Sabine Rennefanz
Foto: Ostkreuz/Maurice Weiss

BerlinNeulich hat der ZDF-Moderator Claus Kleber es im „heute journal“ getan. Es war Ende April und er sprach davon, dass Reporter_innen aus den Kliniken in Bayern und NRW berichten. Zwischen dem Wort „Reporter“ und „-innen“ machte er eine Pause, um den Gender Gap, wie der Unterstrich genannt wird, mitzusprechen. Der Unterstrich ist eine Variante der geschlechtersensiblen Sprache, eine Weiterentwicklung des Binnen-I.

Geschlechtersensible Sprache wird inzwischen überall angewendet, in der Tagesschau, bei Anne Will, im Spiegel, in privaten Whatsapp-Chats. Es hat sich zum Erkennungszeichen, zum Gütesiegel entwickelt, ob jemand gendert oder nicht. Die Guten, Reflektierten, Fortschrittlichen lehnen das generische Maskulinum ab. Im Englischen gibt es dafür sogar einen Begriff: Virtue Signalling.

In den vergangenen vier Jahrzehnten – seit dem Beginn der feministischen Linguistik in den siebziger Jahren - steckten Feministinnen einen großen Teil ihrer Energie in den Kampf für geschlechtersensible Sprache. Wenn man die Sprache verändere, dann ändere man nach und nach auch die Verhältnisse, so grob zusammengefasst der Gedanke dahinter. Aber gibt es Belege dafür, dass es tatsächlich mit der Gleichberechtigung voran geht? Wie nützlich und effektiv ist die gendersensible Sprache als Werkzeug zum Wandel der Gesellschaft? Verdienen Frauen und Männer als Redakteure beim Spiegel jetzt gleich viel, seitdem die gendergerechte Sprache eingeführt wird?

Eine aktuelle Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung belegt, dass in der Krise mehrheitlich Mütter ihre sowieso schon geringere Arbeitszeit reduzieren oder sich freistellen lassen – und damit berufliche Nachteile riskieren. Zugespitzt gesagt: Alle gendern und zeigen, wie bewusst sie sind – aber Mutti arbeitet trotzdem Teilzeit.

Die Soziologin Jutta Allmendinger zitiert in einem Gastbeitrag für die Zeit mehrere Studien, die zeigen, dass viele Paare in Corona-Zeiten in eine Rollenverteilung wie in den fünfziger Jahren zurückfallen. Frauen mussten schon vorher kämpfen, jetzt haben sie es noch schwerer. Die Veränderung der Verhältnisse, die die feministische Linguistik versprochen hat, scheint noch mal weiter in die Ferne zu rücken. Die Ansätze für Veränderungen, schreibt Allmendinger, liegen seit vier Jahrzehnten auf dem Tisch, Abschaffung des Ehegattensplittings, Vätermonate, gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Passiert ist wenig.

Könnte es sein, und das frage ich durchaus selbstkritisch, dass in den vergangenen Jahren zu viel Kraft und Aufmerksamkeit in den Kampf für die korrekte Sprache geflossen ist? Und zuwenig in die Änderung der Strukturen?

Befürworter der geschlechtersensiblen Sprache verweisen auf Untersuchungen, die belegen, dass das generische Maskulinum keinesfalls geschlechtsneutral sei, sondern Frauen ausschließe. Probanden würden beispielsweise beim Wort Lehrer nur an Männer denken. Aber belegt das nicht eher die Vorurteile der Probanden? Und wäre es statt eines _ oder * nicht besser, konsequent Frauen in Chefsesseln, Talkshows, Chefredaktionen, zu zählen und dann Quoten einzuführen?

Man könnte einwenden, dass die gendersensible Sprache nicht stört, und im besten Fall sogar für ein größeres Bewusstsein sorgt. Aber es fällt eine andere Entwicklung ins Auge: Gendern teilt Männer und Frauen in zwei Gruppen, wir und die. Männer gegen Frauen, Befürworter und Gegner. Man liest von Virologinnen und Virologen, von Autorinnen und Autoren und denkt, es handelt sich um zwei verschiedene Gattungen. 

Vergangenen Woche sprach Anne Will von Ärzt_innen in ihrer Sendung. Von vielen wurde sie dafür beklatscht. Mir wäre es lieber gewesen, sie würde ein paar mehr Frauen einladen.