Wie eine vermeintliche Putin-Propaganda-Meldung in der Berliner Zeitung landete: Ein Warnruf

Die dpa-Meldung „Putin telefoniert mit Scholz: ‚Kiew provoziert‘“ hat Elisabeth Bauer schockiert. Sie hat der Redaktion der Berliner Zeitung geschrieben. Ihr ungekürzter Essay als Gastbeitrag.

Eine Frau und ein Kind blicken auf die Stadt Kiew.
Eine Frau und ein Kind blicken auf die Stadt Kiew.imago/Oleksii Chumachenko

Am 3./4. Dezember 2022 hat die Berliner Zeitung eine dpa-Meldung in ihrer Wochenendausgabe zu einem Gespräch zwischen Bundeskanzler Olaf Scholz und Russlands Präsident Wladimir Putin veröffentlicht. Danach hat die Redaktion ein Protestschreiben von Elisabeth Bauer erreicht. Die Chefredaktion hat die Vorwürfe von Elisabeth Bauer geprüft und konnte keinen redaktionellen Fehler feststellen. Trotzdem hat die Chefredaktion der Berliner Zeitung sich dazu entschieden, das Protestschreiben von Elisabeth Bauer in redigierter Form zu veröffentlichen. Es folgt dessen Inhalt. 

„Was stimmt nicht in dieser Spalte?“

Als mir die Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 3./4. Dezember 2022 montagmorgens in einem Praxen-Wartezimmer in Berlin-Kreuzberg in die Hände fiel, drehte sich mir – angesichts einer zentral auf der großzügig gestalteten Doppelseite platzierten dpa-Meldung – der nüchterne Magen um: „Putin telefoniert mit Scholz: ‚Kiew provoziert‘“ schlug es mir aus der fett gedruckten Überschrift entgegen. Genug, um in Alarmbereitschaft zu geraten und hinter den folgenden vier Absätzen Schlimmeres zu erwarten.

Unter der Frage „Was stimmt nicht in dieser Spalte?“ verfasste ich in der folgenden Nacht (man könnte sagen „affekthaft“) einen kritischen Kommentar aus einem Gefühl tiefer Notwendigkeit heraus, denn ich war mir sicher: Nicht zu reagieren wäre einer stillschweigenden Bejahung oder zumindest Akzeptanz der in dieser Meldung transportierten Sichtweisen gleichgekommen. Noch in derselben Nacht sendete ich jenen Kurztext in Form eines Instagram-Posts – begleitet von beizeiten zynischer Polemik, die ich nicht zurückhalten wollte, da sie mir angebracht erschien – ab und fühlte eine erste Anspannung abfallen.

Als freie Autorin und (angehende) Slawistin mit Schwerpunkt auf den russischen und ukrainischen Sprach- und Kulturraum – das scheint mir an dieser Stelle wichtig hervorzuheben, um klar zu machen, von welchem Standpunkt her ich spreche – habe ich mich nicht erst in den vergangenen neun Monaten eingehend mit Zeichen der (russischen) Macht, mit Geschichte und Methodologie der russischen Propaganda, aber auch mit der von der Kriegsrealität konfrontierten ukrainischen (Sprach-)Perspektive und ihren die hyperreale Subversion zerschlagenden Gegenzeichen beschäftigt.

In dieser Replik werde ich die polemische Rhetorik des Instagram-Posts zurücknehmen, um etwas sachlicher auf einige Punkte der nur scheinbar „kleinen“ Nachrichtenspalte eingehen zu können. Für diese kritische (Zeichen-)Analyse nehme ich unter anderem Jean Baudrillards kurzen, aber kanonischen Text „Die Präzession der Simulakra“ zur Hand, da er sich besonders gut eignet, um auf jene Verwischung von Realität und Referenz, wie sie charakteristisch ist für (russische) Propaganda, hinzudeuten: „Es gibt keinen Spiegel des Seins und der Erscheinungen, des Realen und seines Begriffs mehr“, schreibt Baudrillard über den simulierten (Medien-)Raum.

