Eine jüdisch orthodoxe Familie beobachtet die Leoparden im Biblischen Zoo von Jerusalem.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

KalkiljaAm Tag, als das heftigste Unwetter seit 50 Jahren über den Nahen Osten fegt, sitzen ein Israeli und ein Palästinenser im Zoo von Kalkilja und streiten sich darüber, welche Steine in die Afrikanische Savanne passen. Der Israeli heißt Ammar Obaidat und kommt aus Ostjerusalem. Der Palästinenser, Sami Chader, ist in Saudi-Arabien geboren. In der Afrikanischen Savanne war er noch nie. Das neue Gehege soll so heißen.

Ammar Obaidat schlägt vor, Geröll aus den einheimischen Bergen zu nehmen, das sei das einfachste. Sami Chader erklärt, dass Steine in Afrika dunkler sind, habe er im Internet gesehen.

„Steine sind Steine“, sagt Ammar Obaidat.

„Afrikanische Steine sind anders“, sagt Sami Chader.

„Aber wir sind nicht in Afrika, woher sollen wir afrikanische Steine nehmen!“

„Wir bauen sie“, schlägt Sami Chader vor.

„Bauen?“, ruft Ammar Obaidat.

„Ja, wir nehmen Steine von hier und malen sie afrikanisch an.“

Sami Chader lacht wie über einen grandiosen Einfall. Ammar Obaidat lacht nicht.

Der Israeli Ammar Obaidat.
Foto laif/Jonas Opperskalski

Es ist Sonnabendmorgen. In dicken Jacken sitzen die Männer in einem kleinen Raum und trinken arabischen Kaffee aus Pappbechern. Sami Chader, den alle nur Dr. Sami nennen, hat sein Walkie-Talkie auf den Tisch gelegt. Ammar Obaidat – Ammar – macht sich Notizen. Der dritte Mann im Raum, mit Lederjacke und Gel im Haar, raucht Kette und tippt auf seinem Handy. Er ist der Chef des Zoos.

Die Luft steht. Draußen stürmt es. Vor den Fenstern, die mit brauner Folie zugeklebt sind, stehen die Karussells still, die Eisbuden sind geschlossen, die Picknicktische leer, am Rand des Wasserbeckens liegen Plastikboote auf dem Trockenen. Die Tiere haben sich zurückgezogen: der Löwe, der mit seiner Pranke gegen das Gitter schlägt, wenn er Hunger hat, der Bär, der einem Jungen die Hand abgebissen hat, als der ihn füttern wollte, die Affenmutter, die ihre Babys getötet hat.

Einst war der  Zoo Kalkiljas ganzer Stolz

Kalkilja befindet sich im westlichsten Zipfel der palästinensischen Gebiete, 20 Minuten mit dem Auto von Tel Aviv entfernt. Die Stadt hat 40.000 Einwohner, eine acht Meter hohe Mauer, drei Checkpoints und einen Zoo, den einzigen im ganzen Westjordanland. Als er gegründet wurde, 1986, standen die Grenzen zu Israel offen, der Bürgermeister von Kalkilja wollte seinen Bürgern etwas Besonderes schenken, einen Ort, an dem sie sich vergnügen können, mit Karussells und Tieren zum Angucken. Israelische Zoos spendeten Löwen, Giraffen, Kängurus, was sie gerade übrig hatten.

Ammars Schützlinge: Asiatische Elefanten im Jerusalemer Zoo. Sie sind ein Geschenk des thailändischen Königs.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

Der Zoo, eher Rummel als Tierpark, war bald die Attraktion von Kalkilja, ihr ganzer Stolz. Die Besucher kamen aus dem ganzen Land, um den Löwen brüllen zu hören und die frechen Affen zu bestaunen. Wenn ein neuer Bürgermeister sein Amt antrat, wünschte er sich einen neuen Bären und ernannte einen neuen Zoochef. Die Arbeit aber machte vor allem einer: Dr. Sami, 62, klein, rundlich, viel Energie, müde Augen. Er ist Tierarzt, hat aber in Saudi Arabien auch einen Präparierungskurs gemacht. Er weiß, wie man mit lebenden Tieren umgeht - und auch mit den toten.

