Der Rabbiner Andreas Nachama und die Publizistin Lea Rosh entzünden am Montag Kerzen am Holocaust-Mahnmal in Berlin.
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BerlinZum 75. Jahrestag der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen durch die Rote Armee hat Berlin am Montag der Opfer des Holocaust gedacht. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing drei Überlebende zu einem Gespräch in Schloss Bellevue. Am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas gedachten die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli und die Grünen-Bundesvorsitzende Annalena Baerbock der Toten, der Rabbiner Andreas Nachama sprach ein Gebet.

Im Mittelpunkt des Gedenkprogramms in der Bundeshauptstadt stand am Montag ein Konzert in der Staatsoper. Die zentrale Gedenkfeier des Deutschen Bundestages wird am Mittwoch stattfinden. Dann wird der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin eine Ansprache halten.

Viele Politiker beteiligen sich

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) beteiligte sich am Montag an einer Putzaktion von Stolpersteinen in der Dresdner Straße in Kreuzberg. Gerade am Gedenktag der Befreiung von Auschwitz sei es wichtig zu zeigen, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten, erklärte die Ministerin.

Franziska Giffey (l.) und Clara Herrmann (oben), Bezirksstadträtin für Finanzen, Umwelt, Kultur und Weiterbildung von Friedrichshain-Kreuzberg, putzen anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz mit Schülern der Loecknitz-Grundschule in der Dresdener Straße Stolpersteine.
Foto: dpa/Christoph Soeder

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) betonte den Stellenwert der Erinnerungskultur. „Authentische Orte halten die Erinnerung an das Unfassbare wach“, erklärte die CDU-Politikerin. „Deutschland darf nie wieder ein Land sein, in dem Hass und Hetze gegen Minderheiten auf eine schweigende Mehrheit stoßen. Das müssen wir einem breiten Publikum immer wieder deutlich machen.“

Am Mahnmal für die „Euthanasie“-Opfer des Nationalsozialismus in Tiergarten legte am Montag die Sprecherratsvorsitzende Verena Bentele des Deutschen Behindertenrats (DBR) einen Kranz nieder. „Ablehnung, Vorurteile, Verächtlichmachung und Ausgrenzung waren die Grundlage für Verfolgung und Gräueltaten, wie sie im Nationalsozialismus geschehen konnten“, erklärte sie.

Politiker und Prominente setzten mit einer Fotoaktion ein Zeichen gegen Antisemitismus. Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), FDP-Chef Christian Lindner und der Fernsehmoderator Guido Cantz posteten Bilder, auf denen sie ein Schild mit der Aufschrift „#weRemember“ in die Kamera halten. Die Aktion, zu der unter anderem der Jüdische Weltkongress (WJC) aufgerufen hat, soll dafür sorgen, dass die Erinnerung an den Holocaust nicht verblasst.

Erinnerung auch ohne Zeitzeugen wach halten

Die Grünen wünschen sich eine Debatte über neue Formen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Konkret nannte Parteichefin Annalena Baerbock am Montag in Berlin eine zwei Minuten lange Gedenkpause, in der das öffentliche Leben zum Stillstand komme, oder einen Gedenktag am 8. Mai oder am 9. November, der an den Auftrag erinnern solle, solches Leid nie wieder zuzulassen.

Es sei die Verantwortung der deutschen Gesellschaft, „intensiv in den nächsten Monaten sich darüber Gedanken zu machen, wie wir diese Erinnerung wach halten können, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr unter uns sind“, sagte Baerbock.

„,Nie wieder‘ darf nicht nur eine Floskel sein, sondern ,Nie wieder‘ muss jeden Tag gelebt werden“, sagte Baerbock. „Auf der Straße, in der U-Bahn, in den Schulen, in den Betrieben, wenn Antisemitismus dort auftritt – manchmal als Witz verpackt, manchmal, indem man auf der Straße angegriffen wird.“

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