Wie weiter zwischen den Geschlechtern? Keine leichte Frage.
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BerlinDas Thema „Mann und Frau – die Beziehung zwischen den Geschlechtern“ ist weiter hochaktuell: Frauen fordern mehr Zugang zu den Vorstandsetagen, Männer wollen sich stärker an der Erziehung der Kinder beteiligen. Die Gruppe der Menschen, die anders lieben und leben wollen, hat begonnen, sich – nach Jahrhunderten der Diskriminierung – zu wehren. Lesben und Schwule wollen ihre Lebensentwürfe akzeptiert sehen.

Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen, wollen frei und ohne Angst an der Gesellschaft teilhaben. Die Debatten-Woche startete mit vier Thesen von Harald Martenstein. Eine davon postulierte, dass Frauen in Deutschland nie gleichberechtigt sein werden, weil die vielen Gleichstellungsbeauftragten dies verhindern werden, um ihre Arbeitsplätze zu sichern. Eine andere sagte, dass nicht der Kampf der Geschlechter das Problem sei, sondern die sozialen Unterschiede.

BLZ/Tagesspiegel/BpB
30 Jahre Meinungsfreiheit

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, aus der geteilten Stadt wurde ein geeintes Berlin. Gemeinsam mit dem Tagesspiegel und der Bundeszentrale für politische Bildung feiern wir die Meinungsfreiheit – mit guten Argumenten und großen Debatten. 


Die Journalistin Teresa Bücker stellte infrage, dass Gleichheit überhaupt erstrebenswert sei. Sie will „weibliche Freiheit“ verwirklichen und diese entstehe immer nur in Abhängigkeit von anderen. Ein feministischer Entwurf stelle deshalb das Zusammenleben ins Zentrum. Unser System müsse sich komplett ändern, damit wir eine neue Welt bekommen.

Mehr Offenheit für andere Entwürfe forderte auch die Dragperformer*in Xenia von Uexküll ein. Sie sieht sich weder als Frau noch als Mann und denkt, dass unter den 7,6 Milliarden Menschen weit mehr Varianten bestehen, als es das Frau-Mann-System ahnen lasse. Am Ende seien wir alle vor allem eins: Menschen.

Die Frage der rechtlichen Gleichstellung warf taz-Redakteur Jan Feddersen auf. Der homophobe Paragraf 175 wurde nach der Wende abgeschafft, die Ehe für alle vor zwei Jahren eingeführt. Feddersen kritisierte aber, dass viele Konservative dennoch keinen Frieden mit der Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen gemacht hätten. Es gebe weiter viel Arbeit an einer Kultur des Respekts, schrieb er.

Zum Abschluss der Woche berichtete die Lernbegleiterin Monisha Moreau, wie schwer es ist, für lesbische Paare Eltern zu werden. Sie bot ein neues Konzept an: Eine Frau trägt die befruchtete Eizelle der anderen aus. In Deutschland ist so eine Herangehensweise aber momentan noch verboten.


Das sind die Reaktionen unserer Leser


Eine Prise frische Luft von Harald Martenstein

Danke für die Veröffentlichung des pointierten Artikels von Harald Martenstein. Beim Lesen dieser kritischen Analyse war es mir, als würde ich eine Prise frischer Luft einatmen. Machen Sie weiter so mit Ihrer differenzierten Darstellung der allerdings immer unübersichtlicher werdenden gesellschaftlichen Entwicklungen. Reinhard Kunze

Gendersternchen sind nur ein erster Schritt

Es ist schon auffällig, dass alle eingestehen, dass sich Sprache permanent verändert, aber gerade im Hinblick auf geschlechterinklusive Sprache wird dies rigoros abgelehnt. Ich kann mir das nur so erklären, dass in einer sich immer schneller verändernden Welt die Geschlechterbinarität für viele wohl wie ein Fels in der Brandung war, ein Kontinuum, dass unverrückbar und unveränderbar galt.

Jetzt, mit der Einführung der dritten Option und dem vermehrten Sichtbarwerden nichtbinärer Lebensweisen, scheint für viele Menschen im wahrsten Sinne des Wortes eine Welt einzubrechen. Ich selbst schreibe schon lange mit Gender-Gap und kann versichern, dass die Umgewöhnung nicht schwer ist. Svetlana Linberg, per E-Mail

Die Elite soll die ungleiche Bezahlung aufdecken

Sehr geehrter Herr Martenstein, sie bringen da offensichtlich einiges durcheinander: Wenn Sie in Ihrem Beitrag das soziale Geschlecht bemühen, dann bitte auch das biologische. Das biologische wollen wir doch nicht verändern, das wäre doch sehr schade! Der soziale Unterschied soll eben nicht so bleiben, wie er in Deutschland immer noch besteht.