Eine tote Giraffe in Kassel

Es gibt keine Statistik, wie viele Tiere in Kalkilja gestorben sind, aber ihre Geschichten kennt jeder. Die berühmteste handelt von Brownie, der Giraffe. Es war während der Zweiten Intifada. In der Schule nebenan fielen Schüsse, Brownie drehte durch, rannte gegen eine Wand, fiel um. „Und wenn eine Giraffe einmal liegt“, Sami Chader schlägt die Augen nieder, „steht sie nie wieder auf.“

Er hat die Geschichte schon oft erzählt, von der palästinensischen Giraffe, die in der Intifada ihr Leben ließ, eine Märtyrer-Giraffe. Brownies Frau Ruti starb kurz darauf „an Kummer“, und mit ihr das ungeborene Giraffenbaby. Dr. Sami zog den toten Tieren die Haut ab, stopfte sie aus und stellte sie wieder auf, in einem kleinen Lehmbau am Rand der Anlage, seinem „Naturkundemuseum“. Brownie steht gleich hinter dem Eingang. Das Zebra, das an Tränengas erstickte, liegt im Nachbarraum zwischen zwei Bären, mit Blut auf dem Fell wie nach einer verlorenen Schlacht.

Das Museum der toten Tiere

Dr. Sami weiß sich zu helfen, aus der Not eine Tugend zu machen, und er liebt das Dramatische. Besucher fordert er auf, in die Ausstellung zu klettern und sich zwischen die Bären zu stellen. Fürs Foto. Beim ersten soll man so tun, als hätte man Angst, beim zweiten mit den toten Bären tanzen. Den Raum mit den Giraffen hat er in den Farben des Fells gestaltet, gelb mit schwarzen Streifen. Aus den Knochen, für die er keine Verwendung fand, hat er eine Wand gebastelt.

Das Museum der toten Tiere war bald die eigentliche Attraktion im Zoo, eine Metapher für das Leben in der leidgeprüften Stadt. Einmal kam ein deutscher Künstler nach Kalkilja, nahm den ausgestopften Brownie mit und stellte ihn in der Documenta in Kassel auf. Dr. Sami hat bis heute nicht so richtig verstanden, was seine tote Giraffe auf einer deutschen Kunstausstellung zu suchen hatte. Aber die Aufmerksamkeit stachelte seinen Ehrgeiz an.

Dr. Sami Chader (62) vor einer Giraffenstatue.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

Er schrieb Zoos aus der ganzen Welt an, schilderte die „vielen Schwierigkeiten in unserer besetzten Stadt“, berichtete von der Mauer, „die uns davon abhält, den Zoo weiter zu entwickeln“, bat um Kooperation, fragte, ob sie eine neue Giraffe für ihn hätten, ein Elefant wäre auch schön.

Niemand antwortete, nur der Safaripark aus Hannover schrieb: „Lieber Sami Chader, vielen Dank für Ihre Mail. Der Zoo in Hannover ist Mitglied der Europäischen Vereinigung für Zoos und Aquarien (EAZA) und dem Dachverband WAZA. Der Austausch von Tieren muss nach den Regeln dieser Institutionen erfolgen.“

Außerdem wiesen sie darauf hin, dass die Vermittlung von Giraffen und Elefanten „sehr heikel“ sei und es dafür besonders hohe Ansprüche gebe. Eine klare Absage, in der auch ein bisschen Verwunderung mitklingt, warum man in Palästina so etwas nicht weiß.

Der Zoo in Gaza ist ein kriminelles Geschäftsmodell

Sami Chader sucht die Mail, mit der alles begann, auf seinem Computer. Das dauert ewig, der Computer ist alt, das Internet schlecht, man bekommt eine Ahnung davon, wie abgeschnitten Kalkilja von der Welt ist, wie der Veterinär vor zwölf Jahren den EAZA-Aufnahmeantrag ausfüllte und Fragen beantworten musste, über die er sich nie Gedanken gemacht hatte: Was ist das Leitbild Ihrer Einrichtung? Werden der Zustand aller Tiere jeden Tag durch geeignetes Personal geprüft? Was waren Ihre Forschungsprojekte in den letzten drei Jahren?

