MUTTER: Du bist seit Tagen schlecht gelaunt. Was ist los?

TOCHTER: Ich habe geguckt, ob man trotz Corona ins Ausland gehen kann. Für ein Freiwilliges Soziales Jahr vielleicht. Ich könnte für eine Organisation arbeiten, die Kindergärten in Thailand oder Südafrika betreibt. Das ist dann Entwicklungshilfe. Und jetzt überlege ich halt, ob ich das machen will. Denn es hat ja keinen Sinn, auf einen Impfstoff zu warten. Bis man weiß, was sonst noch geht, sind alle Bewerbungsfristen verstrichen.

Das klingt doch spannend. Warum hast du schlechte Laune?

Na, weil ich eigentlich nach der Schule ein Jahr durch die Welt reisen wollte. Aber weil viele Länder ihre Grenzen geschlossen haben, man kein Visum bekommen kann und nicht mal eins beantragen kann, weil auch die Ansprechstellen geschlossen sind, hat man keine Möglichkeit, weiterzukommen. Man kann nur abwarten.

Wird das nicht bei den Auslandsprojekten genauso sein?

Nein, ich habe schon mit einigen Projekt-Leuten geredet. Die sind sehr zuversichtlich, dass sie weitermachen können.

Aber die Laune ist trotzdem im Keller.

Na ja, ich habe meinen Traumplan aufgeben müssen und auch gar keine Lust, einen neuen zu machen, weil der immer schlechter sein wird. Es ist gerade ganz schön schwer, flexibel zu sein. Es steht ja auch nicht definitiv fest, dass man nicht reisen kann. Vielleicht funktioniert ja im Sommer alles wieder. Vielleicht aber auch nicht. Ich kann mich für alles bewerben, damit ich am Ende überhaupt irgendwas machen kann. Aber Spaß macht das nicht.

Es tut mir total leid. Schon die letzten Schulabgänger waren ja davon betroffen. Ostern haben wir noch gedacht, zum Glück bist du noch nicht dran. Aber jetzt wird es deinen Jahrgang genauso treffen. Und wer weiß, vielleicht noch den nächsten und den übernächsten.

Motiviert bin ich überhaupt nicht mehr. Man arbeitet die ganze Zeit darauf hin, dass es mal endet mit der Pandemie, aber weil kein Ende abzusehen ist, ist im Grunde auch alles so sinnlos.

Du solltest trotzdem versuchen, in diesem undurchschaubaren Dschungel gute Möglichkeiten zu finden. Du musst eben vielseitiger agieren als die Schulabgänger vor dir und mehr Bewerbungen rausschicken. Wenn du nichts machst, wirst du am Ende frustriert zu Hause sein.

Das will ich natürlich auf keinen Fall. Dann fange ich lieber ein Studium an. Aber auch das wäre traurig. Es wäre auch zu Hause hocken und auf den Bildschirm starren, weil alles online stattfindet.

Das weißt du doch jetzt noch nicht. Ich würde jetzt alles anschieben, was überhaupt infrage kommt. Nur ein einziger Plan ist zu wenig. Ihr Corona-Jahrgänge seid in einer anderen Situation als Schulabgänger vor euch.

Ich weiß ja, dass es Jammern auf hohem Niveau ist. Und trotzdem: Wir freuen uns auf das Schulende, auf den Abiball und die Freiheit danach. Einfach in den Zug und los. Und jetzt wird das vielleicht alles nichts. Quarantäne im Kinderzimmer ist keine Alternative, sondern bescheuert.