Erfurt - Er hatte versucht, es zu verhindern. Er hatte gebeten, gewarnt und Gegenkandidaten geworben. Aber er hat verloren. Also sagt der thüringische CDU-Vorsitzende Christian Hirte ins Telefon, was ein Politiker so sagt, wenn eine unausweichliche Niederlage zu kommentieren ist. Die Wahl von Hans-Georg Maaßen sei zu respektieren. Jetzt gehe es darum, nach vorne zu schauen, gemeinsam.

Aber so einfach ist das nicht in seiner Partei. „Ihr habt echt den Knall nicht gehört!“, schrieb ein Bundesvorstandsmitglied auf Twitter. Ein früherer Berliner Abgeordneter trat aus Protest aus der CDU aus. Von Grünen, SPD und Linke gibt es sowieso nur eines: kollektive Empörung. Auslöser aller politischen Maximalerregung ist Thüringen, wieder einmal.

Der Freitagabend im wuchtigen Kultur- und Kongresszentrum von Suhl. Hier präsentierte Florian Silbereisen seine Schlagerparaden und hier soll, so Corona will, im Herbst Sir Bob Geldof auftreten. Doch erst einmal gibt es ein politisches Spektakel zu besichtigen. Im Saal „Simson“ sitzen die 43 Delegierten der Kreisverbände Suhl, Schmalkalden-Meiningen, Sonneberg und Hildburghausen zusammen, um den CDU-Direktkandidaten für den Bundestagswahlkreis 196 zu wählen. Fast alle sind Männer im gesetzten Alter.

Zuerst fragten sie Friedrich Merz

Um sie herum hat sich eine halbe Hundertschaft an Journalisten aufgebaut, Kameraleute, Fotografen. Der Favorit erscheint überpünktlich, 20 Minuten vor Versammlungsbeginn. Blauer Anzug, roter Schlips mit weißen Punkten, Nickelbrille: Hans-Georg Maaßen, 58, promovierter Volljurist. Sofort ballen sich die Kameras um ihn.

Die Neugier ist groß. Warum will ein Rheinländer, der seit Jahrzehnten in Berlin wohnt, Bundestagsabgeordneter in Thüringen werden? Und, vor allem: Warum wollen ihn die Menschen in Thüringen?

Was den Kandidaten betrifft, ist die Antwort recht einfach. Er möchte zurück zu alter Bedeutung gelangen. Seit bald drei Jahren gehört Maaßen zu jenen Menschen, vor dessen Namen, wenn sie irgendwo geschrieben werden, ein „Ex“ steht. Er ist Ex-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Und er ist es nicht freiwillig.

Es war im Spätsommer 2018, als er via Bild mitteilte, dass die aus Chemnitz berichteten „Hetzjagden“ auf Ausländer womöglich nur eine Erfindung der Antifa seien. Als er danach auch noch halböffentlich von „linksradikalen Kräften“ beim Koalitionspartner SPD raunte, endete seine Beamtenlaufbahn abrupt.

Maaßen versuchte danach, seine nächste Karriere zu starten, als Rechtsanwalt, Protagonist für die „Werteunion“ und Märtyrer der politischen Rechten der Republik. 2019 trat er in den östlichen Landtagswahlkämpfen auf, auch in Suhl und Meiningen. Dort polemisierte er gegen alles, was er als links betrachtet.

Ich will keine Extremisten und Radikalen, die unsere Republik gestalten.

Hans-Georg Maaßen

Von der AfD distanzierte er sich durchaus, aber eher unscharf und zumeist nur auf Nachfragen. Kurz bevor sich im Februar 2020 der Linke Bodo Ramelow im Erfurter Landtag trotz fehlender Mehrheit zur Wiederwahl als Ministerpräsident stellte, forderte er einen CDU-Gegenkandidaten – der sich, wenn es denn nicht anders gehe, auch mit Hilfe der AfD ins Amt heben lassen müsse. „Wer uns wählt, sollte uns schnurz sei“, rief er. Als wenig später Thomas Kemmerich von AfD, CDU und FDP zum Regierungschef bestimmt wurde, sprach Maaßen von einem „Riesenerfolg“. „Hauptsache, die Sozialisten sind weg“, sagte er dem Tagesspiegel.

