Chris Grodotzki ist einer der Sprecher von Sea-Watch.
Foto: Sea-Watch

BerlinDie private Seenotrettung ist den italienischen Behörden ein Dorn im Auge. Aktuell wird das Rettungsschiff Sea-Watch 4 aufgrund vermeintlicher Sicherheitsmängel vor Palermo festgesetzt. Wann es weitergeht, ist ungewiss. Chris Grodotzki war bis vor kurzem Mitglied des Medienteams an Bord. Nach der Quarantäne vor Palermo wurden er und andere Crewmitglieder ausgetauscht. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht er über die Blockade der italienischen Behörden und erklärt die Schwierigkeiten der Seenotrettung in Corona-Zeiten.

Berliner Zeitung: Seit Ende August ist die Sea-Watch 4 im Mittelmeer unterwegs. Welche Szenen der Seenotrettung sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?

Chris Grodotzki: Ich bin Fotograf an Bord, das heißt, mir bleiben vor allem einige Bilder hängen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die zweite Rettung. Das Meer war ruhig. Die Menschen waren erst die Nacht zuvor gestartet und daher noch relativ entspannt. Als wir dort ankamen und das Flüchtlingsboot mit unseren Schnellbooten umrundeten, um uns einen Überblick über die Lage an Bord zu verschaffen, haben die Leute direkt erkannt, dass wir Europäer und nicht die lybische Küstenwache sind. Sie haben gewunken, sich gefreut und verstanden, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Ein weiters Bild zeigt, wie sich die Sea-Watch 4 im Hintergrund den Geflüchteten näherte. Als die Menschen das Schiff sahen, haben sie mit ihren Händen Herzen geformt. Das ist ein Moment, wo einem frühmorgens im Mittelmeer das Herz aufgeht. Da weiß man genau, wofür man das macht.

Was berichten Ihnen Menschen, die Sie retten?

Ich habe ein längeres Gespräch mit einem jungen Mann aus Kamerun geführt. Der war drei Jahre lang mit seiner Frau und seinem Kind in Libyen und in mehreren Lagern interniert. Was er mir erzählt hat, hat mich ziemlich beeindruckt. Für ihn ist es klar, dass hier in Europa Augenwischerei betrieben wird, wenn sich insbesondere Politiker mit der „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA solidarisieren. Wenn schwarze Leben wirklich wichtig wären, dann wären sie das auch auf dem Mittelmeer und in Libyen, sagte er. Das ist ein Satz, der bei mir hängen geblieben ist.

Israel hat vor kurzem einen zweiten Lockdown ausgerufen. Wir befinden uns noch mitten in der Pandemie. Inwieweit erschwert Corona die Arbeit an Bord?

Wir mussten auf einmal mit Mundschutz und medizinischer Schutzkleidung an Bord agieren und haben so gut es ging die Menschen nach Booten separiert. Auch Menschen mit Schnupfen, Husten oder Fieber mussten wir von den anderen trennen, um zu verhindern, dass das Virus durch mögliche positive Fälle an Bord auf alle übergreift.

Ich bin mir sicher, in jeder Berliner U-Bahn sitzen mehr Leute ohne Mund-Nasen-Schutz, als ich auf diesem Schiff gesehen habe.

Chris Grodotzki, ehemaliges Crewmitglied der Sea-Watch 4

In Deutschland müssen Schüler teilweise einen Mund-Nasen-Schutz tragen, auch im ÖPNV ist er Pflicht. Gilt das auch für die Geflüchteten auf der Sea-Watch 4?

Auf allen Missionen seit Corona haben wir Masken an die Geretteten verteilt. Zu meiner Überraschung wurde das von den Menschen auch sehr gut aufgenommen und durchgezogen. Ich bin mir sicher, in jeder Berliner U-Bahn sitzen mehr Leute ohne Mund-Nasen-Schutz, als ich auf diesem Schiff gesehen habe. Und das obwohl die Situation alles andere als leicht ist. Die Leute haben zum großen Teil sogar mit Maske geschlafen und trugen sie rund und die Uhr. Das fand ich sehr beeindruckend.

