Der niederländische Premierminister Mark Rutte verlässt während der Debatte im Abgeordnetenhaus über Corona-Maßnahmen am 30. September den Plenarsaal. 
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RotterdamEs gab diese Zeit in Berlin, in der man sich wie ein Star fühlen konnte, einfach nur, weil man in Berlin wohnte. Diese Zeit begann vielleicht 2009 damit, dass das Berghain zum besten Club der Welt gekürt wurde, und endete noch nicht 2014, als der US-Blog „Gawker“ verkündete, Berlin sei „over. What is next?“, für mich persönlich dann aber 2015, als Anne-Marie und ich aus unserer Tempelhofer Altbauwohnung auszogen, die trotz schimmeliger Küche gleich für 200 Euro mehr weitervermietet wurde.

Ich zog nach Rotterdam, das damals wegen seiner günstigen Mieten, unzähligen Industriebrachflächen und seines kreativen Potenzials als „Berlin der Niederlande“ galt, obwohl Wolkenkratzerskyline und Hafen eher selten sind im märkischen Sand. Weil die Niederländer aber eigentlich selbst wissen, dass sie kein zweites Berlin haben, drehten hippe Amsterdamerinnen, die ihren Sommerurlaub auf dem Mauerparkflohmarkt verbracht haben, in dieser Zeit regelmäßig durch, wenn man sich ihnen als Berliner vorstellte. Ich bekam regelrechte Starallüren, und wenn der Fame mir zu viel wurde, reichte es, stattdessen einfach nur „Deutschland“ als Herkunftsort anzugeben, um die Leute zu ernüchtern. Schließlich hat man ja nicht ständig Lust, einem Joost aus Zutphen zu erklären, wie er denn nun endlich ins Berghain gelassen wird.

Inzwischen ist das mit der Ernüchterung vorbei. Deutschland ist in den letzten Wochen und Monaten der Inbegriff der Coolness geworden, die nationalen Zeitungen überschlagen sich vor allem im Angesicht der nun heranrollenden zweiten Infektionswelle im Lob der Lässigkeit, mit der wir Deutschen uns mal wieder durch eine Krise mauscheln. Als hätten wir’s geahnt, sitzt bei uns nämlich eine Naturwissenschaftlerin cool wie ein Geodreieck an der Spitze der Regierung und erklärt ihren 82 Millionen Nachhilfeschülern eben gern auch mal, wie exponentielles Wachstum funktioniert, wenn nächste Woche Tests anstehen. Bereits seit 2019 füllt die Electro-Oper „Merkel“ die Säle in allen großen Theatern der Niederlande, am Vorabend der Corona-Pandemie erschien das Buch „Wij zijn Angela“ (Wir sind Angela).

Als der niederländische Premier Mark Rutte am vergangenen Montag auf seiner Pressekonferenz weitere Einschränkungen ankündigte, verrieten die Nachfragen der anwesenden Journalisten genau, welcher Staatschef gerade die Trends setzt. Ob man sich denn nicht die Lüftungssysteme bei den Deutschen abschauen könne und warum sich die Deutschen bereits im April an Türschwellen brav die Straßenschuhe aus- und die Gesichtsmaske aufgezogen haben, während Rutte damals in der Bevölkerung hartnäckige Zweifel an der Wirksamkeit der Masken säte. Warum sind unsere Testlabore so mickrig und die deutschen so groß? Und ob denn die Deutschen bei den niederländischen Krankenhausbetten bald wieder zu Hilfe eilen müssen?

Fehlte nur noch, dass Joost aus Zutphen sich bei Rutte beschwerte, dass er nun in ganz Deutschland nicht mehr reingelassen werde. Bereits im Mai kürte de Volkskrant Deutschland zum „Corona-Weltmeister“, „RTL Nieuws“ lobte die deutschen Touristen dafür, dass sie sich besser an hiesige Regeln halten würden als man selbst. Das Algemeen Dagblad empfiehlt den Landsleuten deutsche Tugenden: zuhören statt diskutieren. Und die Tageszeitung Trouw notiert, dass man schon in Zeiten von Ebola mit eigenen Notizen hätte anfangen können. Dann müsste man jetzt nicht bei den Nachbarn abschreiben.