Doch es nützte wenig, Maaßen blieb ein Ehemaliger, ein Ex-Wichtiger. Er wirkte wie ein Wanderpokal der Anti-Merkelianer, der auf Twitter die Grünen und Sozialdemokraten trollte und vieles von dem teilte, was die Boris Reitschusters und Roland Tichys veröffentlichten. Sein Vehikel, die „Werteunion“, drang in den Debatten kaum noch durch.

Im März suchte der Maskenskandal auch die CDU in Südthüringen heim. Zuerst wurde bekannt, dass der Bundestagsabgeordnete Mark Hauptmann seine Wahlkreiszeitung mit Anzeigen aus Aserbaidschan finanziert hatte. Kurz darauf führte die Polizei Razzien bei der CDU durch, weil Hauptmann knapp eine Million Euro an Provision für Maskengeschäfte eingesteckt haben soll. Die Firma, der er Aufträge vermittelte, hatte auch an den Suhler Kreisverband gespendet.

Der Abgeordnete legte sein Mandat nieder und trat aus der Partei aus. Derweil implodierte die lokale CDU: Sie benötigte sehr schnell einen Kandidaten, prominent genug, um den Geruch der Korruption zu vertreiben – und gerne so rechtskonservativ wie Hauptmann, der im Bundestag gegen die Griechenlandhilfen und offene Grenzen agitiert hatte.

Angeblich wurde zuerst Friedrich Merz gefragt, der aber lieber um seinen alten Wahlkreis im Hochsauerland kämpfte. Verbürgt ist, dass sich Mitte März einige Kreisvorsitzende und der Landtagsabgeordnete Michael Heym mit Maaßen trafen. Die alten Verbindungen über die „Werteunion“ waren nie abgerissen, inhaltlich passten Kandidat und Lokalpartei sowieso. Einige der Funktionäre, Heym vorneweg, hatten sich 2019 öffentlich für Gespräche mit der AfD ausgesprochen. Es war wie Parship für Politiker, mit einem hübschen Provokationsbonus obendrauf.

Nachdem der Verband von Schmalkalden-Meiningen Maaßen offiziell vorgeschlagen hatte, wurde die Nachricht von Tichys Einblick und Bild verbreitet. Wenig später folgte der Kreisverband Hildburghausen mit seinem Votum, auch aus Sonneberg und Suhl gab es Zustimmung.

Die Parteizentralen in Berlin und Erfurt wirkten ebenso alarmiert wie ohnmächtig. Der Wiedergänger Maaßen, so ihre Furcht, könnte die ganze unselige AfD-Debatte im Superwahljahr neu beginnen und später im Bundestag etablieren. Doch alle lauten Warnungen und leisen Drohungen verhallten. Egal, ob der Bundesvorsitzende Armin Laschet Kritik übte oder der Landesvorsitzende Hirte Krisentreffen organisierte: Die Mehrheit der Südthüringer CDU stand trutzig zu ihrem Plan, auch dann noch, als sich erste Gegenkandidaten aus dem Land meldeten.

Maaßen bleibt nichts anderes als Distanz übrig

Maaßen selbst begab sich in einem kleinem Miet-Seat auf Wahlkreistour, in grünem Wams und farblich abgestimmter Schiebermütze. Er tourte durch fachgewerkte Örtchen namens Schwallungen oder Hellingen, stieg auf Burgen, besuchte ein Pflegeheim in Suhl. Er wolle der „Botschafter der Region“ sein, sagte er, mit „Bodenhaftung“ und Zweitwohnsitz.