„Es muss nicht mehr vernünftig sein, da es nicht mehr an irgendeiner idealen oder negativen Instanz gemessen wird. Es ist nur noch operational. (...) Es ist hyperreal, Produkt einer sich ausbreitenden Synthese von kombinatorischen Modellen in einem Hyperraum ohne Atmosphäre.“

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Privat
ZUR AUTORIN
Elisabeth Bauer
Elisabeth Bauer (geb. 1994) studiert Slawistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und hat einen Bachelor in Kunst- und Bildgeschichte absolviert. Durch Studienaufenthalte in Kiew (2021/22), Moskau (2019/20) und St. Petersburg (2016/17) konnte sie in die heterogenen Kulturszenen und komplexen Erinnerungsräume beider postsowjetischer Länder eintauchen. Als freie Journalistin schreibt sie seit 2013 sporadisch zu kultur- oder erinnerungspolitischen Themen – mit Publikationen u. a. in der Berliner Zeitung, taz, Welt, Zeit, dem Philosophie Magazin, Theater der Zeit, dekoder oder Ukraine verstehen – und arbeitet seit September 2022 zudem als studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Ostslawische Literaturen und Kulturen der Humboldt-Universität.

Wenn russische Narrative Realität werden

Was also ist passiert? Beginnen wir mit ein paar generellen Vorbemerkungen: Vor uns liegt ein Paradebeispiel für eine – sei es auch unbewusste – Bedienung russischer Propaganda-Narrative. Meine These ist, dass – auch wenn es sich „nur“ um eine unkritisch platzierte dpa-Reproduktion handelt – dabei ein gefährlicher, weil automatisierter Prozess schleichender Normalisierung neoimperialer Wahnvorstellungen vonstattengeht. Dieser Prozess ist strukturell und folgt einem Prinzip, demnach sich (deutsche) Medien der russischen Propaganda quasi freimütig anbieten, aus der Feder des russischen Kriegsherren putin stammende Mythen über ihre informationellen Infrastrukturen zu verbreiten und – als ob bereits eingehüllt in ein dichtes Delirium hyperrealer Erzählungen – diese im weiteren Diskursraum zu normalisieren.

Ksenia Iliuk, Leiterin der Forschungsabteilung des ukrainischen Medienprojekts Detector Media, hat diesen Mechanismus in einer Paneldiskussion unter dem Titel „Wie russische Narrative mithilfe von Medien Realität werden“ als eines der Schlüsselwerkzeuge der russischen Propaganda bezeichnet – neben der im russischen Medienraum praktizierten Strategie, nahezu ausschließlich Mitteilungen der staatlichen Nachrichtenagentur Tass zu re-publizieren, die dann schlimmstenfalls unreflektiert von internationalen Medien übernommen werden. Dabei nutzten die russischen Medienstrategen, so Iliuk, die Unwissenheit von Journalist:innen gezielt aus: Am gefährlichsten sei nicht die offensichtliche Propaganda, sondern jene russische Propaganda mit ihren imperialistischen Behauptungen, die ihren Weg unbemerkt in deutsche Nachrichtenspalten und mediale Diskussionsräume findet. Sergej Sumlenny, ebenfalls auf dem Podium, stimmt – nicht ohne Polemik – zu: „Wir glauben Russland hat die weltbeste Armee, weil Russland die weltbeste Propagandamaschine hat.“ Diesen Sog gilt es zu durchbrechen.