Es gibt seit langem Diskussionen darüber, ob man Tiere in Gefangenschaft halten sollte, ob Zoos in die Stadt gehören, unter Menschen. Aber dort, wo die Bedingungen am schlechtesten sind, kommen diese Diskussionen kaum an. In Gaza schmuggelt ein Geschäftsmann Löwen und Tiger durch Tunnel aus Ägypten, sperrt sie in Käfige, und wenn es Proteste dagegen gibt, verkauft er sie an Tierschutzorganisationen, um sich bald danach neue zu besorgen. Der Zoo in Gaza ist ein kriminelles Geschäftsmodell, nicht zu vergleichen mit dem in Kalkilja. Aber auch hier ging es den Tieren nicht gut. Und Schuld daran hatte nicht nur die Intifada.

„Kein Wunder, dass so viele Tiere starben“

Ammar sagt, er sei entsetzt gewesen, als er das erste Mal nach Kalkilja kam. Winzige Käfige, kein Rückzugsraum für die Tiere, Pfleger, die vielleicht wussten, wie man Tiere schlachtet, aber nicht, wie man sie hält, Zoo-Direktoren, die redeten wie Fatah-Funktionäre, Besucher, die Tiere mit Steinen bewarfen oder versuchten, sie mit Zuckerwatte zu füttern.

„Sie hatten keine Ahnung, was ein Zoo ist, kein Wunder, dass so viele Tiere starben.“ Dr. Sami, beschreibt er als „Tierarzt mit großen Träumen“, der sich seine Ideen aus dem Internet holte, aber keine Befugnis hatte, etwas zu ändern. Er sei der einzige Vernünftige von allen Leuten dort gewesen. Ammar lacht. „Naja, so vernünftig wie man unter diesen Umständen eben sein kann.“

Das Video zeigt den Biblischen Zoo von Jerusalem.

Video: YouTube/Freedom Kind Video

Er ist 43 Jahre alt, kommt aus einem Beduinendorf zwischen Totem Meer und Jerusalem, ist mit Ziegen und Schafen aufgewachsen, spricht arabisch, hat zehn Geschwister, ist israelischer Staatsbürger, nennt sich Palästinenser, kennt beide Seiten des Konflikts. Im Biblischen Zoo von Jerusalem fing er 1999 als Gärtner an, heute leitet er das Elefantengehege.

Der Zoo wurde 1940 von einem Insektenforscher gegründet, einem begeisterten Zionisten, der Tiere aus dem Alten Testament sammeln wollte – und wohl auch nicht ahnte, auf was er sich einlässt. Nach dem ersten Nahostkrieg, 1948, lagen die Gehege plötzlich auf jordanischem Gebiet, die Vereinten Nationen halfen beim Umzug.

Im Sechs-Tage-Krieg 1967 starben 110 von 500 Tieren. Wenn Frieden herrschte, beschwerten sich Anwohner über den Gestank, neue Wohnviertel rückten näher, immer war der Zoo im Weg. In Jerusalem, der heiligen Stadt, geht es um Religionen und Weltanschauungen, Tiere spielten hier – ähnlich wie in Kalkilja – keine Rolle, zumindest keine lebenden.

Erst, als Bürgermeister Teddy Kolek 1990 entschied, den Zoo in ein abgelegenes Tal mit Hochspannungsleitungen an der Grenze zum Westjordanland zu legen, kehrte Ruhe ein, wurde ein neuer Zoo angelegt, eine 40 Hektar große Oase mit weitläufigen Gehegen, Wasserfällen und Hängebrücken, in denen man den Tieren nahe sein kann, ohne sie zu stören.

Eine Welt, in der religiöse Gefühle so wichtig sind wie Naturgesetze und die Zoo-Leitung stolz darauf ist, Juden und Araber zu beschäftigen, eine „große Familie“ zu sein.