Zuletzt hatten Sie rund 350 Geflüchtete an Bord. Wie sind die hygienischen Bedingungen bei so vielen Menschen?

Naja, wir geben uns natürlich alle Mühe, eine gute Hygiene zu gewährleisten, auch wenn es schwierig ist. Es gibt nur vier Toiletten, aber anders geht es nicht. Wir haben nicht mehr Platz. Es gibt zwei Duschen, die allerdings nicht jeder benutzen kann, wie er will. Sonst würden sich die Menschen streiten, wer wann wie lange duscht. Benutztes Geschirr waschen die Gäste ab. Anschließend baden wir es nochmal in einer Chlorlösung. Wir haben vor jeder Essensausgabe Handdesinfektion verteilt. Wir haben ausreichend Wasserhähne, sodass sich die Menschen auch die Hände waschen können. Das hat alles erstaunlich gut funktioniert. Man muss aber auch sagen, es ist ein Rettungsschiff und kein Hotel. Wir sind auf einem Notfalleinsatz. Problematisch ist, dass uns europäische Behörden über Tage und Wochen die Einfahrt in einen sicheren Hafen verweigern, wo dann weitergehende Maßnahmen möglich wären. Wir können Menschen aber auf die Gefahr hin, dass sie krank werden, nicht einfach ertrinken lassen.

Gibt es keine Häfen, an denen Sie sicher sind, angelegen zu dürfen?

Nein, das ist jedes Mal aufs Neue eine Verhandlungsfrage. Es gibt Vorgaben des internationalen Seerechts, die besagen, dass Menschen, die auf See gerettet werden, in den nächsten sicheren Hafen gebracht werden müssen. Der nächste sichere Hafen kann aber nur ein europäischer sein. Denn alle nichteuropäischen sicheren Häfen sind zu weit weg. Und Häfen in Tunesien oder Libyen können für die Menschen, die wir retten, nicht als sicher angesehen werden. In Libyen herrscht Krieg. Tunesien wiederum hat kein Asylsystem, obwohl Asyl ein Menschenrecht ist.

Haben Sie selbst keine Angst, sich unter den schwierigen hygienischen Bedingungen mit Corona zu infizieren?

Ich mache mir da wenig Sorgen. Natürlich kann es passieren. Aber ich kann mich genauso in der Berliner U-Bahn oder vor dem Reichstag, wo irgendwelche Spinner meinen, ihre Demos ohne Mund-Nasen-Schutz abhalten zu müssen, infizieren. Da würde ich mir mehr Sorgen machen. Denn die Menschen an Bord haben das Risiko, das vom Coronavirus ausgeht, verstanden.

Wie hat sich die Crew bei den bisherigen Einsätzen geschützt?

Sobald man raus aufs Deck gegangen ist, musste man sich komplett umziehen. Wir mussten in Overalls schlüpfen, hatten im Gegensatz zu den Geflüchteten auch FFP2-Masken. Da wurde der Standard hochgehalten. Wir haben unsere Crew auch vor der Mission einmal sieben Tage in Quarantäne geschickt und testen lassen, wie von der WHO empfohlen.

Es wurde niemals bewiesen, dass in Zeiten, in denen Rettungsschiffe vor Ort sind, sich mehr Menschen auf den Weg machen. Wir haben doch gesehen, dass die Menschen auch in den monatelangen Phasen, in denen kein Rettungsschiff unterwegs war, losgefahren sind.

Chris Grodotzki, ehemaliges Crewmitglied der Sea-Watch 4

Aktuell liegt die Sea-Watch 4 vor Palermo. Wann geht es wieder los?