In Gesprächsrunden mit Lokalfunktionären und Delegierten referierte er über Migration oder Islamismus und erfuhr dafür von der fehlenden Ortsumgehung in Helba, der umstrittenen Starkstromtrasse „Südlink“ und der Einbruchsserie in Suhl-Neuendorf, unweit des großen Flüchtlingsheimes natürlich. Die Teilnehmer verbreiteten hernach ausschließlich Lob. Was für ein kluger, bescheidener Mann Maaßen doch sei, sagten sie. Sogar die Sache mit den „Hetzjagden“ habe er erschöpfend erklärt. Nein, wirklich, von diesem Kandidaten gebe es ausschließlich Distanz zur AfD.

Nun bleibt Maaßen auch gar nichts anderes als Distanz übrig – was weniger an Laschet und Hirte liegt, sondern einfach daran, dass die AfD im Wahlkreis 196 tatsächlich sein Hauptgegner ist. Es mag für viele, insbesondere in Berlin, nicht ins Schema passen: Aber die von Björn Höcke geführte Partei will den Kampf gegen Maaßen aufnehmen. Sie hat einen pensionierten Ingenieur aus Sonneberg aufgestellt, der selbstbewusst sagt: „Ich bin von hier. Und wir sind das Original“.

Politisch nicht homogen

Bei der Bundestagswahl 2017 kam die AfD in Südthüringen auf Platz 2, zur Landtagswahl 2019 gewann sie ein Direktmandat, sie ist in allen Kreistagen und Stadträten stark vertreten. Dort sitzen übrigens ein paar offene Neonazis, darunter Tommy Frenck, der 2017 das größte Rechtsrockkonzert der Republik nahe Meiningen organisierte.

Dennoch ist Südthüringen politisch nicht homogen. Es gibt CDU-Landräte, linke Kreisstadtbürgermeister und eine parteilose Landrätin, die von SPD und Linke aufgestellt wurde. Sowieso passen die Klischees, die nach Maaßens Wahl wieder zuverlässig verbreitet werden, nur eingeschränkt.

Überhaupt lohnt es sich zu differenzieren. Ja, DDR, Säkularisierung und Transformation haben die alten Milieus erodieren lassen. Und ja, die Stadt Suhl, die in der DDR als Bezirkszentrum mit Industrie und Plattensiedlungen aufgepumpt wurde, ist wieder zur Kleinstadt mit Kongresszentrum geschrumpft. Aber im Durchschnitt geht es den Menschen nicht schlecht.

Gegen Veganer und Genderdeutsch

Das hier ist auch nicht einfach der sogenannte Osten, geografisch schon gar nicht. Das hier ist die Rhön und der südliche Thüringer Wald, wo fränkisch gesprochen und in Coburg eingekauft wird. Die Innenstädte sind durchsaniert und die Straßen teilweise besser als in Bayern, das mit den neuen Autobahnen 71 und 73 noch näher herangerückt ist. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung.

Ansonsten wirkt der Wahlkreis, der etwas größer als das Saarland ist, landschaftlich sehr ansehnlich, mit viel Wald und Wiesen, Bergen und Burgen. „Ein Schmuckstück!“, ruft Maaßen am Freitagabend im Saal Simson, „Deutschland von seiner schönsten Seite!“ Dann rasselt er die eingepaukten Ortsnamen und Lokalthemen herunter.

Die viertelstündige Vorstellungsrede ist ein kleines Gesamtkunstwerk. Maaßen zeigt sich solidarisch mit Laschet („unser Kanzlerkandidat“) und sagt zur AfD, was von ihm verlangt wird. „Die AfD vertritt Ziele und Positionen, die mit uns nicht zu vereinbaren sind“, sagt er. Außerdem, wer habe wohl die Prüfverfahren gegen die Partei initiiert? Genau: er!

