Hannover - Das Laufen fällt Hans von Möhlmann zunehmend schwer. Der groß gewachsene Mann muss demnächst wieder ins Krankenhaus. Die Gefäße in beiden Beinen werden nicht mehr richtig durchblutet. Es sieht nicht gut aus, sagt er mit seiner etwas heiser klingenden Stimme. Von Möhlmann sitzt vor dem Fenster seines Balkons, den Rücken leicht gekrümmt, den Blick in die Ferne gerichtet. Die Gehhilfe lehnt am Tisch. In einem Aquarium schwimmen Guppys.

Von Möhlmann lebt, könnte man meinen, undercover in dieser Wohnung in Hannover. An der Türklingel der Wohnung steht sein Name nicht. Die Adresse ist auch nicht im Telefonbuch zu finden. Er will nicht, dass der Mann vor seiner Tür steht, den er bezichtigt, seine Tochter getötet zu haben. Hans von Möhlmann kämpft seit Jahrzehnten einen Kampf, den er nach dem Gesetz nicht gewinnen kann. Der 78-Jährige will Gerechtigkeit, will, dass der mutmaßliche Mörder seiner Tochter Frederike vor Gericht gestellt wird. Doch da ist das Recht, das der Gerechtigkeit entgegensteht. Und den mutmaßlichen Mörder schützt.

Hans von Möhlmann sagt, er wisse, wer seine Tochter 1981 vergewaltigt und getötet hat. Die Polizei kennt den mutmaßlichen Täter auch, ebenso die Staatsanwaltschaft. Nur sind dem Vater und den Ermittlern die Hände gebunden. Und Hans von Möhlmann muss sogar mit einer Anzeige rechnen, wenn er den Mann einen Mörder nennt. Denn der Tatverdächtige stand vor 40 Jahren schon einmal wegen Mordes an Frederike vor Gericht. Aus Mangel an Beweisen wurde er in zweiter Instanz freigesprochen.

DNA-Muster passte zu Ismet H.

Gegen den Mann gibt es neue, stichhaltige Beweise. Seit Jahren schon. Doch das spielt keine Rolle. Der mutmaßliche Täter darf nicht noch einmal wegen Mordes angeklagt werden. Ein rechtskräftiger Freispruch bleibt in Deutschland ein Freispruch, auch wenn es ein falscher Freispruch ist. So soll der Rechtsfrieden gewahrt werden. Nur ein Geständnis kann dieses gesetzlich verankerte Prinzip ändern. Oder vielleicht ein Mann wie Frederikes Vater.

Hans von Möhlmann war 38 Jahre alt, als seine jüngste Tochter umgebracht wurde. Frederike war 17, ein hübsches Mädchen, gut in der Schule und musikalisch. Am 4. November 1981 besuchte sie – wie jeden Mittwoch – die Chorprobe in der Stadtkantorei im niedersächsischen Celle, die Probe endete gegen 19.30 Uhr. Zu dieser Zeit fuhr längst kein Bus mehr in ihr Dorf. Das Mädchen borgte sich zwei Groschen, um zu telefonieren. Sie wollte vermutlich zu Hause anrufen, um abgeholt zu werden. Doch sie erreichte wohl niemanden. Sie entschied sich, die 14 Kilometer lange Strecke nach Hambühren-Oldau zu trampen – häufig schon war sie per Anhalter gefahren. Doch diesmal kam sie zu Hause, bei ihrer Mutter, nie an. Frederikes Eltern lebten damals schon getrennt.

Vier Tage lang fuhr Hans von Möhlmann nach Celle, suchte mit nach Frederike. Vier Tage hoffte der Sozialarbeiter, seiner Tochter sei nichts passiert. Nach vier Tagen entdeckten Spaziergänger die Leiche der Jugendlichen in einem Waldgebiet südlich von Hambühren. Wie die Obduktion ergab, war Frederike vergewaltigt worden. Der Mörder rammte ihr anschließend ein Messer zweimal tief in die linke Brustseite und durchstieß dabei das Herz und die Lunge. Der Rechtsmediziner zählte sieben weitere Messerstiche. Als Frederike von Möhlmann bereits im Sterben lag, durchschnitt ihr der Täter die Kehle. 

In erster Instanz zu lebenslanger Haft verurteilt

Als Tatverdächtiger festgenommen wurde sehr bald Ismet H. Reifenspuren am Tatort hatten die Ermittler zu dem 22-Jährigen geführt. Sie stammten von einem BMW 1602 – so ein Auto fuhr H. Der Verdächtige leugnete, etwas mit dem Mord an Frederike zu tun zu haben. Er gab an, zur fraglichen Zeit zu Hause gewesen zu sein, er nannte Zeugen, die sein Alibi aber nicht bestätigen konnten.

Ismet H. musste sich vor dem Lüneburger Landgericht wegen Mordes und Vergewaltigung verantworten. Am 1. Juli 1982 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Ausschlaggebend für die Entscheidung war die ungewöhnliche Kombination aus sieben Faserspuren, die an Frederikes Latzhose, Pullover, Nicki und Slip gefunden worden waren. Sie stimmten mit Faserproben von den Schonbezügen, Sitzkissen und einem im Fußbereich liegenden Teppich aus dem Auto des Tatverdächtigen überein.

