Wenn die Sonne sinkt, schwebt Thomas Schultes himmelwärts. Er reist mit der Gondel hinauf zur Mittelstation des Skigebiets Hochzeiger. Wenn er aus dem Gondelfenster nach unten schaut, sieht er die Skiläufer auf der weißen Talabfahrt die letzten Schwünge des Tages machen, sieht, wie sie mit den Metallkanten ihrer Bretter harte Linien in den Schnee schneiden, wie sie die Schneekristalle von der Piste schaben und zu kleinen Haufen zusammenschieben. Wenn sich die Dunkelheit wie eine schwarze Decke über das Hochplateau gelegt hat, wird Thomas Schultes all das, was die Skifahrer in Unordnung gebracht habe, reparieren. Gegen Mitternacht wird wieder Ordnung herrschen unter den Gipfeln von Hochzeiger und Sechszeiger. Seine Ordnung.

Thomas Schultes, 47 Jahre alt, ist Pistenbully-Fahrer. Geboren worden ist er im Dorf Jerzens, direkt unter dem Hochzeiger gelegen, in Jerzens wohnt er immer noch. Hier hat er das Skifahren gelernt und all das, was er über den Tiroler Schnee weiß. Seit 27 Jahren präpariert er diesen Schnee, genau hier am Hochzeiger im Pitztal. Er ist ein Mann mit Sinn für Beständigkeit. Ein Mann, der weitermacht in einem Tal, das weiter auf den Skisport setzt – auch in Zeiten des Klimawandels, in denen viele den Sinn des hergebrachten Pistentourismus’ bezweifeln. Einer, der weitermacht, weil vom Schnee und von den Touristen sein Auskommen und das vieler anderer Menschen im Tal abhängen. Und weil er gern oben ist, oben auf dem Berg.

Ein Winter wie aus alten Zeiten

Thomas Schultes hegt und heilt geschundene Pisten. Er macht sie glatt und schön und sicher. Manchmal löst er sogar eine Lawine aus mit seinem Pistenbully, schickt den Schnee unter seiner Aufsicht zu Tal. Damit am nächsten Tag kein Skiläufer zu Schaden kommt. Man könnte sagen: Thomas Schultes ist ein Pistendoktor. Und zwar der, der immer die Nachtschicht macht. In alten Zeiten nannte man solche heimlichen Helfer Heinzelmännchen. Ohne nächtliche Helfer wie Thomas Schultes wäre das moderne Skifahren deutlich ungemütlicher.

Der Winter dieses Jahres ist einer wie aus alten Zeiten, den guten, alten, als es noch ordentlich Schnee gab. Bis Mitte Januar ist es in Österreich ein anständiger Winter gewesen. Jetzt wird es ein sehr guter Winter, prognostizieren die Tiroler Touristiker, auch wenn Ostern und damit das Ende der Saison noch weit ist. Die Regel ist: viel Schnee, viele Gäste, viele Übernachtungen, gute Bilanzen.

Ab Mitte Januar hat es ausdauernd dicke Flocken geschneit in Tirol. Das Pitztal, in dem das Hochzeiger-Gebiet liegt, war vier Tage lang von der Außenwelt abgeschnitten, die Straße durch das 40 Kilometer lange Tal gesperrt. An vielen Messstationen hat es neue Rekordwerte gegeben, Schneehöhen wie seit dem Winter 1923/24 nicht mehr.

90 % der Hochzeiger-Pisten können beschneit werden

Beste Sicht herrscht heute, das Wetterchaos im Tal hat sich gelegt, der Schnee am Berg ist herrlich griffig. Die Schicht von Thomas Schultes beginnt wie immer in einer Höhe von 2 000 Metern und wie immer um 16 Uhr. In der Mittelstation gibt es erst einmal eine Jause – und eine Besprechung mit den fünf Kollegen dazu. Wer präpariert welche Piste, wer fährt wann wohin? Effektives Arbeiten ist erwünscht. Auch an diesem Abend werden sechs Pistenbullys im Skigebiet unterwegs sein, jeder kostet um die 440 000 Euro. Zwei von ihnen haben einen Kran auf dem Dach, eine Winde und ein mehr als tausend Meter langes Stahlseil, das sie oben am Berg einhängen können. Sie bearbeiten die besonders steilen Pisten, während sie an diesem Seil hängen.

