Berlin - Als sich am 16. Oktober 1992 an die tausend feierlich gekleidete Menschen im Berliner Reichstagsgebäude versammeln, ist dies ein Staatsakt, wie es ihn nur wenige zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat. Es gilt, Abschied zu nehmen von einem der großen,der besonderen Männer in der Geschichte des Landes, von Willy Brandt. Die politische Führung um Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker sitzt in den ersten Reihen, dazu Staatsmänner und Sozialdemokraten aus aller Welt, Lebensgefährten des Toten, die Spitzen der deutschen Gesellschaft.

Und natürlich die Familie. Brigitte Seebacher-Brandt, die dritte Ehefrau und nun die Witwe von Willy Brandt, auch die drei Söhne Peter, Lars und Matthias. Nur eine fehlt, ihre Mutter Rut Brandt. Die Frau, die während der Zeit Brandts als Regierender Bürgermeister Berlins und als Bundeskanzler über so viele Jahre an seiner Seite stand, die Teil seiner Popularität war, in ihrer eleganten, fröhlichen, warmherzigen Art ein Idol weit über die Anhänger der SPD hinaus. Brigitte Seebacher-Brandt habe ihre Teilnahme an der Trauerfeier verhindert, heißt es. Sie habe sie sogar ausgeladen. Es gibt große Empörung über dieses anscheinend rücksichtslose und selbstherrliche Vorgehen der Witwe.

Als dieser Tage Walter Kohl sich dabei fotografieren ließ, wie er mit seinen Kindern vergeblich Einlass in sein Elternhaus in Oggersheim forderte, wo sein Vater aufgebahrt lag, schien die Parallele deutlich zu sein: Auch hier spielt die Witwe Maike Kohl-Richter anscheinend eigensinnig ihre Privilegien als letzte und engste Vertraute des toten Kanzlers aus, als alleinige Vollstreckerin eines letzten Willens, von dem nur sie weiß. Und so bestimmt sie auch, dass es keinen deutschen Staatsakt für den Kanzler der Einheit geben soll, sondern eine europäische Trauerzeremonie.

Familie und Öffentlichkeit

Es ist wohl ein logischer Konflikt zwischen dem Interesse von Angehörigen, den Abschied und die Erinnerung auch eines prominenten Gestorbenen als private Angelegenheit zu betrachten. Und andererseits das Interesse der Öffentlichkeit, des Staates, einer Partei, diesem Mann oder dieser Frau eine angemessene öffentliche Würdigung zuteil werden zu lassen. Hinzu kommt hier aber in beiden Fällen, dass Teile der Familien und der Öffentlichkeit den späten Ehefrauen von Brandt und Kohl mit einem gehörigen Misstrauen entgegentreten.

Brigitte Seebacher-Brandt wurde vorgeworfen, sie habe ihren Mann, den linken Weltbürger Willy Brandt, in seinen letzten Lebensjahren in eine national-konservative Richtung beeinflusst und den SPD-Ehrenvorsitzenden seiner Partei entfremdet. Von Maike Kohl-Richter weiß man, dass sie langjährigen Wegbegleitern ihres Mannes den Zugang zum erkrankten Helmut Kohl verwehrt hat.

Das sind Bedingungen, unter denen Legenden sprießen. Das Problem ist, dass niemand Außenstehendes weiß, was wirklich der Wunsch des Toten war, was eine Interpretation seiner Witwe. So hält sich bis in die jüngste Zeit zwischen den einander sonst zugetanen Brandt-Brüdern Peter und Matthias eine sehr unterschiedliche Wertung der Umstände, unter denen ihr Vater von dieser Welt verabschiedet wurde.

Der Schauspieler Matthias ist noch immer tief empört über die Witwe. „Meine Mutter auszuladen und sich mit Helmut Kohl hinter den Sarg von Willy Brandt zu stellen, dazu sind schlicht ungeheure Spezialtugenden erforderlich“, sagte er einmal der „Süddeutsche Zeitung“. Das sei eine seelische Brutalität, die seine Mutter nie verwunden habe. Er selber mache sich schwere Vorwürfe, gemeinsam mit seinen Brüdern an dem Staatsakt teilgenommen zu haben statt bei der Mutter geblieben zu sein.

Der Historiker Peter hat einen wesentlich milderen Blick auf die Vorgänge vor 25 Jahren. Seebacher-Brandt habe ihren Mann aufopferungsvoll gepflegt und alte Freunde wie auch die Kinder jederzeit zu ihm gelassen, schreibt er in seinem Buch „Mit anderen Augen“. Und zur Kritik, sie habe Rut Brandt vom Staatsakt fern gehalten: „Ich hatte das sichere Gefühl, dass Brigitte die Dinge im Sinne meines Vaters regeln würde. (...) Ich neige bis heute zu der Auffassung, dass mein Vater das so gewollt hat oder gewollt hätte.“ Dazu muss man wissen, dass Brandt seine geschiedene Frau Rut nach der Trennung 1980 kein einziges Mal wiedergesehen hat, entgegen ihren Erwartungen.

Brandt, das Idol

Es gibt neben den Parallelen auch Unterschiede zwischen den letzten Jahren der beiden Kanzler Brandt und Kohl. Der Sozialdemokrat und Friedensnobelpreisträger wurde von seiner Partei bis zuletzt (und bis heute) als ein großes Idol verehrt. Vielen schien der Staatsakt mit seiner auch militärischen Prägung diesem Mann gar nicht angemessen, eine Art Übergriff des CDU-geführten Staates. Jungsozialisten stimmten das Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ an, als das Musikcorps der Bundeswehr „Ich hatt' einen Kameraden“ spielte.

Die CDU hatte dagegen zu Helmut Kohl nach der Spendenaffäre ein eher distanziertes Verhältnis, er musste den Ehrenvorsitz aufgeben. Und es spricht viel dafür, dass seine Witwe wirklich seinen eigenen Willen verfolgt, indem sie seiner Partei, seiner Nachfolgerin oder gar den „Sozen“ das Privileg der Staatstrauer verwehrt. Den Kontakt zu seinen Söhnen hatte Helmut Kohl schon vor Jahren abgebrochen. Entgegen dem von Walter Kohl vermittelten Eindruck konnten sie aber am Totenbett von ihrem Vater Abschied nehmen.