Bristol: Demonstranten treten in College Green auf eine heruntergerissene Statue von Edward Colston.
Foto: dpa/Ben Birchall

BristolAm Nachmittag des 7. Juni wurde Edward Colston versenkt. Hunderte Demonstranten brachten ihn zu Fall, rollten seine Statue die Straße hinunter und warfen sie in den Fluss Avon. Colston war Sklavenhändler. Seine Handelsgesellschaft verschiffte mehr als 100.000 Menschen von Westafrika in die Karibik und nach Nord- und Südamerika, 20.000 verloren dabei ihr Leben. Für die Demonstranten war es das, was Colston verdiente. Seine Statue liegt nun auf dem Grunde des Avon, genau wie die Überreste Tausender Sklaven auf dem Grund des Atlantiks liegen.

Die Reaktionen waren überraschend. Keir Starmer, der Vorsitzende der oppositionellen Labour Party – traditionell die politische Heimat schwarzer und asiatischer Wähler – verurteilte die Aktion als „völlig falsch“. Der Bürgermeister von Bristol hingegen sprach von einem „poetischen Akt historischen Ausmaßes“, und sogar der örtliche Polizeichef zeigte Verständnis. Die Statue habe „der Black Community ziemliches Unbehagen bereitet“, sagte er und verteidigte seine Entscheidung gegen ein polizeiliches Eingreifen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) bereits eine Woche lang friedlich protestiert. Was als Solidaritätsaktion mit den amerikanischen Antirassismus-Protesten gegen den Tod von George Floyd begonnen hatte, wurde schnell zu einer sehr viel breiteren Diskussion über strukturellen Rassismus in der britischen Gesellschaft. In London wurde am 9. Juni eine Statue des Sklavenhalters Robert Milligan entfernt. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan kündigte die Überprüfung aller Sklavenhalter-Denkmäler an.

Aufseiten der Rechten, aber auch unter vielen Liberalen sorgte dies für Aufruhr. Für einige Minister und konservative Kommentatoren handelte es sich um einen Angriff auf die Geschichte selbst – und zwar unabhängig davon, ob diese nach heutigen Standards als richtig oder falsch gilt. Von der Herrschaft des Pöbels war die Rede, von stalinistischen Methoden und sogar von einer Gefährdung der Meinungsfreiheit.

Churchills Enkel meldete sich zu Wort

Sogar Winston Churchills Enkel meldete sich zu Wort, der ehemalige konservative Parlamentsabgeordnete Nicholas Soames. „Man kann der Geschichte nicht einfach den Hahn zudrehen. Geschichte ist Geschichte. Man kann sie nicht korrigieren oder zensieren“, sagte er. Auch Churchill-Statuen sollen bedroht worden sein. Die Rechten kündigten an, „unsere Geschichte“ gegen die BLM-Bewegung „zu verteidigen“ und Denkmäler landesweit zu bewachen. Es kam zu seltsamen Szenen: In der Kleinstadt Nuneaton verteidigten Männer eine Statue von George Eliot, einer berühmten Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts – gegen niemanden. In Bristol bewachte das Mitglied einer Bikertruppe ein Weltkriegsdenkmal und trug dabei eine Kopfbedeckung, die an einen Wehrmachtshelm erinnerte.

Die meisten der Zusammenstöße spielten sich vor dem Parlament in London ab. Angriffe auf BLM-Demonstranten wurden glücklicherweise weitgehend verhindert, da die meisten aus Sicherheitsgründen zu Hause geblieben waren. Stattdessen betranken sich die „Denkmalschützer“ maßlos, grölten Fußball-Lieder, griffen die Polizei mit Flaschen und Feuerwerkskörpern an und urinierten überallhin – auch auf das Denkmal eines bei einem Terroranschlag ums Leben gekommenen Polizisten. Männer, die angeblich eine Churchill-Statue bewachten, wurden bei Hitlergrüßen beobachtet.

