Ein Hinweis vorweg: „Allahs Narren – Wie der Islamismus die Welt erobert“ (164 Seiten, 14,95 Euro, Merlin Verlag), das Buch des algerischen Autors Boualem Sansal sollte jeder, der sich für den Siegeszug des Islamismus interessiert, unbedingt lesen.  Sein neuester Roman, der Ende April auf Deutsch erscheinen wird, heißt „2084 – Das Ende der Welt“ und beschäftigt sich mit einer Zukunft, in der ein religiöser Totalitarismus die Macht übernommen hat.

„Allahs Narren“ ist darum so gut, weil Boualem Sansal nicht nur eine Geschichte des modernen Islamismus, beginnend mit der Muslim-Bruderschaft in Ägypten, skizziert, sondern die Geschichte seiner eigenen Wahrnehmung dieser unbeholfenen, weitgehend ahnungslosen, etwas lächerlichen Fanatiker, die in dem von den Kolonialherren befreiten Algerien von den Dörfern her die muslimische Gesellschaft, die im Falle Algerien weitgehend gerade keine muslimische Gesellschaft war, aufrollten und obwohl sie unentwegt unterdrückt wurden, offenbar unaufhaltsam an Macht gewannen. Der 1949 geborene Sansal, der am Gymnasium Latein und Griechisch gelernt hatte, studierte dann Ingenieurwissenschaften und Volkswirtschaftslehre, um mitzuhelfen beim Aufbau eines neuen Algerien. Das tat er dann auch ab 1992 im algerischen Industrieministerium. 1999 veröffentlichte er seinen ersten Roman. Sansal kann uns nicht sagen, wie man Salafist wird. Er wurde nie einer, aber er hat beobachtet, wie der Islamismus  von immer mehr Menschen um ihn herum Besitz ergriff.  Und Sansal erzählt uns, wie teuer er bezahlt hat, dafür, dass er die Islamisten so lange unterschätzte.

Vom Salafismus befreit

Dominic Musa Schmitz aus Mönchengladbach erzählt eine ganz andere, er erzählt seine Geschichte. Sie handelt von einem 17-Jährigen, der 2004 über einen marokkanischen Kifferfreund an den Islam und von dort an den salafistischen Prediger Sven Lau gerät, zu dessen Assistenten er wird: Dominic Musa Schmitz „Ich war ein Salafist – Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt“ (251 Seiten, 18 Euro). Schmitz ist heute 29 Jahre alt, hat sich seit 2013 vom Salafismus befreit, ist aber weiter Muslim. Er erzählt, wie er es wurde, wie er sich in kürzester Zeit radikalisierte und wie schwer es ihm fiel und gemacht wurde, wieder herauszukommen aus der Szene. Immerhin zeigt er: Es geht.

Wie wird man Salafist? Schmitz’ Antwort ist unbefriedigend. Er erzählt von seiner damaligen Orientierungslosigkeit, von seinem Gefühl der Wertlosigkeit, der Bedeutungslosigkeit. Die „Brüder“ der Moscheegemeinde nahmen ihn auf, haben ihm zugehört. Das war wohl wirklich so. Aber eine Band hätte es dann doch wohl auch getan oder eine Gang. Er sieht sich als Opfer. Die salafistischen Verführer haben sich ihn herausgepickt und ihm den Kopf gewaschen, so liest sich seine Geschichte. Aber seine Geschichte ist doch auch die von einem, der sich einen allmächtigen Gott erträumt, an dessen Seite er jetzt und in Ewigkeit Macht haben wird. Die Jugendlichen, die sich einem alten Mann auf dem Bürgersteig in den Weg stellen und von ihm verlangen, dass er ihnen „Respekt“ erweist, wollen nicht „Respekt“. Sie wollen Unterwerfung. Der religiöse Fanatiker – gleich welcher Konfession – fordert diese Unterwerfung im Namen seines Gottes. Der Salafist ist der Blockwart des Herrn. Dass der sich nicht zeigt, steigert die Macht des Blockwarts, statt sie zu dimmen.

Sehr eindrücklich zeigt Schmitz, wie der Islamismus ihm aus seiner Drogenabhängigkeit hilft und wie er wieder in sie zurückfällt, wenn er sich von ihm befreit. Schmitz schildert, wie ihm immer wieder Zweifel an seiner salafistischen Weltanschauung und Praxis kommen, dass er sie immer wieder zurückdrängen konnte, bis ihm das immer weniger gelang. Ohne Anlass. Die Gemengelage seiner Gefühle und Argumente hatte sich verschoben, nachdem sie sich immer mal wieder mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung bewegt hatte. Das macht uns Hoffnung. Auch der größte Fanatiker ist ansprechbar. Nicht jetzt und nicht sofort. Aber was wir ihm entgegenhalten, bleibt – so weit er es auch in diesem Augenblick wegschieben mag – in ihm und wirkt weiter. Es ist Teil der Masse an Eindrücken und Überlegungen, die auch sein Unterbewusstsein in jeder Minute verarbeitet. Im Buch schreibt Schmitz, wie er einmal erklärte: „Im Islam dürfen wir nicht lügen und nicht lästern, wir müssen unsere Familie und unsere Nachbarn ehren“. Er erhielt die Antwort: „Dazu brauche ich keine Religion. Das gehört sich einfach nicht.“ Schmitz schämte sich, dass er für das Selbstverständliche einer Höllendrohung bedurfte. Dominic Musa Schmitz hat eine Youtube-Adresse, auf der er von seinen Erfahrungen erzählt und geduldig Fragen beantwortet:

