Kanzlerkandidat und Finanzminister Olaf Scholz (SPD)
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BerlinRobert Riedel wird Olaf Scholz sicherlich nicht wählen. Der in der vergangenen Woche nominierte Kanzlerkandidat der SPD kann dem Trockenbauer und Fliesenleger aus Berlin-Kaulsdorf gestohlen bleiben. Mit dieser etwas flapsigen Formulierung kann man zusammenfassen, was Robert Riedel, 56 Jahre alt, so denkt über sich und die einstige Arbeiterpartei. Mit den Arbeitern habe sie jedenfalls nicht viel zu tun, findet er. Um der Sache etwas Nachdruck zu verleihen ruft er mal alle Kollegen an, die er kennt, und fragt sie, was sie von Scholz halten. Genau dasselbe wie er, vermeldet er dann. „Ich glaub dem kein Wort. Wir Handwerker fühlen uns verraten“, sagt er.

Seit die SPD Scholz als ihren Kanzlerkandidaten kürte und damit den Wahlkampf eröffnete, wird der Bundesfinanzminister und Vizekanzler, 62 Jahre alt und in Osnabrück geboren, täglich neu begutachtet. Fragt man stichprobenweise Arbeiter, kommt eine bunte Mischung an Gründen zutage, warum sie von dem Kandidaten nicht begeistert sind. Das meiste hat weniger mit Olaf Scholz und seiner Persönlichkeit zu tun, dafür aber umso mehr mit seiner Partei. Folgt man Robert Riedel, haben die Arbeiter die SPD aufgegeben.

Die Arbeiter und die SPD, das sollte eine enge Verbindung sein. Keine Rede und kein Text kommt aus ohne das Wort Arbeiterpartei. Was Mythos und Klischee ist, wird selten hinterfragt. Am erfolgreichsten war die SPD nach den Worten des Bonner Parteienforschers Frank Decker dann, wenn sie ihre Stammklientel aus der gewerkschaftsnahen Industriearbeiterschaft mit den aufstiegsorientierten Angehörigen der neuen Mittelschichten zu einer breiten Wählerkoalition verbinden konnte. Am besten gelang ihr das am Beginn der beiden Phasen, in denen sie den Kanzler stellte (von 1969 bis 1972 und 1998 bis 2002). 

Damals öffnete sich die Partei für die rasch wachsenden Angestelltenberufe, in deren Gruppe sie bald besser abschnitt als unter den Arbeitern. In den 1990er-Jahren und Anfang der Nullerjahre konnte sie unter gewerkschaftlich organisierten Arbeitern allerdings noch immer absolute Mehrheiten erreichen. 2009 fiel sie in dieser Gruppe auf 34 Prozent zurück. „In absoluten Zahlen hat die SPD 2009 gegenüber 1998 rund zehn Millionen Wähler verloren“, sagt Decker.

Laut einer Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung findet die SPD wie auch die Union überproportional Zuspruch bei Ruheständlern. Vor allem Facharbeiter haben sich jedoch abgewendet. (Grafik)

Robert Riedel erklärt die Gründe dafür mit der Agenda 2010 und dem schwieriger gewordenen Berufsalltag. „Was will der Handwerker?“, fragt er und gibt die Antwort gleich selbst. Zum Beispiel mit dem Auto durch Berlin fahren vom Firmensitz in Kaulsdorf zur Baustelle an der Turmstraße in Moabit. Lkw, 3,5 Tonnen, Werkzeug und zwei Mann an Bord, die den Chef jede Minute, die sie wegen der vielen neuen Radspuren im Stau stehen, Geld kosten. Dazu kämen die Knöllchen fürs Halten in zweiter Reihe, die Parkraumbewirtschaftung, die viele Bürokratie. Riedel macht für all das Scholz mitverantwortlich, denn Olaf Scholz und die SPD hätten längst mal was ändern können, so lange, wie sie schon an der Regierung seien, sagt er.

Das Handwerk sei normalerweise Mittelstand, sagt er, aber die Handwerker seien abgearbeitet jetzt. „Die“, sagt er und meint damit die Parteioberen, „haben vergessen, dass das Handwerk die ganze Sache am Laufen hält.“ 

Die neue Arbeiterpartei heißt AfD

Auch der Baggerfahrer David hat den Glauben an die Politik verloren. Er kommt aus einer Brandenburger Arbeiterfamilie. Einmal hat er auch die SPD gewählt, so wie seine Eltern das nach der Wende immer gemacht haben. Aber bei den letzten beiden Bundestags- und Landtagswahlen ist er schon nicht mehr hingegangen, „ich wusste nicht mehr, wen ich wählen soll“. Mit Scholz kann er nicht besonders viel anfangen, er sieht auch nicht, dass die SPD sich besonders für Arbeiter wie ihn interessiert. Er hat nach der Schule eine Ausbildung gemacht, damals in den 90er-Jahren war es schwer, eine Stelle zu finden. Inzwischen arbeitet er für einen Baubetrieb, der stark expandiert. Der 36-Jährige wünscht sich höhere Löhne für Facharbeiter und früheres Rentenalter. „Ich hatte schon mehrere Wirbelsäulen-Operationen, ich weiß nicht, wie ich bis 67 durchhalten soll.“ Alle Politiker erscheinen ihm gleich, sagt er, wobei er selbst zugibt, dass er sich nicht besonders viel mit den Nachrichten befasst. „Aber im Grunde ist die Politik doch nur eine Maschinerie der dahinter stehenden Konzerne.“ 

Angela Hense, 35, wohnt in einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Hannover. Sie hat drei Kinder und arbeitet in einer Gebäckwarenfabrik in der Fertigung. Ihr Mann ist in derselben Firma in der Verpackung beschäftigt. Klassische SPD-Wähler eigentlich. Ob Angela Hense ihr Kreuz im kommenden Jahr aber bei der Partei machen wird, weiß sie noch nicht. „Finanziell kommen wir hin, aber sonst? Wenn meine gebrechliche Mutter nicht die Kinder betreuen würde, ihnen Mittagessen vorsetzen und mit ihnen Hausaufgaben machen würde, wüsste ich nicht, wie es gehen sollte. Es gibt keine Kindergartenplätze für die Kleinen und keine Nachmittagsbetreuung für die Großen“, sagt sie. Wenn sie überhaupt wählen geht, wird sie sich die Partei raussuchen, die ihr genau das verspricht, was ihr fehlt.

Thomas Brendel arbeitet als Lackierer in der Automobilindustrie. Er ist 44 Jahre alt und wählt immer SPD. In seinem Freundeskreis sei er damit ein absoluter Exot, sagt er. „Arbeiter wählen heute AfD“, sagt er. Das belegen auch die Wahlstatistiken. Bei der Bundestagswahl 2017 war der Anteil von 34 Prozent an der Wählerschaft der AfD doppelt so groß wie bei der SPD. Es gebe ja auch kaum noch eine Arbeiterklasse, die sich als solche versteht. Leiharbeiter, Befristete, Betriebsleiter, Angestellte, wie ein Kastensystem sei das. Je länger man ihm zuhört, umso mehr gewinnt man den Eindruck, dass seine Wahlentscheidung viel mit Treue zu tun hat. Er verspürt eine Verbundenheit, die darüber hinweg trägt, dass die SPD sich von den alltäglichen Sorgen der Arbeiter weit entfernt hat. „Ich bin ein Gewohnheitstier“, sagt er. Doch davon gibt es immer weniger.