Berlin - EU-Bürger werden auf ihre Impfungen weiterhin warten müssen. Während Israel mittlerweile über ein Drittel seiner Bevölkerung geimpft hat, sind es in Deutschland nicht mal magere zwei Prozent.

Im Streit über knappe Corona-Impfstoffe ermahnt EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen die Hersteller, ihre vertraglichen Lieferpflichten zu erfüllen. Die EU habe Milliarden in die Entwicklung von Impfstoffen gegen Covid-19 und in den Aufbau von Produktionskapazitäten investiert. „Jetzt müssen die Firmen liefern“, sagte von der Leyen am Dienstag beim Online-Treffen des Weltwirtschaftsforums.

Hintergrund ist der Konflikt der Europäischen Union mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern Astrazeneca. Die EU hat 400 Millionen Impfdosen von der Firma bestellt, die Ende der Woche die Marktzulassung für Europa erhalten könnte. Doch eröffnete das Unternehmen der EU vorige Woche, dass zunächst viel weniger Impfstoff geliefert werde als vertraglich zugesichert.

Bis zum Ende des ersten Quartals sollten 80 Millionen Dosen an die EU geliefert werden. Jetzt sollen es nur 31 Millionen werden. Großbritannien hingegen soll weiterhin nach Plan beliefert werden. Allerdings hatten die Briten ihre Bestellungen bei dem Pharma-Konzern weit vor der EU getätigt. In Großbritannien wird das Vakzin bereits verimpft.

Am Montag gelang es der EU in Krisengesprächen nicht, die Firma zu einer plausiblen Erklärung oder zum Einlenken zu bewegen. Für Mittwoch ist ein weiteres Treffen geplant.

Von der Leyen bekräftigte den Plan eines Transparenzregisters, bei dem Exporte von in der EU produzierten Impfstoffen angezeigt werden müssen. „Europa ist dazu entschlossen, etwas beizutragen“, sagte die Kommissionschefin. Aber sie poche auch auf ernsthaftes Geschäftsgebaren. In Großbritannien befürchtet man inzwischen eine Ausfuhrblockade durch die EU. Auch Biontech/Pfizer hatte bereits zugesagte Lieferungen nicht halten können. Durch die Lieferschwierigkeiten, geringe Produktionskapazitäten und zuvor getätigte Verträge mit anderen Ländern gerät das Versprechen der Bundesregierung, bis zum „Ende des Sommers“ allen Bürgern ein Impfangebot machen zu können, ins Wanken. 

Derweil sind sowohl Pressesprecher des Impfstoffherstellers als auch des Bundesgesundheitsministeriums damit beschäftigt, von Medien in die Welt gesetzte Berichte über eine geringe Wirksamkeit des Impfstoffs zu korrigieren. Den Berichten zufolge solle der Impfstoff von Astrazeneca nur zu acht Prozent bei über 65-Jährigen wirken.

Das Ministerium hält dagegen: „Auf den ersten Blick scheint es so, dass in den Berichten zwei Dinge verwechselt wurden: Rund acht Prozent der Probanden der Astrazeneca-Wirksamkeitsstudie waren zwischen 56 und 69 Jahren, nur drei bis vier Prozent über 70 Jahre (MHRA Zulassung Public Assessment Report). Daraus lässt sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten“, teilte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums mit. Eine Sprecherin des Pharma-Konzerns selbst bezeichnete die Berichte als „komplett falsch“. Bis dahin hatten bereits weltweit Medien die deutschen Meldungen aufgegriffen, so berichtete beispielsweise die Bangkok Post über die offensichtlichen Falschdarstellungen. 

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA), die auch für die Zulassung der Impfstoffe zuständig ist, wertet die Studien aus. Es sei bekannt, dass Astrazeneca nur wenige alte Menschen an den Studien beteiligte. „Mit dem Ergebnis der Auswertung durch die EMA ist am Freitag zu rechnen“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt auf baldige Klarheit über die Einsatzmöglichkeiten für den Corona-Impfstoff des Herstellers Astrazeneca. Auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse solle in der nächsten Woche entschieden werden, welche Gruppen, auch welche Altersgruppen zuerst damit zu impfen wären. In jeder Altersgruppe gebe es Menschen mit Vorerkrankungen, die sich Impfungen erhofften. „Wir werden den Impfstoff in jedem Fall (...) natürlich auch gut gebrauchen können.“

Das Vakzin von AstraZeneca wäre der dritte Impfstoff, der in der EU seine Zulassung erhält. Ende Dezember wurde der Impfstoff von Biontech/Pfizer zugelassen, Anfang Januar erhielt der Hersteller Moderna die Zulassung in der EU. Diese beiden Impfstoffe basieren auf der neuartigen mRNA-Technik. Astrazenecas Impfstoff hingegen ist ein klassischer Vektor-Impfstoff. Biontech/Pfizer soll bis Ende Februar 5,5 Millionen Dosen nach Deutschland liefern, Moderna etwas über eine Million Dosen.