Die Schilder sind auf Hebräisch, Arabisch und Englisch beschriftet. Vor dem Gehege des Nabelschweines weist ein Schild die Besucher darauf hin, dass „dies kein Schwein“ ist, weil Schweine bei Juden und Moslems als unrein gelten. Im Aquarium schwimmen junge Wasserschildkröten, denen Flossen fehlen, weil sie sich im Meer in Plastiktüten verfangen haben.

Die Affen hat Dr. Sami selbst zu Hause aufgezogen: Sie wären sonst von ihrer Mutter getötet worden.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

Der Damhirsch, der in den Bergen der Region als ausgestorben galt, wird gezüchtet und ausgewildert. Der Orang-Utan hat gerade einen Preis gewonnen. Vor dem Löwengehege läuft laut betend ein Ultraorthodoxer auf und ab. Er kommt jeden Tag, sagt Ammar. Genau wie Bracha und Chaim, ein älteres Paar, das auf der Bank sitzt und ihn darüber informiert, dass es den Elefanten heute wieder sehr gut geht.

Kriege, Checkpoints, Isolation

Längst leben hier nicht mehr nur Tiere aus der Bibel. Auch der Jerusalemer Zoo, eine private Institution, die mit Spendengeldern finanziert wird, musste sich auf die Anforderungen der Zoo-Vereinigung einstellen. Er ist Touristenattraktion Nummer eins in Israel, aber auch Zucht-, Pflege- und Ausbildungseinrichtung. Ammar gibt Schulungen für artgerechte Tierhaltung auf der ganzen Welt. Als ihn sein Chef vor sechs Jahren fragte, ob er Mentor vom Zoo in Kalkilja werden will, hat er sofort Ja gesagt.

Die Europäische Vereinigung für Zoos und Aquarien (EAZA) ist eine Naturschutz-Verband, dem ca. 300 Zoos, Aquarien und Zooverbände aus Europa und dem Nahen Osten angehören. In dem Video erklärt der Verband seine Aufgaben.

Video: YouTube/EAZAvideo

Die Palästinenser waren zunächst nicht so begeistert, dass die EAZA ausgerechnet Israel für die Patenschaft ausgesucht hatte. Es war vor allem eine praktische Entscheidung, denn die beiden Zoos, so verschieden sie sind, haben vieles gemeinsam.

Kriege, Checkpoints, Isolation. „Wenn ein Tier in Europa in einen anderen Zoo umzieht, wird es einfach auf einen Lkw geladen und fertig“, sagt der Jerusalemer Zoologe Noam Werner, „hier können wir es nicht mal schnell nach Jordanien bringen.“ Gerade muss er einen Hai loswerden und findet keinen Abnehmer. Das Aquarium in Abu Dhabi hatte bereits zugesagt, aber die Regierung erklärte: „Wir machen keine Verträge mit Israelis.“

Das größte Problem: Platzmangel

Ammar sagt, dass die Zusammenarbeit mit Kalkilja nur funktioniert, weil Politik keine Rolle spielt. Was natürlich nicht stimmt. Es ist eher so, dass Umwelt- und Tierschutz in der israelischen und palästinensischen Politik keine große Rolle spielen. Die Zoos können machen, was sie wollen, solange sie sich an die Regeln der israelischen Besatzer halten. Ammar zum Beispiel kann als Araber problemlos über die Grenzübergänge fahren, sein Chef oder der Zoologe, beide Juden, müssen ein halbes Jahr vorher einen Antrag stellen.

Dr. Sami Chader.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

Wenn Dr. Sami mit seinen Angestellten zu Schulungen nach Jerusalem fährt, brauchen sie eine Sondergenehmigung, und manche Pfleger dürfen nicht mit, weil sie schon mal in israelischen Gefängnissen saßen. Auch Dr. Samis Plan, den Sportplatz neben dem Zoo verlegen zu lassen, um so mehr Platz für Gehege zu haben, scheiterte an den Besatzern. Die Ersatzfläche lag in Zone C, die israelische Militärverwaltung bestimmt, was hier gebaut werden darf und was nicht.