40 Pistenkilometer sind zu präparieren, von der Talstation bis zum höchsten Punkt auf 2 450 Metern sind es im Hochzeiger-Gebiet tausend Meter Höhenunterschied. Ein Privileg ist diese Hochlage in den heutigen Zeiten, bei fast unmerklich, aber konstant steigenden Temperaturen, in Wintern, in denen es in den Bergen immer häufiger regnet und nicht schneit. Und doch: Auch im Hochzeiger-Areal haben sie zuletzt den Naturschnee immer gut verteilen und Kunstschnee zuschießen müssen. Seit 1985 gibt es hier Schneekanonen, heutzutage können 90 Prozent der Hochzeiger-Pisten beschneit werden.

Treffpunkt Mittelstation, das Restaurant hat schon geschlossen. Thomas Schultes, der Schnee-Mann, trägt Schwarz. Funktionsjacke, Funktionshose, Bergschuhe, alles schwarz. Graue, kurze Haare, Metallbrille. Zur Begrüßung reicht er höflich die Hand und bittet, ihm zu folgen.

Das Alleinsein ist das Schicksal des Pistenbully-Fahrers

Wenige Schritte von der Mittelstation entfernt wartet Schultes’ Hightech-Gefährt: ein roter Pistenbully 600 Solo von der Firma Kässbohrer. Mit Räumschild vorn, Fräse und Spurgerät hinten etwa neun Meter lang. Rund vier Meter breit, wenn man die riesigen Ketten mit misst. Und 401 PS stark. In einem Fahrbericht schrieb ein österreichischer Journalist jüngst über den Pistenbully 600: „Schwer wie ein Elefant, stark wie ein Ferrari, laut wie ein Löwe, dem man auf dem Schwanz getreten ist.“ So klingt es, wenn Jungen-Technik-Träume in Erfüllung gehen.

Etwas nüchterner formuliert: Ein Pistenbully ist ein großer, schwerer, reichlich Diesel schluckender Gigant – und vor allem in der Welt der Berge nützlich. Thomas Schultes erklärt, dass die riesige Kette an der rechten Seite seines roten Bullys wie eine Leiter zu erklimmen sei, hilft ein wenig beim Einstieg durch die große Tür in die Kabine, geht vorne um das Fahrzeug herum, klettert selbst – er ist groß und schlank – deutlich flinker in die Höhe und dann durch die Tür auf den Sitz. Dann ist er angekommen in seinem zweiten Zuhause.

Hoch über der Piste hockt man in der Kabine, auch Cockpit genannt. Es ist rundum verglast, perfekte Aussicht, wenn es denn klar ist draußen. Ein rot-schwarz bezogener Sportsitz für den Fahrer links, einer für den Beifahrer rechts; der rechte wird nur selten benutzt, aus Sicherheitsgründen. Das Alleinsein ist das Schicksal des Pistenbully-Fahrers. Thomas Schultes mag das.

Es geht um Kraft und nicht um Tempo

Am Rückspiegel hängen eine kleine Pitzi-Plüschgämse und ein Wunderbaum „Grüner Apfel“. Auf der Windschutzscheibe steht der Name Thomas, was bedeutet, dass dieser Bully immer von Thomas Schultes gefahren und gepflegt wird. Viel blitzblanker Fußraum breitet sich vor den gut gefederten Sitzen aus, alle Scheiben sind beheizt. Auf einer Konsole in der Mitte der Kabine ist das gelbe GPS-Gerät für die Schneehöhenmessung befestigt. Im Moment liegen am Hochzeiger um die 1,70 Meter Schnee, Naturschnee vor allem.

