Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde. Er gehört der Wählergemeinschaft „Pro Ruppin“ an.
Foto: Henry Mundt

Berlin174 Städte und Gemeinden haben sich zum Bündnis Sicherer Häfen zusammengeschlossen, die bereit sind, mehr Geflüchtete aufzunehmen. Nur 16 davon liegen in Ostdeutschland, und davon sind die meisten Großstädte. Eine Ausnahme ist das brandenburgische Neuruppin. Bürgermeister Jens-Peter Golde erklärt, warum auch die Provinz ein Ort für Toleranz sein sollte.

Herr Golde, zehn deutsche Oberbürgermeister haben sich in einem Brief an die Bundesregierung bereiterklärt, Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen. Wäre Neuruppin denn auch dabei?

Ja, selbstverständlich. Wir haben nicht nur einen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 27. April, die Neuruppin zum sicheren Hafen erklärt hat. Sondern wir haben auch Kapazitäten. Wir könnten unkompliziert und schnell Leute unterbringen – natürlich in Zusammenarbeit mit dem Landkreis. Genau genommen sind wir als Stadt ja gar nicht zuständig – wir fühlen uns aber verantwortlich.

Für wie viele Geflüchtete wäre Platz?

Wir haben in der Stadt eine neugebaute Flüchtlingsunterkunft. Auch unter Pandemiebedingungen könnten wir dort bis zu 50 Menschen aufnehmen.

Das wäre ja schon ein großer Teil der Menschen, die die Bundesregierung jetzt ins Land lassen will. Wie viele Geflüchtete leben denn derzeit in Ihrer Stadt?

Ich kann es nicht genau beziffern, aber die Höchstzahl lag bei rund 300. Bei mehr als 30.000 Einwohnern ergibt das nicht einmal ein Prozent. Und derzeit sind es auf jeden Fall weniger.

Dem Bündnis Sicherer Häfen gehören viele ostdeutsche Großstädte an, aber nur zwei kleinere – darunter Neuruppin. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?

Es war ein Antrag der Fraktion von Grünen und Kreisbauernverband und der Linken. Die Freien Wähler und die AfD waren dagegen, alle anderen Parteien dafür. Neuruppin war 303 Jahre lang Garnisonsstadt, bis 1990. Hier waren zu DDR-Zeiten 20.000 Rotarmisten stationiert und 10.000 Zivilkräfte. Wir hatten sehr viele Menschen aus Vietnam und Angola bei uns, die ihre Ausbildung in den Elektrophysikalischen Werken gemacht haben. Es ist für die Bevölkerung nichts Ungewohntes, wenn hier Fremde im Stadtbild zu sehen sind.

In manchen anderen Städten war es ähnlich – trotzdem ist dort die Stimmung umgeschlagen. Was ist anders bei Ihnen?

Es ist eine Frage der Kommunikation. Ich weiß, dass die NPD ein Auge auf Neuruppin geworfen hatte. Aber hier hat die Zivilgesellschaft von Anfang an dagegengehalten. Wir haben eine gute Streitkultur in der Stadt entwickelt. Und wir haben uns gekümmert – es gibt mehrere Vereine und Initiativen, die sich besonders um Jugendliche und Familien kümmern. Ich selbst mache regelmäßig Radtouren um den See mit neu angekommenen Flüchtlingen oder wir kochen gemeinsam. Ganz einfache Dinge – und dann merkt man, dass das ganz normale Leute sind.

Was würden Sie Lokalpolitikern raten – warum kann es für eine Stadt gut sein, Flüchtlinge aufzunehmen?

Unsere Sportvereine freuen sich, wir haben gute neue Fußballspieler bekommen. Die Betriebe haben Praktikanten und Auszubildende gewonnen. Wir haben hier Fachkräftemangel, und wir sind eine alternde Stadt – da freut man sich, wenn man junge Gesichter sieht.

Und welche Probleme gibt es?

Wir merken zum Beispiel, dass manche Männer ihre Frauen und Töchter eher behindern, wenn es darum geht, Deutsch zu lernen. Es gibt auch Schlägereien unter Jugendlichen – aber im gleichen Maß wie unter gleichaltrigen Deutschen.

Viele Flüchtlinge wiederum zieht es in die großen Städte. Was sagen Sie ihnen, warum sie bleiben sollen?

Man muss ehrlicherweise sagen, dass das die Situation bei uns auch ein bisschen entspannt hat. Manche, die zu uns gekommen sind, waren schon nach ein paar Tagen wieder weg. Sie wollten dahin, wo ihre Verwandten sind. Geblieben sind die, die hier schnell Freunde oder eine Arbeit gefunden haben. Einen haben wir auch, der in der freiwilligen Feuerwehr aktiv ist.

Den lassen Sie wahrscheinlich nicht mehr gehen.

Nee, der muss bleiben. (lacht)