„Halle bleibt bunt 2020“ steht mit Kreide auf einer Straße in der Nähe der Synagoge in Halle/Saale geschrieben. Ein Jahr nach dem rechtsterroristischen Anschlag am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in Halle wird mit Veranstaltungen und Gebeten der Opfer gedacht.
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HalleEin Jahr ist vergangen seit dem Anschlag von Halle auf eine jüdische Synagoge und einen von Türken betriebenen Dönerimbiss. Alles andere aber ist nicht vergangen: der Schmerz der Freunde und Hinterbliebenen um die beiden Toten nicht, auch nicht die Angst der Menschen, die stundenlang in der Synagoge eingesperrt waren oder im Dönerimbiss dem Attentäter Auge in Auge gegenüberstanden, bevor ihnen – bis auf einem – die Flucht gelang. Und ebenso ist die Gleichgültigkeit weiter Teile der Gesellschaft noch da, die sich gewöhnt haben daran, dass Juden, Muslime, Migranten, Homosexuelle als Randgruppen abgetan werden. Dass diese Menschen um Leben und Gesundheit in Deutschland bangen müssen, weil sie eben nicht dazugehören zum „normalen“ Teil der Gesellschaft und deshalb von rechten Fanatikern und Extremisten beschimpft, bedroht, verächtlich gemacht und verfolgt werden.

Man kann – und muss – vom Staat verlangen, dass er diese Menschen schützt. Mit mehr Geld für Sicherheitseinrichtungen, mit mehr Polizeistreifen, mit einer konsequenten Strafverfolgung von Schlägern und Mördern und denen, die sie zu ihren Taten anstacheln und aufhetzen. Mit mehr Mitteln für Bildung und Präventionsprojekte natürlich auch.

Man muss aber auch verlangen, dass wir alle uns Hass und Verachtung in unserem Umfeld entgegenstellen. Dass wir zu rassistischen Bemerkungen über Muslime und Zuwanderer nicht schweigen, dem entwürdigenden Hohn über Schwule und Lesben widersprechen, Judenwitze und Mythen von der jüdischen Weltverschwörung, wie sie im Internet und auf Corona-Demonstrationen verbreitet werden, nicht dulden. Erst wenn die Gesellschaft die „Randgruppen“ in ihre Mitte holt, haben dort Rassismus, Sexismus und Antisemitismus keinen Platz mehr.