Eine Meldung aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 3./4. Dezember 2022. „Was stimmt nicht in dieser Spalte?“, hat sich unsere Autorin gefragt.
Eine Meldung aus der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung vom 3./4. Dezember 2022. „Was stimmt nicht in dieser Spalte?“, hat sich unsere Autorin gefragt.Berliner Zeitung

Notwendig: Dekolonialisierung der Sprache

Von „ukrainischen Orten“ ist in besagter Nachrichtenspalte die Rede – und natürlich gibt es viele „Orte“ in der Ukraine. Aber klingt aus dieser nicht-spezifischen Vereinfachung nicht ein euphemistischer Unterton, eine für koloniale Sichtweisen typische Überheblichkeit heraus? Schließlich handelt es sich nicht nur um kleine ukrainische Ort-schaften oder Dörfer in ruralen Gegenden, die von systematischer Bombardierung, Kriegsverbrechen sowie Energie-, Wasser- und Gasunsicherheit betroffen sind, sondern genauso auch um Großstädte wie Kharkiv, Dnipro oder Kyjiw. Zum Vergleich: Das sind Städte in der Größenordnung von Köln, Düsseldorf und Berlin. Diese und andere Städte waren/sind tagelang ohne Strom, sind nachts lichterlos und es ist ungewiss, wie sich die nächsten Wintermonate unter dem Eindruck weiterer russischer Angriffe und sinkender Temperaturen entwickeln werden.

Im dritten Absatz, in dem putin Kanzler Scholz auffordert, seine „Ukrainepolitik“ zu überdenken, kommt mit Blick auf die symbolischen Explosionen auf der „Kertsch-Brücke“ die ukrainische Halbinsel Krim ins Spiel; daran ist nichts Verwunderliches. Aber: Wie wird die Annexion hier bewertet – als „legal“ oder doch als „illegal“, wie es wichtig wäre hinzuzufügen?

Nachdem putin im vierten Absatz noch ein letztes Mal die große deutsche Medienbühne geboten wird – genauer: seiner „Forderung“ nach „Aufklärung“ – schließt diese „journalistische“ Katastrophe der„ Deutschen Presse-Agentur“ auf den renommierten Seiten der BLZ.

putins Entthronung: von Kleinbuchstaben bis Clown-Emojis

putin, präsident, kreml und russland schreibe ich – gemäß der ukrainischen Schreibnorm in anhaltenden Kriegszeiten – bewusst klein. Diese textuelle Strategie soll ebenjener mechanisierten Legalisierung der Aussagen des russischen präsidenten – mit Baudrillard können wir ihn auch als „Simulator“ bezeichnen – entgegenwirken, wie wir sie auch in unserem Textbeispiel beobachten können: Ein Respekt verheißender Großbuchstabe führt mitsamt des ausgeschriebenen Namens des Simulators in jene Textspalte ein. Was sich als objektive, faktenbasierte „Meldung“ tarnt, besteht tatsächlich zu mindestens drei Vierteln aus reproduzierten, direkt zitierten oder paraphrasierten Worten putins – jenem Mann also, der seit neun Jahren Krieg in der Ukraine und seit neun Monaten einen umfassenden (ja: genozidalen) Krieg gegen das gesamte ukrainische Volk, seine Kultur, Sprache und Geschichte führt; auf ukrainischem Territorium, das er für inexistent erklärt.

Wladimir Putin, Präsident von Russland, am Steuer eines Autos bei der Fahrt auf der im Oktober bei einer Explosion schwer beschädigten Krim-Brücke.
Wladimir Putin, Präsident von Russland, am Steuer eines Autos bei der Fahrt auf der im Oktober bei einer Explosion schwer beschädigten Krim-Brücke.imago/ITAR-TASS

Im ukrainischen Social-Media-Jargon wird putin passend als monster oder moth („Motte“) bezeichnet – hier jedoch wird ihm ein offiziöser, objektiver Rahmen geboten: Seine Behauptungen werden zwar in Anführungszeichen gesetzt, dabei wird aber offensichtlich darüber hinweggesehen, dass es sich um perfide, verzerrte und sinnverkehrte Beschuldigungen handelt. Von einer „zerstörerischen Linie“ der deutschen Politik in ihrer Unterstützung der Ukraine ist die Rede; putin mahnt „Provokationen Kiews“ an. Mit dieser unüberlegten Übernahme seiner Worte wird also indirekt hinterfragt, ob das, was wir durch professionelle Berichterstattung, journalistische Dokumentation und Zeugenberichte über russische Gräueltaten und Kriegsverbrechen erfahren (haben), wirklich wahr ist. Hier könnte mensch den Überblick verlieren: Wer zerstört, provoziert?