Hans von Möhlmann war bei dem Prozess nicht dabei. Er lag in einer Klinik. „Ich war damals zusammengebrochen“, erinnert er sich. Vier Monate habe er in der Psychiatrie in Hildesheim verbracht. Von Möhlmann fühlte sich schuldig. Seine Tochter war ein Scheidungskind, und er hatte nun nicht mehr die Chance, Versäumtes nachzuholen.

In der Klinik lernte er Marianne Bachmeier kennen. Die Frau sollte begutachtet werden, weil sie kurz zuvor im Landgericht in Lübeck den Mörder ihrer sieben Jahre alten Tochter Anna erschossen hatte. „Wir haben uns einige Male im Klinikrestaurant getroffen“, erzählt Frederikes Vater. Marianne Bachmeier habe ihm von ihrer Rache erzählt. „Für mich kam so eine Tat nicht infrage. Ich wollte keine Selbstjustiz. Ich habe auf den Rechtsstaat vertraut.“

Faserspuren mit „äußerst geringem Beweiswert“

Auch als der Bundesgerichtshof das Urteil gegen Ismet H. 1982 aufhob und zur Neuverhandlung an das Landgericht Stade verwies, war dieses Vertrauen noch da. Beim zweiten Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter saß Hans von Möhlmann dem Angeklagten gegenüber. Auch das, was dann geschah, akzeptierte er, „weil ein Gericht Recht gesprochen hatte“, wie er sagt. Ein Gutachter konnte die Reifenspuren am Tatort nicht mehr dem Auto des Angeklagten zuordnen. 

Zudem war für die Richter nicht bewiesen, dass Frederike im Wagen von Ismet H. gesessen hatte. Die Übereinstimmung der vielen Faserspuren an der Kleidung der Toten mit Gewebeproben aus dem Fahrzeug des Angeklagten hätten nur einen „äußerst geringen Beweiswert“, steht im Urteil. Ismet H. wurde freigesprochen.

„Für mich war damals klar, er ist nicht der Mörder, er ist unschuldig“, sagt Hans von Möhlmann. Die Jahre der Ungewissheit, die dann folgten, wurden für ihn zur Tortur. Bei jedem Mord in der Region, von dem im Fernsehen berichtet wurde, bei jeder Vergewaltigung rief er die Polizei an, bohrte nach, ob es nicht einen Zusammenhang zum Mord an seiner Tochter geben könnte. Die Suche nach Frederikes Mörder füllte sein Leben aus. Die Zeit verging. Von Möhlmanns Haare wurden grau.

Im Jahr 2012 schrieb Frederikes Vater, mittlerweile 69 Jahre alt, einen Brief an den niedersächsischen Innenminister. Er werde nun bald 70. Bevor er sterbe, wolle er wissen, wer seiner Tochter das angetan habe. Es war ein Hilferuf. Er wurde gehört. Der Innenminister setzte eine Sonderkommission ein, die den Mordfall Frederike klären sollte. Die Ermittler fingen ganz von vorn an, sie lasen die Akten, gingen die Asservate durch.

An Frederikes Slip stellten sie ein Sekret sicher, das sie ins Labor schickten. Zur DNA-Analyse, die es in den 1980er-Jahren noch nicht gegeben hatte. Das DNA-Muster der Spur konnte bestimmt werden. Es war der genetische Fingerabdruck des Täters, der mit der DNA eines Haares übereinstimmte, das ebenfalls zu den Asservaten im Mordfall Frederike gehörte. Es war das Haar von Ismet H.

Paragraf 362 schützt den Täter vor neuem Prozess

Hans von Möhlmann brach in Tränen aus, als er von der Übereinstimmung hörte. Er wusste nun, wer seine Tochter vergewaltigt und umgebracht hatte. Und Mord verjährt nicht. Also würde der Täter doch noch seine gerechte Strafe bekommen, dachte von Möhlmann. Doch die Freude darüber währte nicht lange. Frederikes Vater erfuhr, dass der neue Beweis, die DNA-Spur, die heute als wichtiges Indiz bei der Überführung von Tätern zählt, keine Bedeutung hatte. Denn in der Strafprozessordnung gibt es den Paragrafen 362. Danach kann ein Verfahren, das durch ein rechtskräftiges Urteil abgeschlossen wurde, nicht wieder aufgenommen werden. Es hieße denn, der Freigesprochene legt ein Geständnis ab. Doch Ismet H. schwieg.

