Die politische und moralische Diskussion wird bleiben, ganz gleich, wie das juristische Urteil ausfällt: Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe befasst sich an diesem Montag mit der sogenannten Wittenberger „Judensau“ – einem Sandrelief aus dem 13. Jahrhundert an der Stadtkirche zu Wittenberg. Es zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen; ein Rabbiner blickt dem Tier unter den Schwanz und in den After. Das Gericht muss entscheiden, ob die antisemitische Schmähplastik den Tatbestand der Beleidigung erfüllt.

Kläger ist Michael Dietrich Düllmann, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Bonn. Er hat bereits zwei Instanzen hinter sich: das Oberlandesgericht Naumburg und das Landgericht Dessau-Roßlau. Düllmann, 78, will das Fassadenrelief an der Stammkirche der Reformation entfernen und mitsamt historisch-kritischer Einordnung in das Wittenberger Museum Lutherhaus verbringen lassen. Dort habe Martin Luther schließlich seine antijüdischen Schriften verfasst.

Schmähplastiken wie die Wittenberger „Judensau“ gibt es viele

Den Judenhass Martin Luthers sowie den antisemitischen Charakter des Kirchenreliefs würde aufseiten der Beklagten, der evangelischen Kirchengemeinde der Stadtkirche zu Wittenberg, niemand bestreiten. Seit 1988 wurde die Schmähplastik zur „Stätte der Mahnung“ erweitert und verweist mit einer in den Boden eingelassenen Gedenkplatte auf die Opfer des Nationalsozialismus. Hinzu kamen eine Erklärtafel zum Relief sowie als „Versöhnungszeichen“ eine Zeder aus Israel.

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Seit mehr als 700 Jahren prangt die antisemitische Schmähplastik „Judensau“ in etwa zehn Metern Höhe an der Wittenberger Stadtkirche.

Tat die Kirchengemeinde damit genug? Der langjährige Pfarrer Johannes Block hat sich immer wieder zu der Sache geäußert: „Die Plastik wird der Stachel im Fleisch bleiben, der das Gedenken und Erinnern immer wieder neu provoziert und entzündet.“ Allerdings verließ Block 2021 die Gemeinde und die in der Stadtkirche verbliebenden Pfarrer wollen sich anscheinend nicht vergleichbar exponieren, obwohl sich darunter auch so profilierte Kollegen wie etwa Alexander Garth befinden.

Derweil konnte Düllmann einige prominente Verbündete gewinnen. Etwa den mitteldeutschen Landesbischof Friedrich Kramer, den Generalsekretär der evangelischen Akademie Klaus Holz, den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung Felix Klein … Auf der anderen Seite sprach sich unter anderem Josef Schuster, Präsident des Zentralrates der Juden, gegen eine Entfernung des Reliefs aus, allerdings „sollte dort auf jeden Fall noch eine Tafel angebracht werden, die es eindeutig erläutert“.

Eine kreuz und quer verlaufende Debatte. Sie ist längst zum Bestandteil der mittelalterlichen Schmähplastik geworden. In diesem Sinne hat sich auch Christian Staffa geäußert, Antisemitismusbeauftragter der evangelischen Kirche. Man müsse sich der eigenen antijüdischen Geschichte stellen: „Der Rechtsstreit kann unabhängig von seinem Ausgang diese vor uns liegende Aufgabe nicht erledigen.“ Vor allem aber werde der Antisemitismus nicht mit dem Sandrelief verschwinden.

Michael Dietrich Düllmann ficht das nicht an. Er will den Instanzenweg im Zweifel bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen.  Doch Obacht: Die Wittenberger Stadtkirche gehört zum Weltkulturerbe und steht unter Denkmalschutz – ob da ein Relief einfach von der Fassade entfernt werden dürfte? Und was ist mit den anderen, schätzungsweise 30 Schmähbildern der „Judensau“ allein an deutschen Kirchen? Zum Beispiel am Kölner Dom, in Eberswalde, Magdeburg …

Streng genommen hätte Düllmann also noch einiges zu tun. Doch vorerst beschränkt sich der ehemalige Student der evangelischen Theologie, der in den 1970er-Jahren zum Judentum konvertierte, auf die Zentralkirche der Reformation. Das Wittenberger Relief „ist eine furchtbare Verfälschung des Judentums … eine Diffamierung und Beleidigung des jüdischen Volkes“, empört er sich und begründet seine Mission damit, dass es „bis heute eine schreckliche Wirkung“ habe.

Vor dem Verfahren am Oberlandesgericht Naumburg 2020 erklären der damalige Pfarrer der Wittenberger Stadtkirche, Johannes Block, und der Kläger gegen die Schmähskulptur, Michael Dietrich Düllmann, ihre Standpunkte.

Video: Youtube/AP