Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinWas haben meine Kinder in der Corona-Krise gelernt, vor allem in der Zeit, in der sie wegen geschlossener Kita zu Hause waren? Sie haben zum Beispiel gelernt, den Namen meines Chefs fehlerfrei auszusprechen. „Ist das dein Chef, Holger Friedrich?“, fragt mein Fünfjähriger, wenn ich mit dem Telefon am Ohr in der Wohnung auf und ab laufe. Ich erinnere mich, dass ich als Kind auch von der Arbeitswelt meines Vaters fasziniert war. Und ich weiß noch heute, dass sein Chef Herr Deerberg hieß. Der Arbeitsraum meines Vaters sah aber auch wesentlich spannender aus: es war eine Halle mit stählernen Riesen, die pufften und quietschten und sich drehten. Meine Arbeit besteht zu einem großen Teil darin, auf Bildschirme zu starren.

Mein Sohn und meine Tochter haben in der Corona-Krise auch gelernt, wie man selbstständig Netflix anschaltet. Meine Dreijährige kann fehlerfrei Sätze aussprechen wie: „Die neue Staffel von Paw Patrol läuft auf Amazon.“ Klingt toll, aber ich mache mir Sorgen. Sollte die Dreijährige nicht längst selbst programmieren lernen?

Seit Corona ist die Zeit, die die Kinder am Bildschirm verbringen, erheblich gestiegen. Längst hat die Kita wieder auf, ist es Sommer, aber wir toppen die von der Bundesregierung empfohlene Zeit locker. Laut Bundesregierung sollen Kinder, die jünger als sechs Jahre sind, nicht länger als 30 Minuten pro Tag vor dem Bildschirm sitzen. Fast alle Familien, die ich kenne, überziehen diese Grenze. Es gibt zwar Mütter, die behaupten, dass ihre Kinder nur ganz wenig fernsehen, dafür kennen sie sich aber ziemlich gut bei „PJ Mask“ aus. Das ist eine der nervtötenden amerikanischen Kinderserien.

Wie kommen wir von der Bildschirmzeit runter, das ist eine Frage, die mich schon den Sommer über beschäftigt. Ich durfte mit fünf oder sechs nur „Sesamstraße“, „Muppet Show“ und die „Sendung mit der Maus“ gucken, am Wochenende. Meine Kinder würden am liebsten schon nach dem Frühstück Netflix anmachen. Den ganzen Tag über habe ich mit meinen Kindern heftige Debatten, sie verhandeln um jede Minute. Und bevor jetzt die eine oder andere Leserin nervös wird und mir wieder einen dieser handgeschriebenen Briefe über meine Unfähigkeit als Mutter schreibt: dürfen sie nicht. Oder nur an den Tagen, an denen ich morgens um acht einen Live-Kommentar ins Radio spreche.

Twitter-Wut

Neulich schaltete ich abends nach 45 Minuten Netflix aus, legte die Fernbedienung weg und nahm mein Handy in die Hand. Meinem Sohn fiel es als Erstes auf. „Warum darfst du aufs Handy gucken und wir aber nicht? Das ist unfair“, sagte er. Unfair, das ist auch so ein neues Wort, das er gelernt hat. Er hatte auch noch recht. Wie soll ich ein Vorbild sein, wenn ich selbst dauernd am Handy hänge?

Seit Corona verbringe ich auch viel mehr Zeit am Handy, mein halbes soziales Leben läuft über WhatsApp. Je gestresster ich bin, desto häufiger erwische ich mich dabei, dass ich Twitter oder Instagram aufmache, einfach ein Reflex, den ich damit rechtfertigen kann, dass es ja zu meinem Job gehört, den Nachrichtenfluss rund um die Uhr zu verfolgen. Und plötzlich sind 45 Minuten vergangen und ich bin so wütend, dass ich jeden, der meint, eine Meinung zu Olaf Scholz haben zu müssen, anschreien möchte.

Ich habe beschlossen, dass sich etwas ändern muss. Die Kinder dürfen in der Woche nur noch ein bisschen analoges Fernsehen gucken, Kika, und ich setze mich dazu, das Handy verschließe ich abends im Schrank. In den Kindernachrichten werden der Wirecard-Skandal und die Auswirkungen der Dürre erklärt. Wer braucht schon Twitter?