Die extreme Rechte ist in Großbritannien heute keineswegs mächtiger oder zahlenmäßig stärker als früher und sie ist deutlich schlechter organisiert als in der Vergangenheit – dennoch waren diese Szenen furchteinflößend, und überhaupt ist es besorgniserregend zu sehen, wie sich an den Statuen eine Art bislang nur aus Amerika bekannter Kulturkampf entfacht, befeuert vom bösartigen Rassismus einer in Teilen ohnehin vom Brexit aufgeheizten britischen Presse.

Eine neue Art von Kulturkampf

Nach statistischen Angaben aus dem Jahr 2011 sind 87 Prozent der britischen Bevölkerung weiß. Zu den Vorurteilen, die innerhalb dieser 87 Prozent verbreitet sind, zählten bisher folgende: In Amerika ist die Lage schlimm, was Rassenunruhen und Ungleichheit angeht, aber wir hier, in Großbritannien, sind ruhige, zivilisierte Leute und unsere Städte längst nicht so gespalten wie Detroit oder Chicago. Wir laufen nicht mit Schusswaffen durch die Gegend, und unsere Polizei gilt – zumindest meistens – als freundlich und fair. Die aus früheren Kolonien wie Indien und Jamaica kommenden Immigranten der Nachkriegsjahre wurden weitgehend willkommen geheißen. Das britische Nationalgericht ist Hähnchen Tikka Masala und der Rapper MC Stormzy unser Lieblingspopstar. Schwarze Fußballer werden von den Fans nicht beleidigt. Die zwei wichtigsten Minister von Boris Johnson, Finanzminister Rishi Sunak und Innenministerin Priti Patel, sind asiatische Briten. Also worüber beklagen sich diese BLM-Demonstranten also eigentlich?

Die letzten Tage haben die schönen Gewissheiten zunichte gemacht. Während Edward Colstons Statue auf dem Grund des Avon Moos ansetzt, machen Geschichten die Runde: über den Sklavenhandel und seine Profiteure, über die Massaker, die die Briten im 20. Jahrhundert in Indien angerichtet, und die Konzentrationslager, die sie in Südafrika betrieben haben, über den gegenwärtigen Rassismus in all seinen Formen. Und die Frage ist: Warum hat sich diese Ignoranz überhaupt so lange und so hartnäckig halten können?

Darauf gibt es mehrere Antworten. Die kurze lautet: Für weiße Briten ist es schlicht eine psychologische Entlastung, sich das Video von George Floyds Tötung anzuschauen und sich einzureden, dass so etwas in ihrem Land noch nie passiert ist und auch nie passieren wird. Die mittellange Antwort ist: Die Abwehrhaltung weißer Briten gegenüber strukturellem Rassismus liegt im eigenen Interesse. Denn sie entbindet sie von der Auseinandersetzung, wie sie selbst von dieser Ungleichheit profitieren, in der Bildung, auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, in den Medien, bei der Polizei und der Justiz. Die lange Antwort lautet, dass Großbritannien es über Jahrzehnte hinweg bewusst versäumt hat, seine Bürger ausreichend über die Geschichte Großbritanniens aufzuklären.

Es ist ein nationaler Mythos, der einfach nicht totzukriegen ist. Wie eine Umfrage im März gezeigt hat, finden 32 Prozent der Briten, sie könnten stolz auf ihr Königreich sein. (19 Prozent finden, man solle sich dessen schämen). 33 Prozent glauben, dass die Kolonien dank der Briten heute „besser dastehen“ als zuvor (17 Prozent meinten, das Gegenteil sei der Fall). Das ist ein höherer Prozentsatz als bei all unseren europäischen Nachbarn. In englischen Schulen spielt die atlantische Sklaverei und die damit verbundene Geschichte von Mord und Brutalität auch heute noch kaum eine Rolle, genauso wenig wie der Wohlstand, der dadurch angehäuft wurde.

Struktureller Rassismus und Ungerechtigkeit sind feste Konstanten der britischen Gesellschaft. Aber allmählich, wenn auch quälend langsam, machen sich Zeichen eines kulturellen Wandels bemerkbar: Im Fernsehen sieht man mehr schwarze und asiatische Gesichter, seit der Wahl im Dezember haben wir das „diverseste Parlament unserer Geschichte“ (es ist aber immer noch überproportional weiß), und rassistische Beleidigungen sind – zumindest in der Theorie – gesellschaftlich nicht länger akzeptiert. Aber all dies sind allenfalls Pflaster auf nach wie vor offenen Wunden.

