Protest gegen Corona-Auflagen in Berlin.
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In den letzten Wochen verstärkte sich mein Eindruck, dass die Aussage Antisemitismus bekämpfen zu wollen, eher eine Floskel ist als eine echte und aufrichtige Absicht. Alle, die sich als fortschrittlich sehen, wollen Antisemitismus bekämpfen. Bekämpft werden Rechtsextremismus, Rassismus und – hinten dran aber irgendwie nur wie ein Rattenschwanz hinten rangeklatscht – Antisemitismus. Dass er aber etwas anderes ist als Rechtsextremismus und Rassismus, was er bedeutet und was zu tun ist, bleibt verschwommen. Schlimmer noch. Nach meiner Wahrnehmung wird gerade in dieser Zeit eher das Wort Antisemitismus bekämpft als das Phänomen.

Ich will einige Beispiele nennen, wie ich sie gerade erlebe. Bei dem einen geht es um die ewige Frage, ob Israelkritik antisemitisch ist oder nicht. Obwohl die Antwort darauf bereits Tausende Male gegeben wurde, nämlich, dass kein Land der Welt so viel Kritik bekommt wie Israel – so viel, dass es dafür ein eigenes Wort gibt – und dass Kritik kein Problem ist, hält sich der Mythos, dass es gefährlich sei, dies zu äußern. Doch Israelkritik hört da auf, wo sie in Vernichtungsabsichten und lodernden, antisemitischen Hass umschlägt, in wilde Projektionen und wo sie keinen Unterschied macht zwischen Juden und Israel.

Wer nun behauptet, das gebe es gar nicht, das sei alles nur legitime Kritik an „der Politik“ des Staates, hat sich noch nie in den sozialen Netzwerken bewegt. Ich rede gar nicht von den radikalen Islamisten, nicht von Hamas- oder Hisbollah-Anhängern, nicht von Neonazis oder linken Antiimperialisten, die in ihrem Hass auf Israel verblüffend ähnliche Sprachbilder und Illustrationen benutzen. Ich rede von denen, die dem nicht widersprechen. Die das verleugnen. Die das tolerieren. Denen vielleicht nur peinlich ist, dass dies von den „falschen“ Gruppen gesagt wird. Wenn heute also in offenen Briefen an Felix Klein, den Antisemitismusbeauftragten, ernsthaft bestritten wird, dass es so etwas wie israelbezogenen Antisemitismus gibt, kommt das einer Leugnung der häufigsten und aggressivsten Form des Antisemitismus gleich. Ich kann nur sagen, das ist wie ein Faustschlag ins Gesicht für Menschen wie mich, die solches täglich lesen müssen. Ich weiß, wann etwas antisemitisch ist, ich kann sehr wohl unterscheiden, obwohl gerade Juden wie mir dieses Urteilsvermögen immer wieder abgesprochen wird.

Ein anderes Beispiel sind die Verschwörungsmythen bei den Corona-Protesten. Eine davon ist die „QAnon“-Bewegung. Sie basiert auf der bizarren Vorstellung von mörderischen Eliten, die viele diabolische Dinge tun. Eines davon bohrt sich besonders ins Gedächtnis: das grausame Bild von zu Tode erschrockenen Kindern, die gequält werden, deren Blut die Eliten trinken, um jung zu bleiben. Solche Lügen sind nicht „antisemitisch konnotiert“ wie Experten manchmal sagen, das ist blanker Antisemitismus. Mittelalterlich und bewährt. Wer behauptet, das sei lächerlicher Unsinn und der Antisemitismus darin nur ein theoretischer Aspekt, begreift nicht, was hier gerade läuft. Antisemitismus ist eine Gefahr, er soll bekämpft werden und nicht der Begriff.

Im Moment kommt es mir so vor wie in den 1990er-Jahren mit dem Rechtsextremismus. Der wurde auch mit aller Gewalt verleugnet.