Eine weitere subversive Taktik hat sich längst im ukrainischen Social-Media-Diskurs etabliert: Ist wieder mal ein Beispiel perfider Propaganda oder hyperrealer Desinformation zu bestaunen – sei es in den russischen Medien oder in Form einer blinden Reproduktion –, wird diese mit einem Clown-Emoji kommentiert. Mit jener wahnsinnig grinsenden Fratze des Clown-Symbols wird der emotionale Zustand angesichts simulierter Mehrfachverkehrung und des Verlusts jedweder referenziellen Grundlage von Sinn imaginiert. Das Clown-Emoji ist die Maske, die sich die Simulatoren von heute überziehen – und die es zu entblößen gilt: In jenem von Baudrillard antizipierten Zeitalter der Simulakra schließlich „gibt es keinen GOTT mehr, der die Seinen kennt, kein JÜNGSTES GERICHT, das das Wahre vom Falschen und das Reale von seiner künstlichen Auferstehung trennt, denn alles ist bereits tot und von vorneherein wieder auferstanden.“

putins Helfer: den „Simulatoren“ die Bühne verbieten

Dass es sich bei putins Wahn – so gern sich der Pseudo-Historiker auch auf hauseigene „Philosophen“ und „Ideologen“ á la Aleksandr Dugin oder Vladislav Surkov beruft – um nichts als ein grotesk-gefährliches Lügengespinst handelt, sollte im deutschen Mediendiskurs angekommen sein. Bei Surkov handelt es sich um jenen gefallenen kreml-Technokraten, der die Simulation im russischen Machtzentrum offen zur Strategie erklärt und salonfähig gemacht hat. „Das russische System stützt sich auf ein Fernsehspektakel, das den Russen versichert, dass alle anderen genauso korrupt sind (wie der russ. Staat – Anm. EB) – und sie deshalb ihre eigene russische Korruption lieben sollten, weil sie russisch ist“, schreibt Osteuropahistoriker Timothy Snyder in seinem aktuellen Newsletter „Thinking about...“, den er sieben Worten widmet, die „wir“ (Westeuropäer:innen, Amerikaner:innen) der Ukraine schuldig sind bzw. für die wir ihr danken sollten: Sicherheit, Freiheit, Demokratie, Mut, Pluralismus, Ausdauer, Großzügigkeit.

In der geopolitischen Auslegung des Neofaschisten Dugin wiederum führt der „kollektive Westen“ einen Krieg gegen Russland: „Wer sind sie (Feinde – Anm. d. russ. staatl. Mediums RIA)? Woher kommt ihr Hass auf uns? Warum haben sie beschlossen, uns zu zerstören? Was für eine Welt wollen sie bauen? Auf diese Fragen müssen Wissenschaftler, Künstler, Philosophen, Journalisten, Lehrer immer wieder klare Antworten geben“, faselt „Philosoph“ Dugin, Autor des pseudo-philosophischen Konzepts einer „russischen Welt“, dem der Mordanschlag auf seine Tochter Daria im August erneut zu großem Auditorium verholfen hat, in seinem Telegram-Kanal.