Die Geschichte von den drei Löwen ohne Mähne

Platzmangel ist das größte Problem in Kalkilja, sagt Dr. Sami. Die Einstellung der Menschen zur Natur zu ändern, sei die eigentliche Herausforderung, sagt Ammar. In den ersten Monaten habe er nur daran gearbeitet. „Ich habe gesagt, ihr habt eine Mission, einen Bildungsauftrag. Jedes Jahr kommen 300.000 Schüler hierher. Sie sollen lernen, eine Schlange, die sie in der Natur sehen, zu respektieren und nicht zu töten.“

Er hat ihnen erklärt, dass Käfige, die von allen Seiten offen sind, Stress verursachen, weil die Tiere sich ständig beobachtet fühlen. Er hat Schulungen durchgeführt, gezeigt, dass man Tiere nach Futter suchen lässt wie in der echten Natur, weil sie dann aktiver sind.

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Auch die Tier-Lieferungen aus Israel wurden gestoppt. Bei den sogenannten Spenden handelte es sich um Löwen, Affen, Kängurus, die die Zoos in Ramat Gan, Haifa und Jerusalem loswerden wollten, weil ihre Gehege zu klein wurden oder sie nicht ins Zuchtprogramm passten. Ammar spricht von „Zoo-Müll“. Und Dr. Sami erzählt die Geschichte von den drei Löwen ohne Mähne.

Weil sie kastriert worden waren, bevor sie auf die Reise ins Westjordanland gingen, fielen ihnen die Haare aus. Sie sahen aus wie gerupfte Hühner. Dr. Sami erklärte den Besuchern, dass es sich um eine besondere Löwen-Art handelte. Einer der Löwen steht heute ausgestopft in seinem Museum. Mit Mähne. Dr. Sami lächelt, wie er immer lächelt, wenn er von einer guten Idee erzählt. Er hat dem Löwen nach seinem Tod Kunsthaare angenäht.

Ammars eigener Zoo-Versuch scheiterte

Ammar besteht darauf, dass nur noch Tiere nach Kalkilja kommen, die ins Programm des Zoos passen, lieber kleine als große. Kängurus zum Beispiel. Ihr Gehege – Australien – ist der erste von acht Bauabschnitten, der fertig ist. Der zweite, ein Kinderzoo, ist im Bau, der dritte – die afrikanische Savanne – befindet sich in der Planung. Hier sollen Zebras und Nashörner leben. Und Giraffen. Dr. Sami kann es kaum erwarten. Fast 20 Jahre sind seit Brownies Tod vergangen, und er hat Angst, dass es sich die Zoo-Vereinigung doch noch anders überlegen könnte.

Er weiß, wovon er spricht. Bevor Ammar Mentor in Kalkilja wurde, hatten die Palästinenser auf eigene Faust versucht, den Zoo artgerecht umzubauen. Und alles falsch gemacht. Die Gehege waren nicht nur zu klein und zu niedrig, sondern lagen auch alle nebeneinander wie Geschäfte in einer Einkaufsstraße. Der Löwe neben dem Wolf, die Krokodile neben dem Bären. „Der Besucher darf, wenn er vor einem Tier steht, kein anderes im Blickwinkel haben, sondern soll sich voll und ganz auf eine Art konzentrieren können“, doziert Dr. Sami, als zitiere er einen Merksatz aus einem Zoo-Lehrbuch.

Abgrenzung des neuen Geheges ist ein heikles Thema

Für die Planung der Afrikanischen Savanne hat er sich im Internet Landschaften angesehen und Zeichnungen ausgedruckt, auf denen man sieht, wie dunkel die Steine sind. Nur Ammar will das nicht begreifen, er beharrt darauf, dass es darauf ankommt, natürliche Materialien zu benutzen, die Farbe sei nicht so wichtig.

Ammar schlägt vor, den Architekten, einen Holländer, die Frage entscheiden zu lassen. Dr. Sami nickt, nicht besonders überzeugt. Die Tür geht auf, ein Mann stellt eine Sprite-Flasche auf den Tisch. In der Flasche befindet sich eine Schlange. „Hat jemand abgegeben“, sagt der Mann, und macht die Tür wieder zu.