Und dennoch, richtig überzeugend wirkt Maaßen erst, als es gegen Links geht, gegen die „ökosozialistische Planwirtschaft“. „Ich will, dass die politische Linke aufhört, uns vorzuschreiben, wie wir zu leben haben“, ruft er. Wenn diese Leute vegan leben oder „Genderdeutsch stottern“ wollten und es besser fänden, im Plattenbau als im Reihenhaus zu wohnen, dann sollten sie das tun. „Aber ich will nicht, dass sie uns und unsere Kinder zwingen, uns so zu verhalten. Aber vor allem, ich will keine Extremisten und Radikale, die unsere Politik gestalten.“

„Extremisten“ und „Radikale“: Diese Zuschreibung gebraucht Maaßen an diesem Abend eher nicht im Zusammenhang mit der AfD. Nur einmal, auf Nachfrage eines Journalisten, sagt er mit dem Verweis auf den Bundesparteitag in Dresden, dass sich die AfD noch stärker radikalisiert habe.

Nach Maaßen haben noch die beiden Gegenkandidaten ihren Auftritt, ein Regierungsdirektor aus Erfurt, der sich als Einziger im Saal zwei kritische Sätze zum Ex-Geheimdienstchef gestattet, und ein Steuerberater aus Hirtes Heimatstadt Bad Salzungen, der seine politische Auffassung mit dem Wort „Merz“ zusammenfasst. Nachfragen gibt es keine, dann wird gewählt. Maaßen bekommt 37 von 43 Stimmen, das entspricht 86 Prozent.

Blumenstrauß und Ledermappe für Maaßen

Der Rest ist demonstrative Harmonie. Während im Netz der Anti-Pro-Maaßen-Sturm beginnt, bekommen in Suhl der Regierungsdirektor und der Steuerberater Nougatstangen aus einheimischer Produktion überreicht, derweil der Ex-Geheimdienstchef, der jetzt ein leibhaftiger Bundestagsdirektkandidat ist, mit Blumenstrauß und Ledermappe beschenkt wird. „Ich werde Sie nicht enttäuschen!“, ruft Maaßen. Er wolle den Wahlkreis gewinnen, „damit auch die CDU unter Führung des Kanzlerkandidaten Armin Laschet“ wieder stärkste Partei im Bundestag werde.

Wird die Thüringer Union jetzt „ein Team“, wie Maaßen mehrfach sagt? Der Landesvorsitzende Hirte gibt sich am Telefon zurückhaltend. Er sei gespannt, wie sich der Kandidat einfüge und die Beschlüsse der Partei voll mittrage. „Dazu gehört die knallharte Abgrenzung zur AfD.“

Hirte weiß nur zu gut, wie kompliziert das ist, gerade in Thüringen. Der Bundestagsabgeordnete wurde im Februar 2020 als Ostbeauftragter der Bundesregierung entlassen, weil er Kemmerich zu dessen Wahl als Thüringer Ministerpräsident öffentlich gratuliert hatte. Dass die meisten Stimmen für den Liberalen offenkundig von der AfD kamen, störte ihn erst einmal nicht.

Trotzdem – oder deshalb – wurde er später von seiner Landespartei zum neuen Vorsitzenden erwählt. Seitdem, welch Ironie, ist er offiziell dafür mitverantwortlich, dass seine CDU im Erfurter Landtag die Linke-geführte Minderheitsregierung unter Bodo Ramelow vertritt, einstweilen jedenfalls. Am 26. September soll mit dem Bundestag auch das Landesparlament neu gewählt werden.

Und dann? Zwischendurch in seiner Vorstellungsrede, zwischen Laschet, Ortsumgehungen und AfD, hatte sich Hans-Georg Maaßen dafür gelobt, wie gut er den Politikbetrieb in Berlin verstehe, wie eng er dort vernetzt sei. „Mich kennt man“, sagte er. Es klang, ein wenig, wie eine Drohung.