„Warum denn denken? Es steht doch alles im Koran“, hört Dominic Musa Schmitz von seinen Konvertitenfreunden, wenn er den einen oder den anderen Zweifel vorträgt. Heute fragt er sich: „Wie konnte ich es so viele Jahre zwischen all diesen Einfaltspinseln aushalten?“ Wir tun so, als sei Freiheit nichts als eine schöne Errungenschaft. Sie ist anstrengend. Das Selberdenken auch. Man hat Angst davor. Als Jugendlicher und mehr vielleicht noch als Erwachsener, wenn man Kinder, wenn man eine Familie hat und nicht weiß, wie man über die Runden kommen soll. Größer als das Verlangen nach Freiheit ist in uns allen – fast immer – die Angst vor ihr. Da hilft vielen – nicht nur muslimischen Konvertiten – der Glaube. Wir müssen uns nur daran erinnern, wie wichtig nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der vernichtenden Niederlage Nazideutschlands, die Kirchen wurden. Sie boten denen, deren Überzeugungen – darunter ja auch die einer allen überlegenen Herrenrasse anzugehören – gerade alle widerlegt worden waren, einen neuen Halt. Es war wichtig, dass dieser neue ein alter Halt war.  Der Traum von der überlegenen Rasse wird jetzt von der überlegenen Religion ersetzt. Auch sie kommt daher als ein Rekurs auf älteste Traditionen.

Auch Ahmad Mansour war radikaler Islamist. Er wurde 1976 in Tira, damals ein kleines Dorf in der Nähe von Tel Aviv, geboren. Ein arabischer Israeli, der aufwächst im wütenden Antisemitismus seiner Umgebung, der von seinem Gefühl der Minderwertigkeit freikommt, als der Imam ihn anspricht und ihm sagt, er könne etwas Großes aus seinem Leben machen. Ahmad Mansour ist vierzehn Jahre alt und besucht die Koranschule. In der wird er radikalisiert und radikalisiert  sich. Mansour warnt davor, die jugendlichen Islamisten nur als Opfer zu sehen. Sie wollen einer Elite angehören. Sie wollen die Macht. Der Traum, etwas Besonderes zu sein, ist nicht zu trennen von der Vorstellung, anderen überlegen zu sein. Nicht aufgrund von Leistungen, von Wissen oder Können, sondern, weil man es ist.

Ein blinder Fleck in der Gesellschaft

Mansour bettet seine Geschichte ein in die unserer Zeit. Er ist Diplompsychologe, arbeitet in Berlin für Projekte gegen Extremismus. Er ist Programmdirektor bei der European Foundation for Democracy. Sein neuestes Buch heißt „Generation Allah – Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen“ (S. Fischer Verlag, 271 Seiten, 19,99 Euro). Die islamistische Radikalisierung wird, so schreibt Mansour „von Politik und Gesellschaft bagatellisiert und verdrängt. Nicht einmal die erschreckenden Medienberichte über Hunderte Jugendlicher Dschihad-Touristen aus Deutschland, über verübte oder vereitelte Anschläge, tragen dazu bei, dass sich die politisch Verantwortlichen und die demokratische Mehrheit im Land realistisch und angemessen der Herausfordrung stellen. Daher gedeihen diese sozialen Phänomene ungehindert weiter. Es wird ungenügend geforscht. Es fehlt eine offizielle Datenbasis. Es mangelt an politischem Willen, die Wahrheit zu sehen. Fazit: Es gibt einen blinden Fleck in der Gesellschaft.“

Der jordanische Politikwissenschaftler und Islamismus-Experte Mohammad Abu Rumman lässt in seinem Buch „Ich bin Salafist – Selbstbild und Identität radikaler Muslime im Nahen Osten“ (Dietz-Verlag, 237 Seiten, 19,90 Euro) mehr als ein Dutzend radikaler Islamisten zu Worte kommen. Er weist auf etwas hin, das man in den anderen Zeugnissen übersehen konnte: auf den Bildungstrieb der Fundamentalisten. Sansal sieht sie zunächst als ungebildete Narren, Schmitz als „Einfaltspinsel“. Rumman schreibt dagegen: „Bei den Salafisten gibt es so etwas wie ,Macht durch Wissen‘. Unter den Anhängern herrscht ein starker Wettbewerb darum, wer mehr religiöses Wissen erwirbt als der andere und dadurch aufsteigt in der Gruppe.“ Es handelt sich um ein sehr spezifisches Wissen. Es geht dabei darum, das richtige Mohammed-Zitat parat zu haben. Es geht gerade nicht darum, die verschiedenen Überlieferungen kritisch aufeinander zu beziehen.
Das ist die Art von Wissen, wie sie jeder Zirkel kultiviert. Es geht dabei um die klare Trennung von innen und außen. Wer Ende der 60er in marxistischen Gruppen verkehrte, dessen Ansehen stieg in dem Maße, in dem er über  jeweils passende, möglichst „schlagende“ Zitate von Marx, Engels, Lukacs, Korsch, Gramsci, Che Guevara, Mao Tse-tung verfügte. Die Komik, die darin lag, dass diese untereinander heillos zerstrittenen ungläubigen Sekten  einander mit Zitaten bombardierten wie Theologen das nicht besser  tun konnten, amüsierte und erschreckte die damaligen  Beobachter.

Nicht anders geht es uns heute, wenn wir sehen, wie   die „Generation Allah“ heute glaubt, der Wirklichkeit mit ein paar Zitaten aus Koran und Hadithen zu Leibe rücken zu können.  Wie damals gehören auch heute zu den Zitaten die Waffen.  Immer wieder wird die Waffe der Kritik ganz schnell ersetzt durch die Kritik der Waffen. Es dauert dann immer wieder nicht nur sehr lange, bis man wieder bei der Waffe der Kritik ankommt. Meist sind auch noch Hunderte, Tausende, in schlimmen Fällen Hunderttausende oder gar mehr Tote unterwegs auf der Strecke geblieben.