BerlinJake Angeli ist wohl der bekannteste unter den Eindringlingen ins Kapitol von Washington. Mit einer mit Büffelhörnern verzierten Pelzmütze auf dem Kopf, Kriegsbemalung im Gesicht und nacktem Oberkörper spazierte Angeli, bekannter Anhänger Donald Trumps, in das Regierungsgebäude und dann auch wieder hinaus. Der 32-Jährige war schon im Februar 2020 in der Zeitung The Arizona Republic zu sehen gewesen, als er vor dem Kapitol in Phoenix für Trump demonstrierte.

Josiah Colt aus Treasure Valley in Idaho saß am Mittwoch nach der Erstürmung des Kapitols stolz im Sessel des Senatspräsidenten Mike Pence. Colt, 34, dachte dabei irrtümlich, dass er auf dem Platz der Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, säße.

Der Mann wiederum, der an diesem denkwürdigen Tag tatsächlich auf Pelosis Schreibtischstuhl saß, heißt Richard Barnett, er ist 60 Jahre alt und Waffenaktivist. Er sagte nach dem Kapitol-Sturm, dass er sich durchaus auf einen gewaltsamen Tod vorbereitet hatte. Barnett posierte laut Washington Post auch schon vorher gerne öffentlich – auf Facebook nämlich mit Gewehr und Sprüchen in Trump’scher Manier: „This is OUR COUNTRY!“

Der Held dieser Männer ist Donald Trump, der immer mehr zum Kapitän Ahab unserer Zeit mutiert. Der Walfänger will bekanntlich den weißen Wal Moby Dick besiegen. Als Seemann hat Ahab einen Ruf wie Donnerhall. Berüchtigt ist er auch für seinen Fanatismus. Bald merkt die Mannschaft seines Schiffes, dass sie sich auf keiner normale Walfangreise befindet: spätestens in dem Moment nämlich, als Ahab eine Goldmünze auf den Mast nagelt als Belohnung für den Erspäher seines Erzfeindes. Ahab verspricht allen Helfern Reichtum. Am Mittwoch wiederum versprach Trump seinen Anhängern, dass er bald mit ihnen vor dem Weißen Haus demonstrieren werde. Zusammen würden sie ihren weniger mutigen Parteigenossen Stolz und Courage schenken – ein Ahab-Moment.

Neben Trump ist es der Buchstabe Q, der die Kapitol-Erstürmer allesamt fasziniert und verbindet: Q steht für QAnon(ym) und damit für eine Verschwörungserzählung, die sich mehr und mehr verbreitet hat. Deren amerikanische Anhänger wollen ihr Land vor Pädophilen, Eliten und Globalisierern schützen. Trump gilt ihnen als Erlöser. Je mehr die Macht des US-Präsidenten im vergangenen Jahr wackelte, desto wärmer begrüßte er die QAnon-Anhänger. „Diese Menschen lieben ihr Land und mögen mich auch sehr“, sagte er.

Von QAnon ist seit dem Sturm auf das Kapitol viel die Rede. Und auch der Begriff „Mob“ wird oft verwendet bei der Beschreibung der Eindringlinge. Der „Mob“ ist seit jeher präsent in Amerikas Politik. Während der Revolution in Boston im 18. Jahrhundert beispielsweise lehnte sich der Mob gegen den britischen König auf. Die „Teaparty“-Männer, die damals die Teekisten von den britischen Schiffen warfen, waren wie Jake Angeli als Indianer verkleidet.

Eines sollte man vor allem nicht vergessen bei der Analyse des Angriffs auf das Kapitol: Die gediegenen Hallen dieses Gebäudes sind für die USA ungefähr so repräsentativ wie der Petersburger Winterpalast für Russland. Das Kapitol mag einerseits fast eine Art Heiligtum sein, ist andererseits aber ein Randphänomen in einem traditionell eher wilden Land. 

Wenn es etwas gab, das die USA und ihre Bürger zivilisieren sollte, dann war das die öffentliche Schule. Als das Land im Westen verteilt wurde, wurde per Gesetz bestimmt, dass in jedem Ort zwingend ein Schulgebäude errichtet werden musste. Generationen von Einwanderern haben danach ein Loblied auf die Englischlehrerin gesungen, die eine Laufbahn in der Neuen Welt oft erst ermöglichte. 

Allerdings ist das System der öffentlichen Schulen in den USA in den vergangenen 40 Jahren mutwillig zerstört worden. Das merkt man an fast jedem Satz der Kapitol-Erstürmer. Die Bildungserfahrungen dieser Männer sind heute ihre Ausflüge im Internet, ihre virtuellen Reisen führen sie zur QAnon-Verschwörung.

Jake Angeli, Josiah Colt, Richard Barnett – diese Männer sind wild denkende Amerikaner. Sie reden wie die Figuren aus dem Wilden Westen, wie der mythische Eisenbahnarbeiter John Henry, der schwor, er könne mit seinem Hammer härter schlagen als ein Dampfhammer. Mit dieser Arbeit habe er sich seinen ersten „Quarter“, ein 25-Cent-Stück, beim Eisenbahnbau verdient. 

Richard Barnett räkelte sich am Mittwoch lasziv an Pelosis Schreibtisch. Er schrieb einen rüden Brief auf Papier mit Pelosis Briefkopf, nahm einen gedruckten Umschlag als Trophäe mit. Einen matt-silbernen Quarter ließ Barnett auf dem Tisch zurück.