Eine Drive-Through-Teststation in Daegu, Südkorea.
Foto: Lee Sang-ho/XinHua/dpa

BerlinUm die Verbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, setzt ganz Europa auf Kontaktverbote oder drastische Ausgangssperren. So soll die Kurve neuer Infektionen möglichst flach gehalten. Wo man hinsieht, scheint die konsequente Einschränkung sozialer Kontakte die einzig wirksame Maßnahme im Kampf gegen das Virus zu sein. Als Vorbild gilt China. Das Land hat das neuartige Virus durch massive Lockdown-Maßnahmen mittlerweile nach eigenen Angaben einigermaßen unter Kontrolle. 

Doch es gibt auch ein Beispiel dafür, wie es anders ginge. Südkorea  lag noch vor wenigen Wochen auf Platz 2 der am stärksten vom Coronavirus betroffenen Länder, direkt nach China. Rund 8.000 Menschen haben sich dort infiziert. Noch am 29. Februar wurden mehr als 900 Neuinfektionen gemeldet – innerhalb von drei Woche sank die Zahl vergangene Woche auf etwas über 70.

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Mittlerweile schwanken die Neuinfektionen, an einigen Tagen werden es mehr, an anderen weniger, man könnte sagen, die Kurve in Südkorea verläuft mittlerweile fast waagerecht. Die Sterblichkeitsrate ist mit etwa einem Prozent vergleichsweise gering. Im weltweiten Corona-Vergleich liegt das Land mittlerweile nur noch auf Platz 8.

Und das, obwohl es dichter besiedelt ist als Deutschland. Viel wichtiger noch: Südkorea ist im Gegensatz zu China wie Deutschland eine Demokratie - und musste bislang nie eine Ausgangssperre verhängen. Im Gegenteil: “Wir finden, dass ein Lockdown keine vernünftige Lösung ist”, sagte Kim Woo-Joo, ein Virologe der Korea University, dem Wissenschaftsmagazin “Science”. Südkorea verzichtet weitgehend auf Freiheitsentzug der Bürgerinnen und Bürger. Zwar sind Schulen geschlossen, Restaurants, Geschäfte und Shopping Malls aber blieben weiter geöffnet, ein Ausgangsverbot für die Bevölkerung gibt es bislang nicht.

Wie also hat es das Land geschafft, ohne Maßnahmen wie ganz Europa sie mittlerweile eingeführt hat, das Virus unter Kontrolle zu bekommen?

1. Südkorea testet viel mehr Menschen als Deutschland

“Science” berichtet, Südkorea entwickelte schon Tests, als das Virus im Land noch kaum ausgebrochen war. Nun werden dort durchschnittlich etwa 12.000 Menschen täglich getestet, also etwa 84.000 Menschen pro Woche – und damit im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung fast drei Mal so viele wie in Deutschland. Möglich wird das zum Beispiel durch Test-Automaten, die gänzlich ohne menschliche Kapazitäten auskommen und so genannte Drive-Through-Teststationen. Südkoreaner fahren mit ihrem Auto durch aufgebaute Zeltstationen. Statt Burger oder Cola vom Fast-Food-Restaurant-Mitarbeiter erhalten sie einen Rachenabstrich von medizinischem Personal durchs Autofenster. 

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Anders als Deutschland testet Südkorea dabei nicht nur Menschen mit Symptomen, sondern auch die breite Masse. In Deutschland dagegen berichten immer mehr Deutsche, dass sie selbst trotz Symptomen keine Chance auf Tests haben – das Robert-Koch-Institut überlässt die Entscheidung für Tests weitgehend den Ärzten. Und die testen oft nicht nur bei Symptomen, sondern nur, wenn auch Kontakt zu Infizierten vorhanden war.

Fällt in Südkorea ein Test positiv aus, ermitteln die Behörden alle Kontaktpersonen des Betroffenen und stellen so gezielt unter Quarantäne.

Corona: Südkorea erkennt auch Infektionsfälle ohne Symptome

Der Vorteil dieser Methode ist, dass Südkorea so zahlreiche symptomfreie Fälle erkennt. Es sind unter anderem diese Fälle, die Länder wie Spanien oder Italien aktuell überfordern. Dass beispielsweise Italien derzeit eine Sterblichkeitsquote von 8 Prozent aufführt, ist ungewöhnlich hoch – vermutet wird, dass eine riesige Dunkelziffer an Infektionen im Land herrscht, die es quasi unmöglich macht, den weiteren Verlauf der Epidemie zu kontrollieren.

