Wieder ein Krisenjahr überstanden: Hurra, wir leben noch!

Das Jahr 2022 haben wir viel besser gewuppt, als viele glauben. Aber es gibt noch einiges zu tun. Hier kommt ein Vorschlag für einen Vorsatz fürs neue Jahr.

Diese Menschen nerven, aber sie sind nicht unser größtes Problem.
Diese Menschen nerven, aber sie sind nicht unser größtes Problem.Pauls Zinken

Noch eine Woche, dann ist das Jahr 2022 auch schon wieder Geschichte. In den meisten Jahresrückblicken ist die Meinung eindeutig: Dieses Jahr war noch schlimmer als die Corona-Jahre 2020 und 2021. Doch wenn man allein das Negative betont, tut man den vergangenen zwölf Monaten Unrecht. Das Jahr 2022 hat uns eine wertvolle und unerwartete Erkenntnis beschert: Deutschland kann Krise!

Was war nicht alles geredet und geschrieben worden vom Wutwinter. Doch statt auf Montags- oder sonstigen Demos ihrer Angst und ihrem Ärger Luft zu machen, sind die Bürgerinnen und Bürger besonnen geblieben. Erst mal abwarten, wie schlimm es wirklich kommt, sagten viele. Bemerkenswert ist, dass es vor allem die Älteren waren, die immer wieder darauf hingewiesen haben, dass es in der Ukraine doch viel schlimmer aussehe. Dass es hier um kalte Wohnungen gehe und dort ums Überleben.

In der Politik gab es kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine noch die Vermutung, dass es gerade die Alten sind, die Angst vor einer weiteren Eskalation haben könnten, weil sie den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung noch selbst erlebt hatten. Ein großer Irrtum. Gerade jene mit Kriegserfahrungen in der Kindheit sprachen sich besonders für die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen in der Ukraine in Deutschland aus. Sicher haben Sie in Ihren Familien die gleiche Erfahrung gemacht wie ich.

Doch auch von den Jüngeren kamen wenig Klagen. Dabei hatten die schon in der Pandemie heftig zurückstecken müssen und sehen durch den Krieg und mehr noch die Klimakrise ihre Zukunft in Gefahr. Jetzt sammelten die Schülerinnen und Schüler Hilfsgüter für die Ukraine, standen viele von ihnen in den Städten am Bahnhof und begrüßten die Hilfesuchenden.

Wem dieser Augenschein nicht reicht, der lässt sich vielleicht mit einer schnöden Zahl überzeugen: Insgesamt 5,8 Milliarden Euro an privaten Spenden kamen in diesem Jahr nach Angaben des Deutschen Spendenrates in der Bundesrepublik zusammen. In den ersten drei Quartalen wurden sogar Rekordsummen erzielt. Das heißt nichts anderes, als dass die Menschen nicht nur trotz Krisen, sondern womöglich auch gerade deswegen auch an andere denken. Wem das nicht reicht, um sein negatives Menschenbild zu überdenken …

Wer Krise kann, der kann auch Veränderung, oder? Denn klar ist: Es bleibt weiter schwierig. In den nächsten Jahren muss dieses Land nicht nur die aktuellen Probleme schultern, sondern eine ganze Reihe von eigenen Versäumnissen aufarbeiten. Die Stichworte dazu klingen zum Weghören, aber das haben die Verantwortlichen schon viel zu lange getan: Digitalisierung, Modernisierung der Infrastruktur und Verwaltung und vor allem endlich eine Rentenreform, eine echte. Die allein wird eine Menge unangenehmer Wahrheiten ans Licht bringen. Nur ein Stichwort: Die Rente mit 63 sollten wir jedenfalls alle schnell vergessen.

Und spätestens jetzt muss das böse K-Wort fallen. Den Klimawandel haben wir dieses Jahr nämlich wieder mit fast tödlicher Beharrlichkeit ignoriert. Da ist uns jede andere Krise recht, nur um dieses Problem nicht angehen zu müssen. Riesendiskussion über die sogenannten Klima-Kleber statt über jene, die nicht mal Kraft für ein Tempolimit aufbringen.

Hier mal den Blickwinkel zu ändern, könnte ein schöner Vorsatz fürs nächste Jahr sein. Damit wir auch Ende 2023 jubeln können: Hurra, wir leben noch!