Der Fall lasse auch ihn nicht mehr los, sagt Wolfram Schädler. Seit sieben Jahren ist er der Anwalt von Hans von Möhlmann. Seit sieben Jahren kämpft auch er diesen Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Als er die Akten durchgegangen war, wusste Schädler, dass Ismet H. strafrechtlich nicht mehr belangt werden konnte. „Doch mein Mandant und ich wissen: Wir verlieren nicht durch Niederlagen, sondern durch Kämpfe, die wir nicht gekämpft haben.“

Der einstige Bundesanwalt Schädler wählte den Weg des Zivilverfahrens, auch um den Fall Frederike wieder in die Öffentlichkeit zu bringen. Hans von Möhlmann verklagte Ismet H. auf Schmerzensgeld. Doch das Oberlandesgericht Celle wies die Klage in zweiter Instanz ab, weil die Ansprüche verjährt waren. „Dabei hatte Frederikes Vater nie eine Chance, sie rechtzeitig anzumelden“, sagt der Anwalt.

Trotzdem empfindet Schädler eine gewisse Genugtuung, wenn er an das Verfahren denkt. Die Medien berichteten groß über den Zivilprozess. Und Ismet H. beteuerte in dem Verfahren nicht, dass er unschuldig sei. Schädler sagt, in der Entscheidung des Oberlandesgerichts werde das Wort Mörder zwar nicht erwähnt. Doch hielten die Richter immerhin fest, dass der Beklagte die Tochter des Klägers vergewaltigt und getötet habe.

Reform des Paragrafen steht im Koalitionsvertrag

Was ist seit dieser Entscheidung geschehen? 105.000 Menschen unterschrieben eine erste Petition, die Hans von Möhlmann auf den Weg gebracht hatte und in der die Änderung des Paragrafen 362 gefordert wurde. Und in ihrem Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und die SPD 2018 eine Reform der Strafprozessordnung in diesem Punkt vereinbart und das SPD-geführte Bundesjustizministerium mit der Ausarbeitung eines entsprechenden Gesetzentwurfs beauftragt.

Doch so einfach ist eine Änderung offenbar nicht, auch wenn sie nur verschwindend wenige Fälle betreffen würde. Nach Angaben des CDU-Bundestagsabgeordneten und rechtspolitischen Sprechers der CDU/CSU-Fraktion, Jan-Marco Luczak, lehnt Justizministerin Lamprecht eine Änderung des Paragrafen 362 mittlerweile ab. Sie befürchtet, dass auch das Grundgesetz geändert werden müsste. Artikel 103 schreibt vor: „Niemand darf wegen derselben Tat auf Grund der allgemeinen Strafgesetze mehrmals bestraft werden.“

Luczak ist davon überzeugt, dass es keiner Verfassungsänderung bedarf. „Die Strafprozessordnung sieht bereits heute ein Wiederaufrollen des Verfahrens in bestimmten Fällen vor. Das Bundesverfassungsgericht hat dies ausdrücklich bestätigt. Unser Vorschlag bewegt sich innerhalb der Logik und Systematik des bestehenden Rechts und damit auch der Verfassung“, erklärt er. Die dort enthaltenen Wiederaufnahmekriterien könnten ausgeweitet werden – beschränkt auf Mord und Völkermord.

Die Gerechtigkeit müsse Vorrang haben gegenüber der Rechtskraft eines falschen Urteils, begründet Luczak die notwendige Änderung. „Das sind wir den Angehörigen von Mordopfern schuldig.“ Es sei unerträglich, wenn Täter frei herumliefen, obwohl es neue Beweismittel gebe, nach denen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verurteilt werden könnten.

Das sieht Johannes Fechner, der rechtspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, ähnlich. Wenn der Tatnachweis gelinge, sei es ein „schreiendes Unrecht“, dass Mörder nicht belangt werden – gerade bei Taten, die nicht verjähren. Er sei zuversichtlich, dass man sich auf einen Gesetzentwurf einigen könne, sagt er.

180.000 Menschen unterschrieben zweite Petition

Am Freitagabend hat die Union einen entsprechenden Entwurf vorgelegt. Nun liege der Ball bei der SPD, heißt es aus der Unionsfraktion. Nicht einmal mehr zwei Sitzungswochen bleiben noch, in denen der Bundestag eine Gesetzesänderung verabschieden kann.

Anwalt Schädler dauert das alles zu lange. Er hat schon Anfang des vergangenen Jahres an die Bundesjustizministerin geschrieben und auf eine Entscheidung im Sinne der Koalitionsvereinbarung gedrängt. Die Prüfung, ob eine Gesetzesänderung das Grundgesetz tangiere, müsse nach so vielen Jahren endlich erledigt sein. Es sei an der Zeit, Frederikes Vater endlich Gewissheit zu geben.

Hans von Möhlmann hat vor wenigen Wochen erneut eine Petition gestartet. Sie heißt: „Gerechtigkeit für meine ermordete Tochter Frederike: Der Mord muss gesühnt werden können.“ Rund 180.000 Menschen haben bereits unterschrieben. Doch Frederikes Vater glaubt nicht mehr an eine Gesetzesänderung. Er glaubt nicht mehr daran, dass er Frieden finden wird. Den Glauben an den Rechtsstaat habe er verloren, sagt er. „Die Gesetzesänderung wird genauso begraben wie meine Tochter.“