Prayagraj - In Prayagraj kommt man am Bildnis von Indiens Premierminister Narendra Modi kaum vorbei. Hier, weit weg vom Kaschmir-Konflikt, fließen zwei Ströme zusammen, die die Hindus als heilig verehren, der Ganges und der Yamuna. Die Ufer sind weit, der Sand rieselt so fein wie an der Ostsee.

Die Menschenmassen sind gigantisch: Fast drei Monate lang war Prayagraj, eine Stadt voller Geschichte im Bundesstaat Uttar Pradesh, der Austragungsort des Hindu-Festes Kumbh Mela, das nur alle sechs Jahre stattfindet. 120.000 Zelte wurden errichtet, 250 Millionen Pilger kamen, um in den heiligen Gewässern zu baden – es war das größte religiöse Fest, das die Welt je gesehen hat.

Im April und Mai wählt Indien ein neues Parlament

Der Rummel, der den Hindu-Göttern gewidmet ist, ist auch für Narendra Modi ein Gottesgeschenk. Denn im April und Mai wählt Indien ein neues Parlament. Modis hindunationalistische Bharatiya Janata Partei (BJP) erlitt im vergangenen Jahr herbe Verluste in drei Bundesstaaten. Seine Wahlversprechen von 2014 – Wirtschaftswachstum und Korruptionsbekämpfung – wollten nicht so recht zünden.

Eine Währungsreform, bei der große Mengen Bargelds entwertet wurden, hat die Geldwäsche nicht eingedämmt, und die Arbeitslosenquote ist so hoch wie seit 45 Jahren nicht mehr. Modi stolperte sogar über Vorwürfe, er habe diese Zahlen verheimlichen wollen.

Aus dem Kumbh-Mela-Fest in Indien wird eine Wahlkampfarena

Jetzt muss es die Religion richten. Die BJP-Leute verwandelten das Kumbh-Mela-Fest kurzerhand in eine Wahlkampfarena. Auf ungezählten Postern grinst Modi den Pilgern entgegen. Modi, der Toiletten in jedes Dorf bringt, Modi, der Straßen und Plätze säubert, Modi, der die Pilger grüßt.

Die Hausfrau Sunita Saad stört sich daran nicht. Sie sei von den Feierlichkeiten überwältigt, sagt sie. „Modi hat wirklich einen guten Job gemacht.“ Saad kam mit ihrem Mann und zwei Söhnen zum ersten Mal zu einer Kumbh Mela. Sie findet: „Modi sollte auf jeden Fall wiedergewählt werden.“

Die Kumbh ist offiziell beendet, die Pilger kommen jedoch weiterhin nach Indien

Die diesjährige Kumbh war laut der Hindu-Religion eigentlich gar kein volles Glaubensfest wie jenes 2013, sondern nur eine halbe Kumbh. Geschaffen, weil der Zyklus eigentlich zwölf Jahre dauert, aber die Hindus nicht so lange warten wollten. Trotzdem übertraf das „halbe“ Fest das letzte „volle“ um ein Vielfaches, nicht nur was die Besucher angeht, sondern auch bezüglich der Länge: Obwohl die Kumbh seit 4. März offiziell beendet ist, sind die Poster noch da.

Auch die Pilger kommen weiter, um im Zusammenfluss des Ganges mit dem Yamuna-Strom ein Bad zu nehmen. Bis Monatsende sind auch alle Sonderzüge und -flüge weiter im Betrieb. Modi und seine Hindunationalisten haben verstanden: Je länger die Feierlichkeiten dauern, desto besser für die Umfragen.

Pilger sind begeistert von der Organisation des Kumbhs

„Vor zwei Monaten hätte ich noch gesagt, sie machen zu viel Propaganda“, sagte der Geschäftsmann Shashank Dubey. Auch er pilgerte nach Prayagraj und war schlicht begeistert. „Die Organisation ist phänomenal im Vergleich zu allen früheren Kumbhs. Wenn Sie mich jetzt fragen, werde ich Modi definitiv wählen, er hat sehr gute Chancen.“

Und das nicht nur wegen des Festes, betont Dubey: „Auch wegen der jüngsten Entwicklungen in Pakistan. Modi hat da einen guten Job gemacht und die Stimmung der Nation wieder auf seine Seite geholt.“

Die Eskalation zweier Atommächte in Kaschmir

Dass sich ausgerechnet fromme Pilger von der Eskalation zweier Atommächte in Kaschmir begeistern lassen, mag überraschen. Der Politikwissenschaftler Happymon Jacob von der Nehru-Universität in Neu-Delhi dagegen ist überzeugt, dass genau das Modis Strategie war.

„Zum ersten Mal seit 1971 hat Indien seine strategische Zurückhaltung überwunden und einen Luftschlag in Pakistan verübt“, erklärt Jacob. Auch wenn die Militäraktion für das Land in einem Fiasko endete, der Pilot gefangen und schließlich von Pakistan in einer Friedensgeste wieder freigelassen wurde. „Die Botschaft ans Wahlvolk war: Wir schlagen zurück. Und wir werden wieder und wieder zurückschlagen. So hat Modi wieder Boden gewonnen.“

Linke Politiker Azam Khan: „Modi geht mit Luftattacken auf Stimmenfang“

Der Politikwissenschaftler ist davon überzeugt, dass die Eskalation im Zusammenhang mit der Wahl steht. „Die BJP hat ihre Regierungsaufgaben nicht erfüllt. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekord-Hoch“, sagt er. Deswegen setze die Partei nun auf eine andere Strategie, um Wähler zu gewinnen. „Ein Mix aus Religion, militärischer Stärke und nationalem Stolz – das ist der Kern der BJP. Davon werden wir in den nächsten Wochen deutlich mehr sehen.“