Die von Ihnen beschriebene ALDI-Verkäuferin, die Kindergärtnerin, die Krankenpflegerin, die Frauen in den sozialen und Dienstleistungsberufen sollen das bekommen, was sie verdienen! Bei Ihrer Einstellung, sehr geehrter Herr Martenstein, kann es tatsächlich noch sehr viele Jahre dauern, bis in Deutschland gleiche Chancen für Frauen und Männer erreicht sind. Warum steigen Sie ein in eine Debatte, die unter anderem davon geprägt ist, in die da „oben“ und „unten“ zu spalten? Christine Rabe, per E-Mail

Die Religionen bestimmen das Zusammenleben

„Es ändert sich alles – und bleibt doch immer gleich“, diesen Kalenderspruch eines klugen Mannes habe ich als für mich stimmend empfunden. Das Zusammenleben der Menschen und speziell der Geschlechter bestimmten früher und auch noch heute die Religionen – und solange wir nicht den klugen Gedanken des Dalai Lama folgen, „Ethik statt Religion“ laut einem Büchlein von F. Arlt, wird sich kaum was ändern im Zusammenleben der Menschheit. Renate Quente

Die Träume werden nicht monopolisiert

Frau Bückers Feminismus deckt sich mit den Ansichten von Frauen, die ich kenne und schätze. Auch bei ihnen finde ich nicht nur die Unzufriedenheit mit dem gesellschaftlichen Status quo, sondern auch ein Unbehagen an der Geschlechterpolitik. Sympathisch ist es, dass sie über die Ziele und Träume spricht, wie eine bessere Gesellschaft aussehen könnte, und ich finde es als Mann natürlich sehr positiv, dass sie diese Träume nicht für Frauen monopolisiert. Dennoch möchte ich mir eine kleine Ergänzung erlauben. Träume sind zwar wichtig, aber auch nicht ungefährlich, da sie zu irrealen Hoffnungen und Erwartungen führen. Irreale Träume, die nicht verwirklicht werden können, können tiefe Enttäuschungen verursachen. Walter Bühler, per E-Mail

Homophobie oder Hass auf Homosexualität?

Homophobie ist weiblich. Der Hass ist männlich. Vielleicht sollte man die Dinge endlich wieder beim Namen nennen und nicht mit diesem verharmlosenden Kunstwort versuchen zu umschreiben, für das es ohnehin keine Übersetzung gibt und das sachlich falsch ist. Rolf Dombrowsky

Ich leben jeden Tag mit Diskriminierungen

Ich bin intersexuell. Ich wurde als Kind mehrfach operiert, damit aus mir ein „richtiger Mann“ werden könne. Das erste Mal nur wenige Tage nach meiner Geburt. Gefragt hat man mich nicht. Seit Jahren bin ich damit beschäftigt, die damals getroffene Entscheidung zu revidieren, ich nehme es in Kauf, da ich nie in die aufgezwungene Rolle gepasst habe. Ich lebe jeden Tag mit Diskriminierung, werde auf der Straße angepöbelt, in Vorstellungsgesprächen wird mir gesagt, dass man „sowas“ den Kunden nicht zumuten könne. Das alles macht mich traurig, aber so ist die Mehrheitsgesellschaft. Wütend werde ich, wenn ich lese, dass sich Ärzte heutzutage damit rühmen, dass sie jedes Jahr Säuglinge operativ zuordnen. Das ist ein klarer Verstoß gegen das Menschenrecht. Miriam Katharina Praschl

Wichtig ist die innere Einstellung eines Menschen und nicht die Einhaltung nerviger Sprachkodexe der selbsternannten Sprach- und Sittenwächter.

Peter Mahr

Welchen Diskurs meint Herr Martenstein?

„Der feministische Geschlechterdiskurs“ sei widersprüchlich – welche Diskurse meint Herr Martenstein? Die zum Radikalfeminismus, zum anarchistischen Feminismus, zum Postfeminismus gehörigen...? Das Argument der Kompliziertheit ist nicht neu. Die Forschung konnte jedoch mit zahlreichen Pro-Argumenten für gendergerechten Sprachgebrauch aufwarten und es finden sich Erfolgsgeschichten bspw. aus Schweden, wo sich ein neues Pronomen durchsetzte. Dass der Verfasser sich zutraut, einzuschätzen, welche Art von feministischen Anliegen eine Rentnerin oder eine Kassiererin umtreiben, finde ich – als eine, die in queerfeministischen Projekten und auf Demos schon mit Frauen von ganz unterschiedlichen Generationen und sozialen Hintergründen zu tun hatte – äußerst gewagt. Michelle Meta Ebene, über Facebook