Wie wir in der Vergangenheit am Beispiel der Alan Kurdi oder auch der Sea-Watch 3 gesehen haben, haben die italienischen Behörden kein Interesse daran, uns schnell wieder rausfahren zu lassen. Mit Sicherheit wird eine Hafenstaatskontrolle durchgeführt, bei der die italienischen Behörden wohl allerlei Sicherheitsmängel auf dem Schiff feststellen werden. Bei der Sea-Watch 3 war ein Sicherheitsmangel, dass das Schiff zu viele Rettungswesten an Bord hatte. Solche Mängellisten erwarten wir auch. Anschließend wird ein Kontrolleur aus Deutschland kommen, weil wir nach den deutschen und nicht nach den italienischen Regularien fahren müssen. Dieser wird sicher wie schon bei der Sea-Watch 3 die Hälfte der Mängel streichen. All das und die Behebung tatsächlicher Mängel dauert Wochen. Es hat eine lange Tradition, dass Italien versucht, unsere Schiffe zu blockieren, wo es nur geht.

Kritiker sagen, Seenotrettung motiviere mehr Menschen zur Flucht. Was sagen Sie dazu?

Ich bin diese Frage leid. Immer wenn man diese Frage aufmacht, befeuert man diesen abstrusen Diskurs. Man kann zwei Dinge dazu sagen. Zum einen wurde der Pull-Faktor in vielen wissenschaftlichen Studien widerlegt. Es wurde niemals bewiesen, dass in Zeiten, in denen Rettungsschiffe vor Ort sind, sich mehr Menschen auf den Weg machen. Wir haben doch gesehen, dass die Menschen auch in den monatelangen Phasen, in denen kein Rettungsschiff unterwegs war, losgefahren sind. Die zweite Sache ist noch viel simpler. Es hat einen Grund, weshalb wir Rettungsschiffe geschickt haben. Denn Menschen haben versucht, übers Mittelmeer zu kommen und sind zu Tausenden ertrunken. Es ist eine Verkehrung der Tatsachen, zu sagen, weil wir hier sind, machen sich Menschen auf den Weg. Tatsächlich sind wir hier, weil sich Menschen auf den Weg machen.

Können Sie Menschen, die Ihre Arbeit kritisieren, dennoch verstehen?

Nein. Wer Seenotrettung kritisiert, kritisiert, dass wir Menschen vor einem Tod auf See und vor einem unmenschlichen Lagersystem in Libyen retten, und disqualifiziert sich deshalb für jede Debatte.

Wie müsste sich die europäische Migrationspolitik Ihrer Meinung nach verändern?

Die Menschen werden gezwungen, diese absurde Reise anzutreten. Wenn Europa ein vernünftiges Einreiseregime hätte, in dem die Menschen Arbeits- und Ausbildungsvisa beantragen könnten und die auch in einer akzeptablen Anzahl bekämen, könnten sie auf legalem Weg kommen. Solche Visa sollten aber nicht nur für Leute da sein, die es sich leisten können, Tausende Euro als Kaution zu hinterlegen. Wenn wir in Europa einen ehrlichen kulturellen Austausch pflegen würden, müssten sich die Menschen nicht erst jahrelang durch verschiedene Länder und die Sahara schlagen und in libyschen Lagern interniert werden. In Camps, wo sie möglicherweise erpresst, gefoltert und als Frau vergewaltigt werden. Am Ende kommen sie in Teilen völlig traumatisiert in Europa an. Über solche Dinge macht man sich nachts auf Deck Gedanken.

Über Chris Grodotzki

Chris Grodotzki, geboren 1989, lebt in Berlin. Er war bis vor kurzem Medienkoordinator und Teil des Rettungsteams auf dem ersten Einsatz der Sea-Watch 4. Zuvor studierte er Fotojournalismus und arbeitete als Reporter zu Migrationsbewegungen und Umweltkonflikten. Später rief er mit dem Berliner Peng! Kollektiv zu Fluchthilfe auf und unterstützte ehrenamtlich den Aufbau der Medienarbeit von Sea-Watch. Seit 2018 ist er einer der Sprecher der Organisation.