Problembär: 2017 biss Dani einem Elfjährigen, der ihn füttern wollte, die Hand ab.
Foto: laif/Jonas Opperskalski

Die Männer starren auf die Schlange. Das nächste Thema ist noch heikler. Es geht um die Abgrenzung des neuen Geheges. In Jerusalem führt ein Holzsteg durch die Afrikanische Savanne, in Kalkilja geht das nicht. Die Gefahr, dass Besucher Dinge ins Gehege werfen, Tiere mit Süßigkeiten füttern oder versuchen, zu ihnen zu klettern, ist zu groß. Der Unfall mit dem Bären, der dem Jungen die Hand abbiss, ist gerade mal drei Jahre her, er warf den Masterplan um Monate zurück.

Erst wollte der Bürgermeister den Bären erschießen, dann am liebsten das ganze Projekt abblasen. Dr. Sami hat noch einen zweiten Zaun vor das Gehege bauen lassen und dem Bürgermeister erklärt, weder der Bär sei schuld noch der Junge. Das Projekt sei jetzt umso wichtiger. Und Ammar hat erzählt, dass sie in Jerusalem ähnliche Probleme hatten und es schon viel besser geworden sei.

Wie stopft man einen Hasen aus?

Manchmal scheint es, als seien sie die einzigen, die noch an das Projekt glauben. Die Fünf-Jahres-Frist für die EAZA-Bewerbung ist im letzten Jahr abgelaufen, aber sie konnten sie noch einmal um drei Jahre verlängern. „Es ist eine tolle Sache, aber ich glaube nicht, dass sie es schaffen“, sagt Noam Werner, der Jerusalemer Zoologe.

Der Bürgermeister von Kalkilja will vor allem, dass der Kinderzoo endlich fertig wird. Der gelangweilte Zoo-Chef fragt, warum er nicht interviewt wird, sondern Dr. Sami. Wenn man ihn fragt, was er sagen möchte, erinnert er daran, dass die Israelis nicht die Osloer Verträge einhalten, Israel sei Schuld an der Situation.

Der holländische Dokumentarfilm "Waiting for Giraffes" begleitet die Geschichte des Kalkilea-Zoos, dem einzigen Zoo auf palästinensischem Boden.

Video: YouTube/Film Forum

Ammar sagt, dass Dr. Sami zu viel gleichzeitig mache. Er hat auch noch eine Tierarztpraxis, und sein Hobby, das Präparieren von Tieren, will er auch nicht aufgeben. Gestern hat ihm ein Bauer zwei Hirschköpfe vorbeigebracht, und in der nächsten Woche kommt eine Schulklasse, der er zeigen wird, wie man einen Hasen ausstopft.

Gedruckte Fische für das Aquarium

Das Reich der Toten, so scheint es, ist leichter zu beherrschen als das Chaos der Lebenden. Als Ammar zurück nach Jerusalem gefahren ist, gibt Dr. Sami eine Führung durch den Zoo, spricht mit den Affen, prüft mit dem Besenstiel, wie fest die Krokodile schlafen, zeigt zum Spielplatz, ruft: „Das hier wird die Afrikanische Savanne“, läuft im Naturkundemuseum zwischen ausgestopften Affen, Adlern und Bären herum und schließt das Nachbargebäude auf, in dem sich ein weiteres Museum befindet, das „Museum für alles Mögliche“. So hat er es genannt. Zu den Exponaten zählen ein Brunnen, ein Vulkan, ein Dinosaurier, eine Weltkugel und eine Challenger-Rakete. Alles selbstgebastelt.

Seine neueste Errungenschaft ist ein großer, weißer Drucker. Damit will er Fische ausdrucken, für ein künstliches Aquarium. Das Korallenriff ist schon fast fertig. Es steht auf seinem Schreibtisch. Er hat es aus Schläuchen, die für Wasserpfeifen verwendet werden, gebaut, und muss es nur noch anmalen. Wie die Steine für die Afrikanische Savanne.