Gender-Sternchen verhunzen die Sprache

Ich gehöre zu den Frauen, die dem derzeitig üblichen Gendern sehr kritisch gegenüber stehen. Der Begriff meinte übrigens früher etwas ganz anderes. Nämlich: solche Lebensumstände zu schaffen, dass alle sich unabhängig von ihrem Geschlecht, Besonderheiten usw. gleichberechtigt entwickeln können und gleichberechtigt am sozialen Leben teilhaben können. Die Gender-Sternchen und ähnliches lösen diese Probleme nicht, nur die Sprache wird verhunzt. Und Studierende sind etwas anderes als Studenten/Studentinnen. Birgitt Eltzel, über Facebook

Sich dem gewählten Geschlecht zugehörig fühlen

Laaaaaaangweilig! Xenia kann sich, wenn sie intersexuell ist, als „divers“ bezeichnen. Hat keiner ein Problem mit. Wenn Xenia transsexuell ist, gehört Xenia bereits einem (gewählten) Geschlecht an und sollte sich dem dann auch mal zugehörig fühlen. Heribert Eisenhardt, über Facebook

Echt verwerflich, wie einfach biologisch fundierte Erkenntnisse wie der Fakt, dass es nur zwei Geschlechter gibt, von unseren Newcomern angezweifelt werden.

ahmetbks, via Instagram

Kinder sollten nicht zu sehr geschützt werden

„Divers“ drückt doch schon aus, dass es vielfältig/unterschiedlich ist. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein. Ich bin gerne eine Frau und bin der Meinung, dass man Kinder nicht zu sehr zuschütten sollte mit irgendwelchen Vorstellungen. Sie entwickeln schon selbst ein Gefühl für ihren Körper und ihren Platz in der Welt, wenn man sie lässt. Christine Kuba

Individuelle Menschlichkeit ist das Ziel

Nicht die Gleichheit ist das Ziel, sondern die individuelle Menschlichkeit. Denn ob sich die Männer in „dem“ Männerbild wiederfinden, sollte man auch mal diskutieren. Zwischen Donald und Barack ist das eine ganz schöne Bandbreite. pesi.waidmannslust, via Twitter

Transsexualität ist kein Elitenprojekt

Ich bin eine transsexuelle Frau, die durch ihr Leben geht – was in einer rückwärts gewandten Welt und Stadt nicht einfach ist. Beschimpft auf dem Weg zum Job. Auch im Betrieb abgelehnt bis hin zu unerträglichen Mobbingversuchen. Es ist mir angeboren, sozusagen in die Wiege gelegt worden. Das ist wohl kaum ein Elitenprojekt, das ich persönlich führe. Ja! Die Namensänderung ist beschwerlich, aber notwendig. Dass es im 21.Jahrhundert anerkannt ist, dass es eine Vielfalt in Geschlecht und Gender gibt, scheint bei einigen älteren Herren nicht angekommen zu sein. Lorinda Tran

Gender-Sternchen sind ein Ausweg

Und zur Sprache muss man eigentlich nicht mehr viel sagen. Es ist eines der vielen Themen der Genderdebatte neben den genannten sozialpolitischen. Mir gefallen die Sternchen auch nicht besonders, aber es ist ein Ausweg aus einer männlich dominierten Sprache, und vor allem macht es bewusst, in welcher Form Sprache soziale Konstruktionen transportiert. Peter C. Seel

Das Geschlecht wechseln wie die Adresse

Das Problem der Millenials ist es, dass sie Unverbindlichkeit mit Freiheit verwechseln. Letztendlich kommt es auf den Charakter an. Und Charakterstärke kann sich nicht aus Unverbindlichkeiten entwikkeln. In der westlichen Welt zeigt sich leider immer öfters ein theatralisches „ich weiß nicht“ – ein „ich habe Angst vor Entscheidungen“. Welche Ausbildung oder berufliche Entwicklung? „Ich weiß nicht.“ Eine vertraute Liebesbeziehung eingehen? „Bloß nicht, schränkt ein.“ Ich liebe mich, wie mich die Natur geschaffen hat? „Wie mich die Natur geschaffen hat, entscheide ich selbst.“ Oder doch nicht? Das Geschlecht wechseln wie die Adresse? Da bleibt nur noch eine x-beliebige Nummer ... Aber zum Glück gibt es noch viele andere – vor allem junge – Menschen, die wissen, wer sie sind und was sie wollen. Heike König