Anfang November, als die russisch besetzte Stadt Kherson von der ukrainischen Armee befreit wurde, prangerte Dugin den russischen Machthaber an: „Der Herrscher hätte es fast geschafft. Aber wieder nur fast. Kherson wäre nicht nur fast passiert – es wäre vollständig passiert“, schreibt er am 11. November zynisch. „Die letzte Ressource ist Ideologie – die echte, nicht die Fälschung. (...) Die Bedingungen des siegreichen Westens, jener Zivilisation des Satans, werden für Moskau niemals akzeptabel sein.“ So klingen die Ideen, auf denen der russische neoimperiale Macht-, das heißt, Kriegs- oder besser: Terrorapparat aufbaut.

Der russische Ideologe Alexander Dugin nimmt an einer Abschiedszeremonie für seine Tochter Daria Dugina teil.
Der russische Ideologe Alexander Dugin nimmt an einer Abschiedszeremonie für seine Tochter Daria Dugina teil.imago/Vyacheslav Prokofyev

Jenseits der Neutralität: gegen einen „Everest der Propaganda“

putin wird, ganz im Sinne seines Simulationsauftrags, immer neue Legitimierungen für laufende und kommende militärische Invasionen finden und diese durchsetzen – wenn die Ukraine nicht in ihrer Selbstverteidigung unterstützt und Russland nicht mit vereinter militärischer Waffengewalt, aber auch mit rhetorischer Informationskraft aufgehalten wird. Wenn immer noch geglaubt wird, putin müsse in (deutschen) Zeitungen unter dem Vorwand, auch die russische Seite sollte in den Medien abgebildet werden, die Bühne geboten wird, sei hier eine wichtige Argumentation aus bereits erwähnter Paneldiskussion angeführt: „Dieser Krieg hat die Überzeugung herausgefordert, dass wir ein Gleichgewicht der Positionen brauchen“, sagte die ukrainische, auf der Krim geborene Journalistin Anastasia Magazova.

Ähnliches lässt sich über das journalistisch-ethische Neutralitätsideal sagen: „Wer behauptet, im Angesicht des Oppressor neutral zu sein – unterstützt den Oppressor.“ Das sagte Niels van Oever, Forscher im Gebiet der Digital Humanities, im Rahmen seiner Präsentation „Infrastruktureller Imperialismus und Internetfragmentierung in der Ukraine“ letzte Woche auf der sozial- und naturwissenschaftlichen Konferenz 4S/ESOCITE, die von der Society for Social Studies of Science in Mexiko ausgetragen wurde.

Die preisgekrönte ukrainische Schriftstellerin und Fotografin Yevgenia Belorusets denkt in ihrem neuen Text „Who may speak“ (Wer sprechen darf) im Rahmen ihrer Essay-Reihe, die von dem Verlag Isolarii herausgegeben wird, über die Bedeutung bzw. den gewaltsamen Entzug von Sprache(n) nach – über die Systematik der russischen Gewaltverbrechen:

„Dieses Maß an praktischer Gewalt – eine Gewalt, die das Leben in der Ukraine verschlingt und Millionen von Menschen zu Augenzeugen von Kriegsverbrechen macht – wird vom Aggressor immer wieder auf neue Weise theoretisch gerechtfertigt, ermöglicht und entlastet zugleich. Daneben entsteht ein Everest der Propaganda – irrationale, phantasievolle Beschreibungen, warum dieser Krieg für Russland so notwendig und so unvermeidlich war, warum man einfach sterben, ermordet werden und zusehen sollte, wie alles zerstört wird, was man seit seiner Kindheit geliebt und geschätzt hat, oder sich selbst umbringen und sich dadurch vor dem Leid schützen.“

Belorusets’ „War Diary“ war Teil der Ausstellung „This Is Ukraine: Defending Freedom“ auf der diesjährigen Biennale in Venedig und floss zudem in die Inselbuch-Publikation „In the Face of War“ (Isolarii, 2022) ein.

