in alten Gasfeldern und unter der Nordsee einzupressen“, sagte Graichen. Ob das Ziel Klimaneutralität bis 2050 am Ende erreicht werden könne, zeigten die kommenden zehn Jahre. Mit der Studie „Klimaneutrales Deutschland“ liege ein durchgerechneter, technisch machbarer und wirtschaftlich optimierter Vorschlag auf dem Tisch.

Das Bundesumweltministerium begrüßt den Fahrplan

Die Auftraggeber der Studie planen einen Dialog mit Zivilgesellschaft, Parteien und Ministerien zum vorgeschlagenen Fahrplan. Lob für ihren Vorstoß bekommen die Forschenden aus der Wissenschaft. So begrüßt Gunnar Luderer, Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, die verschärften Klimaziele, betont aber gleichzeitig die damit verbundenen großen Herausforderungen. Viele Fragen blieben offen. „Wie können wir beispielsweise die bereits 2030 benötigte Menge an Wasserstoff bereitstellen? Das Ziel der Klimaneutralität führt auch zwingend zur Frage, wie wir CO2 wieder aus der Atmosphäre entnehmen können“, sagte Luderer der Berliner Zeitung. Auch über die Instrumente, die nötig sind, um Klimaneutralität zu erreichen, müsse gesprochen werden. Er fordert, die technischen Optionen und mögliche politische Maßnahmen zu konkretisieren. „Die Agora-Studie ist hierfür erst ein Anfang.“

Auch das Bundesumweltministerium begrüßt die vorgelegte Studie und spricht von Rückenwind. „Frau Schulze hatte bereits bei der Verabschiedung des neuen EEG-Gesetzentwurfs im Kabinett vor wenigen Wochen deutlich gemacht, dass ihr die Pläne von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nicht reichen“, sagte ein Sprecher der Berliner Zeitung. „Zuletzt ging der Ökostrom-Ausbau zu langsam voran, um die Ziele zu erreichen.“ Nach Einschätzung des Ministeriums müsse der Energiesektor die wichtigste Rolle spielen, um die Klimaziele zu erreichen. So sollten beispielsweise Fotovoltaik-Anlagen nach den Vorstellungen von Bundesumweltministerin Svenja Schulze künftig zum Standard bei Neubauten werden.