Anders gesagt: In Europa müssen die Menschen weitgehend zuhause bleiben – auch deshalb, weil die Staaten schlicht nicht wissen, wo das Virus überall ist.

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Doch auch Südkorea hat diesen Weg nicht aus dem Nichts erfunden – das Land hatte bereits 2015 mit einem Ausbruch eines neuartigen Corona-Virus zu tun: dem Middle East Respiratory Syndrom (MERS). Damals musste das Land ebenfalls mit massiven Quarantäne-Maßnahmen reagieren, um den Ausbruch einzudämmen – und zog daraus die Lehre, künftig schneller mit massenhaft Tests auf ähnliche Ausbrüche reagieren zu müssen.

2. Detaillierte Datenauswertung und Infos per App

Die durch Tests gesammelten Daten kombinierte Südkorea mit ausgeklügelter Digitaltechnik – und massiven Einriffen in den Datenschutz. Über infizierte Personen werden sämtliche verfügbare und teils hoch sensible Daten – wie zum Beispie Bewegungsdaten auf dem Smartphone oder Kreditkarten-Informationen – gesammelt. So lässt sich fast lückenlos nachvollziehen, wo sich eine infizierte Person wann aufgehalten hat.

App informiert Bevölkerung über Aufenthalte von Corona-Infizierten

Per App versenden Gesundheitsbehörden und die südkoreanische Regierung diese Hinweise dann an die Bevölkerung. Patienten werden grob anonymisiert – der Name durch eine Nummer ersetzt, Geschlecht und Alter jedoch bleiben erhalten. Sämtliche Orte, an denen die infizierte Person war, werden ebenfalls aufgelistet. Vom Theater bis zum Restaurant.

Der britische Guardian hat einen Einblick in solche SMS erhalten: “Eine Frau in den 60ern wurde gerade positiv getestet”, heißt es beispielsweise darin, “klicken Sie auf den Link um eine Liste der Orte zu erhalten, die sie besucht hat, bevor sie ins Krankenhaus kam”. Trotz der Anonymisierung berichtet der “Guardian”, das einige Betroffene schon identifiziert und gar im Internet denunziert und bedroht wurden.

3. Social Distancing

Schließlich rief auch die Regierung in Südkorea die Bevölkerung dazu auf, soziale Kontakte weitgehend zu meiden. Hier bestehen vor allem kulturelle Unterschiede zu Europa – so ist es in Südkorea beispielsweise viel gängiger, in der Öffentlichkeit Atemschutzmasken zu tragen, die Verfügbarkeit viel höher.

Die Regierung schickt mehrmals täglich Hygiene-Hinweise auf die Smartphones der Bürgerinnen und Bürger, mit Lautsprecherdurchsagen und Infoplakaten wird darauf hingewiesen, die Hände regelmäßig zu waschen und in die Armbeuge zu niesen. In Bussen und Bahnen hängen Desinfektionsflaschen. Das berichtet ein in Seoul lebender deutscher Autor in der Tageszeitung “taz”. 

Coronavirus: Social Distancing in Japan

Konsequentes Social Distancing funktioniert, besonders aber eben dann, wenn es schon immer konsequent praktiziert wurde. Das zeigt Japan, wie die österreichische Tageszeitung “Standard” berichtet. Obwohl dicht besiedelt mit einem Seniorenanteil, der höher ist als überall sonst auf der Welt, verzeichnet das Land erst rund 1.000 Infektionsfälle und 41 Todesopfer. Täglich werden es nur wenig mehr.

Die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus sind verhältnismäßig milde – auch Japan hat zwar Schulen geschlossen, Restaurants und Geschäfte aber offen gelassen, auch hier gibt es keine Ausgangssperre. Getestet wird, anders als in Südkorea, nur bei schweren Symptomen. Doch Social Distancing gehört in Japan zur Kultur. Statt sich zur Begrüßung die Hände zu schütteln, verneigt man sich. Ein konsequentes Hygienebewusstsein wird schon Kindern gelehrt, ist man erkältet, gehört das Tragen von Mundschutzmasken zur Höflichkeit dazu. Als Japan nach dem Ausbruch des Coronavirus die Hygienemaßnahmen in der Öffentlichkeit verschräfte, fiel es der Bevölkerung deshalb um einiges leichter als Europäern, sich an die neuen Maßnahmen zu halten.

Das Beispiel zeigt, dass Europa mit Kontaktverboten und Ausgangssperren nicht falsch liegt. Auch in Südkorea und Japan halten die Menschen im Kampf gegen das Coronavirus viel Abstand zueinander. Der Unterschied: Sie tun es freiwillig.

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