Das Corona-Virus breitet sich weiter aus. Noch sind die Folgen der Epidemie nicht abzusehen. 
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Berlin - Eine HNO-Ärztin überraschte mich neulich mit einem unerwarteten Kommentar zur Corona-Krise: „Da stimmt etwas nicht“, sagte die sonst eher kühl-rationale Medizinerin. Sie ist, wie viele andere Experten, der Meinung, dass das Corona-Virus weit weniger „tödlich“ sei als die meisten Grippe-Epidemien. Diese raffen allein in Deutschland mitunter 20.000 Menschen im Jahr hinweg. Man könne den Zahlen aus China nur sehr eingeschränkt trauen.

Millionen-Städte unter Quarantäne seien jedoch irritierend. In Europa dagegen sollte man davon ausgehen, dass die offiziellen Zahlen stimmen. Demnach bestehe zu Panik kein Anlass. Warum aber dann diese drastischen Maßnahmen? In der Lombardei wurden Städte abgeriegelt, als gelte es, die Pest zu bekämpfen. Aktuell ist in diesen Dörfern die Gefahr größer, seine Existenz durch Bankrott wegen der Quarantäne zu verlieren als durch Corona.

In Wien wurde eine Schule wegen eines Verdachtsfalls versiegelt. Die Kinder wurden für vier Stunden kaserniert. Die Wirtschaft reagiert mit Massen-Entlassungen. Die Börsen stürzen ab. Der Ursprung des Virus ist bis heute nicht bekannt. Es soll von einem Lebensmittelmarkt in Wuhan stammen. Wie es dahin gekommen ist, ist ungeklärt. Mangelnde Hygiene könnte ein Grund sein.

Sind Europas Gesundheitsbehörden nicht vorbereitet? 

Indien beschuldigt chinesische Forscher, in einem Naturschutzgebiet illegal Proben von Fledermäusen gezogen und das Virus so freigesetzt zu haben. Ein US-Politiker geriet unter Beschuss, weil er mutmaßte, das Virus könnte aus einem der berüchtigten Chemiewaffenlabore stammen. „Mikroben werden immer das letzte Wort haben“, sagte Louis Pasteur vor hundert Jahren.

Eine fast unsichtbare Bedrohung ist immer unheimlich. Im Corona-Fall sind auch Folgen eines „Fehlalarms“ bedrohlich: Wer Grippe-Symptome mit Fieber hat, sollte sich im Krankenhaus testen lassen – mit dem Risiko, sich dort anzustecken. Der negative Befund einer einzigen Person aus einem Bezirk kann zur kompletten Abriegelung des Bezirks führen. „Quarantäne“ klingt harmlos, ist es aber nicht: Wir sprechen vom staatlich verordneten Ende der persönlichen Freiheit für ganze Gruppen – unabhängig, ob sie krank sind oder nicht.

Der Verdacht des Kontakts genügt. Italien geht teilweise bereits nach Kriegsrecht vor: Die Bewohner der als „roten Zone“ ausgewiesenen Sperr-Region um die Stadt Codogno werden von der Armee bewacht. Sie dürfen nur noch tun, was ihnen ausdrücklich erlaubt wird. Es ist, so sagen Einwohner, als hätte jemand den Stecker gezogen. Das Vorgehen der Gesundheitsbehörden in Europa deutet darauf hin, dass sie auf den Ausbruch einer wirklich gefährlichen Pandemie nicht vorbereitet sind.

Dies gelte auch für Deutschland, sagt die eingangs zitierte Ärztin. Im obersten Stab des Gesundheitsministeriums säßen kaum Ärzte, aber viele Juristen. Die Kommunikation der Behörden mit Fachleuten wie dem Robert-Koch-Institut sei schwierig, weil den Beamten der medizinische Hintergrund fehle. Flächendeckende Kontrollen und Abschottung sind in offenen Gesellschaften nicht wünschenswert. Sie gehen immer auf Kosten des Individuums.

Corona und der verletzliche Mensch 

Daher muss vorher bedacht werden. Eine stringente Planung des Notfalls, sachliches Krisenmanagement und straffe Logistik mit Hilfe der modernen Technologien sind kein Hexenwerk mehr. Im März wird es zu Lieferengpässen bei vielen Produkten kommen wird. Schon werden die „roten Listen“ der Ärzte mit den nicht lieferbaren Medikamenten länger. Viele Teilkomponenten kommen aus China.

Die Container-Schiffe brauchen etwas sechs Wochen nach Europa. Vor drei Wochen haben die letzten großen Schiffe China verlassen. Viele Unternehmen reagieren auf die zu erwartenden Umsatz-Einbrüche mit Entlassungen. Die Gesundheitsbehörden stehen unter Druck: Wenn die Arbeiter unter Quarantäne gestellt werden, können die Fabriken nicht betrieben werden. Die schönen neuen Roboter sind nutzlos, weil keiner mehr die von ihnen erzeugten Produkte kauft.

Die stampfende Maschine Weltwirtschaft steht still, wenn der Faktor Mensch ausfällt. Corona liefert uns eine dialektische Lehre. Seine Verletzlichkeit wird zum Plädoyer für den Menschen.