Mein Bereich, dein Bereich: Jennifer Grey und Patrick Swayze in Dirty Dancing.
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BerlinSpäter werden sie sich verlieben, aber noch ist Johnny ein strenger Tanzlehrer, und noch hat Baby, das schüchterne Teenagermädchen, keine Wassermelone getragen, als er ihr den Unterschied zwischen Nähe und Distanz erklärt: „Dies ist mein Tanzbereich und das ist dein Tanzbereich. Du hast nichts in meinem Bereich zu suchen und ich nichts in deinem. Du musst den Abstand halten!“ Und dann tanzen sie zu „Hungry Eyes“ von Eric Carmen, Patrick Swayze und Jennifer Grey, „Dirty Dancing“, 1987 war das. Heute möchte man nicht nur bei dieser Filmszene rufen: Das ist immer noch zu nah! Einsfünfzig! Das Gebot der Stunde: Social Distancing.

Ein Ende der angeordneten Distanzierung ist nicht abzusehen, nur die Folgen lassen sich seit fast drei Wochen beobachten im Alltag. Da ist die ältere Frau im Supermarkt, die einen darum bittet, die Tochter an die Hand zu nehmen, denn sie wolle ihr nicht zu nahekommen. Da ist der Lieferant, der auf eine Empfangsbestätigung verzichtet und nur ein Foto macht vom abgestellten Paket. Und da ist die Bäckereiangestellte hinter einer Plexiglasscheibe, die freundlich darauf hinweist, dass nur noch Kartenzahlung erlaubt sei.

Vorsichtsmaßnahmen sind Siege der Vernunft

Diese Vorsichtsmaßnahmen sind Siege der Vernunft, und die sind selten ein Grund zur Freude. Andererseits: Nicht jeder kann sich Distanzierung leisten. In vielen Berufen ist eben Nähe ein Ausdruck von Fürsorge. Der Mensch ist grundsätzlich ein soziales Wesen.

Wir können ja nicht mal nicht kommunizieren. Wir sprechen Körpersprache miteinander, achten auf Mimik und Gestik, geben uns die Hand, nehmen uns in den Arm, wir halten uns eigentlich gerne aus. Berührungen sind uns ein Grundbedürfnis. Und das hat Effekte. Untersuchungen haben etwa ergeben, dass ein aufmunternder Schulterklopfer vor einer Prüfung den Blutdruck und das Stresslevel verringert. Oder dass Gäste ein höheres Trinkgeld geben, wenn der Kellner oder die Kellnerin sie kurz berühren vor dem Bezahlen.

Und jetzt: Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren, Quarantäne, dazwischen viele freiwillige Abstufungen von Isolation. Schulen und Universitäten haben geschlossen, Restaurants liefern nur noch außer Haus, Freunde, Bekannte, Großeltern sind geschrumpft auf die Größe eines Bildschirms oder Displays.

Die Haut ist mehr als die Grenze zwischen Innenleben und Außenwelt, sie ist nun die erste Verteidigungslinie des Immunsystems im Kampf gegen das Virus. Und manchmal könnten wir aus ihr fahren, wenn uns jemand doch zu nahe rückt. In Aufzügen, Bahnen, Warteschlangen, beim Menschenslalom im Park, wo schnaufende Jogger die neuen Autofahrer sind, weil sie die behördliche Vorschrift, sich an Einsfünfzig zu halten, als bloßen Vorschlag umdeuten.

Vielleicht wollen wir uns gar nicht mehr nahe kommen

Viele Menschen brauchen den Abstand, und das war vorher auch schon so. Sie haben Territorialansprüche, verschiedene Sozialphobien, leiden unter Platzangst. Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich. Also schützen sie ihre Distanzzonen, wie sie der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall in seinem Standardwerk „The Hidden Dimension“ definierte, auf Deutsch: „Die Sprache des Raumes.“

Hall nennt eine intime Zone (bis 0,46 Meter), eine persönliche (bis 1,22 Meter), eine soziale (bis 3,7 Meter) und eine öffentliche ohne messbaren Radius. Wird etwa die intime Zone von aufdringlichen Kollegen betreten oder die persönliche von übergriffigen Fremden, kommt es zu Stress und Abwehrreaktionen. Für diese Menschen kann die Zeit des Social Distancing eine erholsame sein.

Irgendwann werden wir uns wieder näherkommen dürfen. Aber vielleicht wollen das ja nicht alle. Vielleicht werden sich Konventionen verändern, werden einige Begrüßungsrituale und andere Berührungen der Vergangenheit angehören, werden sich die Grenzen zwischen Nähe und Distanz verschieben. Aber hoffentlich nicht beim Tanzen.