Steffi, ehrenamtliche Helferin bei der Potsdamer Tafel, bringt eine Kiste mit Obst und Gemüse aus einem der Transporter zum Sortieren. 
Foto: dpa/Soeren Stache

PotsdamVon der Tür bis zum Ende des Gebäudes und den Gehweg entlang: Eine halbe Stunde vor Öffnung stehen die Menschen vor der Potsdamer Tafel schon mindestens 25 Meter an. Ganz vorne steht Khavani mit ihrer Tochter Mariam. Wie all die anderen in der Schlange sind sie gekommen, um sich ihre Lebensmittelration für die kommenden Tage zu holen. „Wir sind sehr froh, wieder hier sein zu können“, sagt Khavani. Normalerweise kommen sie jeden Freitag zur Potsdamer Tafel. Aber die Türen blieben wochenlang geschlossen.

Denn genauso überraschend wie Corona für die meisten Menschen kam, wurden auch die Tafeln vom Virus überrascht. Im April war knapp die Hälfte der 949 Tafeln in Deutschland vorübergehend geschlossen. Damit keiner der Kunden auf die Grundnahrungsmittel verzichten musste, haben sie vielerorts geliefert.

Einige hatten den Lieferdienst schon im Programm, andere setzten einmalige Versandaktionen um. „Wir haben den Tafelbetrieb quasi einmal von links auf rechts gedreht“, sagt die Tafel-Leiterin in Potsdam, Imke Eisenblätter. Seitdem sind über 14.000 Tüten mit Lebensmitteln gepackt und ausgeliefert worden. Fünf Touren pro Tag für insgesamt knapp 80 Einzelhaushalte. Hinzu kamen bis zu 70 Familien sowie mehrere Gemeinschaftsunterkünfte. Selbst mit neuen freiwilligen Fahrern waren die Anfragen nicht alle zu bewältigen.

Seit Juli können Menschen, wie Mariam und ihre Mutter, wieder persönlich ihre Lebensmittel holen. Vom Gemüse, das ganz vorne an der Theke ausgegeben wird, bis zum Brot am hinteren Ende ist nun alles hinter Plexiglas. Maximal vier Besucher dürfen zeitgleich im Ausgaberaum sein. Mit reichlich Abstand und Mundschutz. Alle Ehrenamtler tragen während der Bedienung Handschuhe.

Tafel erreicht nicht alle, die Hilfe benötigen

Trotz aller Bemühungen: Wegen der Abstandsregeln erreiche die Tafel weiterhin nicht alle, die Hilfe benötigen, sagt der Vorsitzende der Tafel Deutschland, Jochen Brühl. „Das macht uns große Sorge, da wir gleichzeitig eine neue Hilfsbedürftigkeit in der Bevölkerung spüren.“

Die nimmt auch Michael Schwarz, Caritas Schuldner- und Insolvenzberater in Cottbus, wahr. Viele seien durch die Krise völlig neu in eine finanzielle Notlage geschlittert. „Wir merken schon jetzt, dass da zusätzliche Bedarfe sichtbar werden“, sagt er. So stelle sein Team derzeit häufig Lebensmittelgutscheine für Studenten aus.

Auch Tafel-Chef Brühl geht von deutlich mehr Kunden in den kommenden Wochen und Monaten aus. Darum müsse die Tafel-Logistik ausgebaut werden. „Um dies zu realisieren, sind wir auf finanzielle Unterstützung des Bundes angewiesen“, sagt er. Das könne nicht allein durch Spenden und ehrenamtliches Engagement umgesetzt werden.

Die Tafeln finanzieren sich neben Spenden über die symbolischen Beträge, die Menschen für die Lebensmittel zahlen. Wird der Betrieb eingestellt, wie es nun der Fall war, fallen die Einnahmen weg – während Fixkosten wie Mieten weiterlaufen.