An den Menschenrechtsverletzungen selbst hat sich wenig geändert. 1981 – in dem Jahr, in dem ich geboren wurde – kam es in dem multikulturellen Teil Londons, in dem auch meine Eltern arbeiteten, zu den sogenannten Brixton-Ausschreitungen. Sie waren die Antwort auf eine aggressive und willkürliche Polizeipraxis. Ohne Grund hielten Polizisten Schwarze an, um sie zu kontrollieren. 39 Jahre später kontrolliert Londons Polizei immer noch viermal so viele Schwarze wie Weiße.

Als Boris Johnson an Covid-19 erkrankte, verkündeten Medienkommentatoren allerorten mit ernster Miene, dass das Virus „niemanden diskriminiert“. Was das Virus angeht, so mag das stimmen – offensichtlich, denn es ist ja ein Virus; aber die Welt, in der es wütet, ist umso diskriminierender. Wie schon jetzt durch einen offiziellen Bericht festgestellt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit für schwarze Briten, sich mit dem Virus zu infizieren, wesentlich höher als für Weiße, ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben. Während des Lockdowns verhängte die Polizei gegen Schwarze doppelt so häufig Bußgelder wie gegen Weiße. Als die BLM-Demonstranten auf die Straßen strömten, ging es ihnen also nicht nur um Geschichte, sondern auch um die Gegenwart.

Die Haltung der Regierenden hat sich durch die Proteste und die Debatte nicht im Geringsten verändert. Das zeigte sich erst diese Woche, als Boris Johnson Munira Mirza zur Leiterin einer neuen Untersuchungskommission ernannte, die Ungleichheit untersuchen soll. Mirza nennt institutionellen Rassismus ein „Märchen“, bezeichnet Diversität als „spaltend“ und Multikulturalität befördert für sie „politische Opfermentalität“.

Einer meiner Freunde formulierte es so: Der dramatische Denkmalsturz bietet die erfreuliche Möglichkeit zu „mehr, und nicht weniger Geschichte“. Denn bis dahin waren Edward Colstons Statue und das, wofür sie stand, außerhalb Bristols und einer kleinen Aktivistengemeinde kaum bekannt. Und in der Tat sind die Reaktionen auf die jüngsten Ereignisse überaus lehrreich: Sie stehen für ein borniertes Verständnis dessen, was Geschichte eigentlich ist. Das sage ich als studierter Historiker, der sich viel mit Erinnerungsdebatten in Spanien beschäftigt hat. Dort gibt es Orte, in denen Hauptstraßen und Plätze seit 1900 fast ein Dutzend Mal umbenannt worden sind und wo die Debatte darüber, wer auf welche Weise geehrt werden soll, niemals abreißt.

Dass eine Statue, einmal errichtet, für immer an ihrem Platz zu bleiben hat, ist eine sehr spezielle und vielleicht sehr britische Idee. Sie steht exemplarisch für eine Kultur, die Geschichte als ein Epos paternalistischer Wohltäterschaft und Friedfertigkeit erzählt. Und die davon ausgeht, dass dieses Epos in Stein gemeißelt ist und von Debatten, Revisionen oder Neubewertungen völlig unberührt zu bleiben hat. In Wirklichkeit aber wird Geschichte immer wieder aufs Neue erzählt und verändert sich ständig – durch die Diskussionen, die wir führen, durch die Geschichten, die wir erzählen, und durch die Dinge, die wir tun. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Denkmalsturz in den kommenden Jahrzehnten in unsere Schulbücher eingehen wird – hoffentlich als Teil einer vernünftigen Aufklärung über Großbritanniens imperiale Geschichte und den geraubten Reichtum, von dem unser Land heute noch profitiert.

Übersetzt aus dem Englischen von Bradley Schmidt und Anna Förster.