Thomas Schultes gibt Gas, nichts zu hören vom angeblichen Röhren des Löwen, man kann sich gut unterhalten. Im Pistenbully gibt es nur ein Gaspedal für den Fahrer, keine Bremse, keine Kupplung – er ist eine Art riesiger Autoscooter. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 23 Stundenkilometern. Um Tempo geht es nicht beim Präparieren der Piste. Kraft ist nötig, und die hat der etwa acht Tonnen schwere 600er, Kraft zum Schieben, Drücken, Ziehen, Komprimieren.

Auf geht’s, die Benni-Raich-Piste hinauf, eine schwarze Abfahrt, benannt nach dem größten Skihelden des Pitztals. Es dämmert, der Bully gleitet mehr, als dass er rumpelt. Schultes setzt den rechten Rand des rund fünf Meter breiten Räumschilds an die Kante des Schneefelds rechts neben der Piste. „Der Skifahrer bringt den Schnee immer nach unten. Wir müssen schauen, dass wir ihn wieder nach oben bringen“, sagt er, und das ist wohl eine der goldenen Regeln seines Tuns. Das Räumschild vorn bedient er mit dem Joystick rechts neben dem Steuerhorn, einem Halblenkrad, ebenso die Fräse hinten. Vorn schiebt das Schild dann die Schneehügel beiseite, die Ketten zermalmen hartnäckige Brocken, hinten fressen die Wellen der Fräse den Schnee klein und verdichten ihn. Am Ende, wenn auch noch eine Art Gummilappen, Finish genannt, drübergegangen ist, hat die Piste eine gleichmäßige Cord-Struktur. Niemand ärgert die Pistenbully-Fahrer mehr als die Skifahrer, die in der noch frischen Raupenspur ihre Bögen ziehen. Weil dann alle Mühe umsonst gewesen ist und die Piste nicht durchhärten kann.

2.100 Euro netto im Monat

Oben, am Ende der Benni-Raich-Piste, hält Thomas Schultes einen Moment und erklärt das Alpen-Panorama. In der Ferne, im Norden, vom letzten Abendrot umgeben, ist die Zugspitze zu sehen. Schultes selbst zieht es nicht so in die Ferne. Fest verwurzelt ist seine Familie im Pitztal. Er sei gerne hier Pistenbully-Fahrer, sagt er schlicht, immer noch, nach all den Jahren. Es sei, bei aller Technik, ein Beruf, in dem man mit der Natur lebe – und ein abwechslungsreicher, verantwortungsvoller dazu. „Die Natur gibt uns jeden Tag etwas anderes vor“, sagt er.

Natürlich sei es manchmal etwas lästig, immer abends arbeiten zu müssen, vor allem Weihnachten und Silvester. Aber seine beiden Jungs seien eh fast erwachsen. Und im Sommer gelten ohnehin andere Regeln. Schultes, der ausgebildete Mechaniker, ist Ganzjahresangestellter der Hochzeiger Bergbahnen Pitztal AG; 2 100 Euro netto verdient er monatlich. Im Sommer richtet und repariert er, was gerichtet und repariert werden muss. Er kennt jeden Buckel hier, jede Mulde, er weiß, welche Zirbe, welcher Grashalm wo steht. Im Sommer ist auch Zeit für den Urlaub. Thomas Schultes fährt gern ans Meer.

Die Söhne wollen dem Vater beruflich nicht nacheifern. Der ältere macht eine Ausbildung zum Zimmermann, der jüngere hat kurz überlegt, auch Mechaniker zu werden, jetzt soll es doch etwas mit Holz sein. „Die öligen Hände sind wohl nichts für ihn“, vermutet der Vater.

Ab Ende Oktober gibt es Kunstschnee

Richtung Tal geht es jetzt mit dem 600er auf der Familienabfahrt. „Die hat es nötig“, sagt Schultes. Und er hat es eilig. Minus ein Grad – eine gute Temperatur zum Präparieren. Nachher wird es weiter anziehen, bis dahin muss die Piste gerichtet sein. Ruhen müsse sie, durchfrieren, damit sie am nächsten Tag lange hält. „Wenn ich Beton gieße, muss der ja auch aushärten.“

Die Ansprüche der Gäste, sagt Schultes, seien gestiegen. Glatte Perfektion wird gewünscht. Sollen sie bekommen, die Gäste. Allerdings: Die perfekte Piste gebe es nicht für Spätaufsteher, sagt er. Weil Natur eben Natur ist. Alles hat seine Grenzen. Was er aber tun kann, das tut er. Wenn verlorene Skistöcke auf der Piste liegen zum Beispiel, dann steigt er aus und nimmt sie mit. Oft findet er Smartphones, meist funktionieren sie noch. Können am nächsten Tag abgeholt werden.