Auch Oppositionsführer Rahul Gandhi von der Kongresspartei warf Modi vor, „Jammu und Kaschmir in Brand zu setzen“ und damit Wahlkampf zu machen. Und der linke Politiker Azam Khan, prominenter Fürsprecher der Muslime, erklärte: „Modi geht mit Luftattacken auf Stimmenfang.“ Die BJP will diese Vorwürfe nicht gelten lassen. Parteichef Amit Shah verwies in der Times of India auf den Selbstmordanschlag mit mehr als 40 toten indischen Soldaten vom 14. Februar, den die Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed für sich beansprucht hatte: „Seit wann gilt es als Politisierung der Sicherheit, wenn man eine angemessene Antwort auf einen Terroranschlag gibt?“

Ausrichterstadt Allahabad wurde vor Kumbh-Mela-Fest in Prayagraj umbenannt

Das Verhältnis von Hindus und Muslimen dürfte sich weiter verhärtet haben – nicht nur wegen der Eskalation, sondern auch wegen des jüngsten Rechtsschwenks der BJP. In Uttar Pradesh etwa wurde mit Yogi Adityanath ein Mönch zum Ministerpräsidenten, der sich mit anti-islamischer Rhetorik profiliert. Er gilt als enger Vertrauter Modis. Einmal beschimpfte Adityanath Muslime als „zweibeinige Tiere“, ein anderes Mal erklärte er: „Wir bereiten uns auf einen religiösen Krieg vor!“

Die ersten Schlachten haben die Fundamentalisten schon gewonnen. Vor dem Kumbh-Mela-Fest ließ Adityanath die Ausrichterstadt kurzerhand umbenennen. Bis Oktober hieß Prayagraj noch Allahabad. Der Name stammt aus der Zeit des muslimischen Mugulen-Herrschers Akbar 1575 – für Adityanath untragbar. Also musste der alte mythische Hindu-Name wieder her. Adityanath ließ vor der Kumbh auch rund 300 Ledergerbereien für drei Monate stromaufwärts schließen – sie galten plötzlich als die schlimmsten Verschmutzer des Ganges. Das Gewerbe wird traditionell von Muslimen ausgeübt. Hunderttausende verloren so ihren Job.

500 Millionen Euro flossen in das Kumbh-Mela-Fest

Anderswo wurde großzügig Geld verteilt. 40 Milliarden Rupien, umgerechnet rund 500 Millionen Euro, haben die Zentralregierung und der Bundesstaat in Prayagraj anlässlich des Kumbh-Mela-Fests investiert, schätzt der Projektmanager Aishwayra Sharma. Wie viel davon für Marketing und Modi-Poster draufging, verrät er nicht. Es entstanden neue Straßen, Anbauten am Bahnhof und am Flughafen.

„Darüber hinaus gab es Mittel aus speziellen Töpfen, etwa dem Programm ,Sauberer Ganges‘ oder aus mehreren Gesundheitsfonds.“ Die Hindunationalisten riefen auch zu einer riesigen Müll-Sammelaktion auf. Zehntausende Gläubige beteiligten sich und schafften einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. „An diese Kumbh“, schrieb Premier Modi bei Twitter, „wird man sich noch in Jahren erinnern.“

Jitendranath Singh: „Was die BJP hier veranstaltet, ist reine Wahlkampf-Propaganda“ 

Die Kongresspartei ist da ganz anderer Meinung. Die Investitionen seien „eine Verschwendung von Steuergeldern“, findet der Parteichef und Ex-Bürgermeister Jitendranath Singh. Der Professor mit dem Schnauzbart empfängt in seinem College. Seine Stadt nennt er nicht Prayagraj, sondern Allahabad.

Zwar schätzt Singh als Hindu die Kumbh Mela, auch er hat im Ganges gebadet. „Aber was die BJP hier veranstaltet, ist reine Wahlkampf-Propaganda.“ Zudem sei „alles zu schnell und zu schlecht gebaut worden. Die Qualität ist miserabel, beim nächsten Monsun wird der Mörtel wieder weggespült.“

Muslime misstrauen Premierminister Narendra Modi

Sollte das passieren, dürfte die BJP das kaum stören: Der Monsun fängt in Indien erst im Juni an – und somit nach der wochenlangen Wahl. Dass der Termin der Stimmabgabe fällt, wie er fällt, dürfte Modi noch aus einem weiteren Grund helfen. Die genauen Daten – je nach Landesteil gibt es sieben Phasen vom 11. April bis 19. Mai – fallen in die Zeit des islamischen Fastenmonats Ramadan, der am 6. Mai beginnt. Da steigen die Temperaturen gern mal über 40 Grad. Keine gute Zeit zum Schlangestehen vor Wahllokalen für Gläubige, die tagsüber nichts essen und nichts trinken. Beobachter erwarten deshalb, dass weniger Muslime ihre Stimme abgeben.

Die Debatte um die Wahltermine zeige, „dass Narendra Modi fast null Glaubwürdigkeit unter den Muslimen hat“, sagt die Journalistin Arfa Kanum vom Onlineportal The Wire, selbst eine Muslimin. „Sie misstrauen ihm. Nun wittern manche gar eine Verschwörung.“ Die Wahlkommission sei zwar unabhängig. Richtig sei aber auch, dass die Regierung in den letzten fünf Jahren alles versucht habe, um die unabhängigen Institutionen des Landes zu kontrollieren.