Um die durch das Coronavirus entstandenen finanziellen Nöte sozialer Einrichtungen aufzufangen, hat der Bund kurz nach Beginn der Krise das Sozialdienstleister-Einsatzgesetz (SodEG) verabschiedet. Seit Ende März können Zuschüsse gewährt werden.

Soziale Einrichtungen sind nicht von finanziellen Hilfemaßnahmen erfasst

Der Bund habe durchaus versucht, die soziale Infrastruktur in Deutschland aufrecht zu erhalten, sagt die Sprecherin für Behindertenpolitik der Grünen, Corinna Rüffer. „Aber wir stellen fest, dass es erhebliche Leerstellen gibt.“ Bestimmte Strukturen, wie etwa Drogen- und Familienberatungsstellen, Anlaufpunkte für Menschen mit Fluchthintergrund, Inklusionsbetriebe oder die Tafeln, seien von den Hilfe-Maßnahmen gar nicht erfasst. „Denen geht es natürlich total schlecht, weil das SodEG für sie überhaupt nicht gedacht ist“.

Denn: „Nicht antragsberechtigt ist ein Verein insbesondere dann, wenn er sich überwiegend über Mitgliedsbeiträge finanziert und der wirtschaftlichen Tätigkeit auch unter Berücksichtigung des Zwecks des Vereins nur eine untergeordnete Bedeutung zukommt“, erklärt das Finanzministerium auf seiner Infoseite. Das trifft auf die Tafeln zu.

Grünen-Frau Rüffer fordert einen zivilgesellschaftlichen Schutzschirm und unmittelbare und unbürokratische Liquiditätshilfen, damit diese Einrichtungen „nicht auf der Strecke bleiben“. Man müsse schnell Gelder zur Verfügung stellen, um die momentanen Engpässe zu mindern.

Finanzielle Nöte beschäftigen auch den Präsidenten des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher. „Gemeinnützige Einrichtungen dürfen keine Rücklagen bilden, deshalb kann eine Finanzierungslücke, wie sie viele für dieses Jahr voraussehen, nicht einfach so gestopft werden“, beklagt er. Mittel- bis langfristig sorgt er sich in den eigenen Einrichtungen um den Erhalt der sozialen Infrastruktur.

Zudem sei die Unterstützung durch die Schutzschirmgesetze zeitlich begrenzt. Er setzt sich deshalb für eine Verlängerung des SodEG über den Herbst hinaus ein und fordert die Bundesregierung auf, „die Entlastung der Kommunen, die mit dem Konjunkturpaket beschlossen wurde, nach der Sommerpause unverzüglich umzusetzen“.

In Bundesländern wie etwa Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz stehen sozialen Vereinen und Organisationen niedrigschwellige Finanzierungsmöglichkeiten zur Verfügung. „Das zu systematisieren, das wäre jetzt dringend notwendig“, sagt Rüffer. Es gehe nicht an, dass das Überleben am Ende eine Frage des Standorts ist.

Aus dem Sozialministerium heißt es dazu: „Die Tafeln sind Ausdruck eines zivilgesellschaftlichen Engagements. Die Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums und die Verbesserung der Teilhabe sind Aufgabe der staatlichen sozialen Sicherungssysteme.“ Und weiter: „Eine bundesweite und unmittelbare finanzielle Förderung oder gar teilweise Finanzierung der Tafeln von Seiten eines Bundesministeriums ist damit nicht vereinbar und deshalb auch nicht vorgesehen.“

Für Khavani ist der freitägliche Gang eine Möglichkeit, ihrer Tochter ansonsten unerschwingliche Wünsche zu erfüllen. Auch wenn sie für die Lieferungen sehr dankbar ist: Eine standardisiert gepackte Tüte könne nicht das gleiche bewirken, wie die eigene Auswahl.

Sie kommt freudig lächelnd aus dem Ausgaberaum und holt eine Packung Donuts aus der Tasche. „Schau mal Mariam, was ich dabei habe.“ Die Sechsjährige strahlt und schnappt sich einen der pink glasierten Kringel mit den bunten Streuseln. „Da habe ich mich so drauf gefreut.“