Rechts am Pistenrand eine Schneekanone in der Dunkelheit. „Die hat jetzt bis Ostern Pause“, sagt Thomas Schultes. 80 Kanonen gibt es insgesamt im Hochzeiger-Gebiet, rote, gelbe, graue, eine einzige von ihnen kostet rund 50 000 Euro. Schon Ende Oktober, wenn eine erste Kaltfront über drei, vier, fünf Tage Temperaturen unter null bringt, wird am Hochzeiger Kunstschnee gemacht. Wobei Kunstschnee das falsche Wort sei, sagt Schultes. Maschinenschnee soll man sagen. Weil das Wasser, das aus dem Speicherteich oben am Sechszeiger-Gipfel zu den Kanonen gepumpt und durch Düsen in die kalte Luft gesprüht wird, um dann zu Schneekristallen gefrieren, ja ganz normales Wasser ist.

Die Piste braucht die volle Aufmerksamkeit

Maschinenschnee also. Er wird in dieser Skisaison nicht mehr gebraucht werden. Es ist eine Zeit des Überflusses. Was zu viel an Schnee heruntergekommen ist, wird in Mulden aufbewahrt zum Ausbessern. „Eine Riesenfreude“ sei dieser Schnee, sagt Thomas Schultes. Er wisse ja noch, wie es sei, wenn es viel schneie, von früher her. Aber die jungen Kollegen, die hätten jetzt doch gestaunt. So viele Flocken – noch nie gesehen! Was nichts an der Tatsache ändere, dass es ihn gebe, den Klimawandel. „Der Schnee ist über die Jahre weniger geworden.“ Er hoffe jetzt mal auf zehn gute Winter.

Die nächste Auffahrt. Die starken Bully-Scheinwerfer leuchten den Weg. Neben der Piste stehen Zirben, die Äste weiß bemützt. Der Pistenbully gleitet voran wie ein U-Boot in der Tiefsee. „Ein Hase“, sagt Schultes. Schon weg. Nach vorn muss der Mann schauen. Und viel nach hinten. Der Rückspiegel ist groß, die Außenspiegel sind riesig und beheizt, damit die Sicht möglichst ideal ist. Der Sicherheit wegen. Und aus Gründen der Perfektion. „Das Produkt ist hinten“, erklärt Schultes. Und das Produkt, die Piste, braucht seine volle Aufmerksamkeit.

Um Mitternacht ist die Schicht vorbei

Neulich habe ihn seine Frau mal wieder einen Abend lang begleitet, erzählt er. Nach einiger Zeit habe sie ihn gefragt, warum sie eigentlich mitfahren solle, er sage ja eh nichts. „Aber bei der Arbeit muss man sich doch konzentrieren“, sagt Schultes.

Bis Mitternacht wird er noch unterwegs sein, bergwärts, talwärts, immer konzentriert, wird Radio hören, meistens Ö 3. Die Musik ist seine einzige Unterhaltung. Reicht ihm völlig.

Wenn alles getan ist, wird er mit der Gondel hinunterfahren zur Talstation, dann mit dem Auto heimwärts. Das wird fünf Minuten dauern. Neben seinem Bett wird das Smartphone liegen. Auch wenn es eigentlich ausgeschlossen ist, dass in dieser sternenklaren Januarnacht Schnee fällt. Wenn aber doch mehr als zehn Zentimeter Neuschnee fallen sollten, dann wird es klingeln, das Smartphone. Und er wird sehr früh schon wieder aufstehen müssen.

Ab halb neun werden die Lifte laufen. Still warten die Pisten, glatt und schön und sicher. Und aus Naturschnee.