„Zeitenwende“ beim Wort nehmen

Scholz habe „Deutschlands Entschlossenheit, die Ukraine militärisch zu unterstützen“, bekräftigt. Selbst wenn sich hier auf den Zeitpunkt des letzten „Gesprächs“ mit putin bezogen wird, verkommt Scholz’ „Entschlossenheit“ an dieser Stelle zu einem traurigen Witz. Ebenso bei dem angeführten Szenario einer „schnellen diplomatischen Lösung“ in den Worten von Steffen Hebestreit. Woher kommen solche Ideen? Wohl nicht daher, dass russland seit Oktober seine Angriffe auf die Ukraine weiter systematisiert hat und gezielt, regelmäßig und landesweit die fragile Infrastruktur sowie weiterhin zivile Gebäude attackiert. Wer sieht hier wo „schnelle“ Möglichkeiten eines diplomatischen Austauschs?

Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz nach der Videokonferenz mit den Regierungschefs der G7-Staaten.
Bundeskanzler Olaf Scholz bei einer Pressekonferenz nach der Videokonferenz mit den Regierungschefs der G7-Staaten.imago/Christian Spicker

Spätestens nun, da Zeitenwende zum Wort des Jahres gekürt wurde, sollte versucht werden zu zeigen, dass diese leicht zu unterwandernde, im Kern jedoch so aussagekräftige Worthülse ein bedeutsames, weil aktivierendes Momentum in sich trägt – das denjenigen, die sich dieses Symbolwortes bedienen, einen verantwortungsvollen Auftrag erteilt: genug Willenskraft und Mut aufzubringen, um sich alte Fehler einzugestehen sowie überkommene Trägheiten und verengte Perspektiven im Hinblick auf die Sichtbarkeit und die deutsche historische Verantwortung gegenüber der Ukraine aufzugeben – zugunsten einer Offenheit für bisher übersehene Positionen sowie die Bereitschaft für mehr Empathie und Sensibilität im Umgang mit Sprache in Kriegszeiten.

Einige praktische Hinweise zum Schluss: „Ukraine-Krieg“, das muss hervorgehoben werden, ist eine unpassende Bezeichnung für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine; „Russland-Ukraine-Krieg“ wäre die angemessene Formulierung. Erstgenannte Variante impliziert in der Wahrnehmung von Ukrainer:innen nämlich, dass die Person hinter dem Begriff tatsächlich der Meinung sein könnte, dass sie – die Ukrainer:innen – für den Krieg im eigenen Land selbst verantwortlich seien. Es sei angemerkt, dass ich hier keinesfalls das Ukrainisch-sein für mich in Anspruch nehm; aber, dass ich die ukrainischen Debatten über die korrekte Kriegsbezeichnung kenne – und mich der ukrainischen Einschätzung anschließe.

Zur deutschen Namentranskription der ukrainischen Hauptstadt: „Kiew“ leitet sich von der russischsprachigen Wortform „Киев“ ab. Das Ukrainische hat eine eigene Schreibweise und Aussprache: „Київ“ wird im Deutschen korrekterweise zu „Kyjiw“ – und diesen nicht unwichtigen Aspekt könnten die deutsche Medienhäuser als Diskussionsthema in ihre Redaktionskonferenzen tragen. Schreibweisen lassen sich unschwer übernehmen, haben starke (Außen)Wirkung und sind, wie in diesem Falle, stark symbolisch behaftet.

Die hier kritisierte Textspalte ist ein nicht zu unterschätzender, weil sicher nicht folgenlos gebliebener Ausrutscher – es bleibt zu hoffen, dass es sich mit Blick auf die vorliegende Zeitung um einen lehrreichen Einzelfall handelt. Denn dürfen wir uns keine Illusionen machen: Angesichts der russischen hybriden, hyperrealen Kriegsführung, die sich gegen die Ukraine, aber eben auch gegen „den Westen“ und explizit gegen „Europa“ richtet, dürfen wir uns selbst im scheinbar institutionalisierten Informationsraum niemals in „Sicherheit“ wähnen. 

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