Zehntausende nehmen am 1. August an der Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni teil.
Foto: imago images/Christian Spicker

BerlinCovidioten – das Wort ist seit dem vergangenen Wochenende zum Kampfbegriff avanciert, die Kritik an den Teilnehmern der Großdemonstration in Berlin aus den Reihen der Politik von SPD über CDU bis Grüne und Linke sowie in den sozialen Medien reißt nicht ab. 

Der CSU-Politiker Stephan Mayer, parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, hebt zwar einerseits die Bedeutung der Grundrechte hervor, empfiehlt andererseits aber den Landesbehörden, Versammlungen künftig wegen des Gesundheitsschutzes restriktiver zu genehmigen. Der grüne Bundesgeschäftsführer Michael Kellner bezeichnete die Demonstranten als „gemeingefährlich“.

Andere wiesen darauf hin, dass Idiot auf Altgriechisch „Privatmann“ heißt und jemanden beschreibt, der sich nur um sich selbst kümmert und nicht um das Gemeinwohl. Wenn man es so sieht, muss man aber sagen: Wir sind alle Covidioten. Es ist heuchlerisch, auf die Demonstranten einzuschlagen, wenn wir uns doch alle widersprüchlich und nicht kohärent verhalten.

Beim Zahnarzt sitzt man mit zwei Metern Abstand und mit Maske, in der Schlange am Freibad steht man dicht an dicht, ohne Maske. In der U- und S-Bahn gilt zwar eine Maskenpflicht, und angeblich werden Verstöße dagegen geahndet, aber man sieht nie Kontrolleure. Dafür sieht man täglich Fahrgäste ohne Mundschutz, junge Frauen, ältere Männer, Menschen mit Kindern. Pandemie, mir doch egal!

Auch im sozialen Umgang sind viele nachlässig. Man geht wieder ins Großraumbüro, sitzt in Meetings, ohne Einhaltung der Abstandsregeln. Diejenigen, die Maske tragen, sind die Ausnahme. Die Menschen sitzen in Restaurants eng nebeneinander, Geburtstage und Hochzeiten werden gefeiert, mit sechzig, achtzig Gästen, gerne auch drinnen. Es werden Partys und Raves organisiert. Und wenn man sich trifft, dann umarmt man sich wieder oder gibt sich die Hand, in der Hoffnung, dass nichts passiert.

Es war schon überraschend, wie schnell die Menschen nach der Aufhebung der Einschränkungen wieder im Flieger nach Mallorca saßen und auch über die Sommerferien hinweg mit dem Flugzeug Urlaubsreisen antraten, gerne auch in Risikogebiete. Wo ist die Aufregung darüber?

Es sind nicht nur die Demonstranten, die so tun, als gebe es Corona nicht. Die Mehrheit der Menschen hat Probleme damit, die Realität der Krankheit zu akzeptieren und ihr Leben zu ändern. Der Mensch ist bei der rationalen Beurteilung von Gefahren nicht besonders gut. Wenn es so wäre, würden viel weniger Menschen Alkohol trinken, den ganzen Tag sitzen oder den Klimawandel ignorieren.

Die mangelnde Akzeptanz der Krankheit hat damit zu tun, dass Deutschland dank früher Maßnahmen bisher relativ glimpflich davongekommen ist, anders als Länder wie die USA oder Großbritannien. Wenn kaum jemand einen anderen kennt, der die Krankheit hatte, wenn Intensivstationen an Unterbeschäftigung leiden, fällt es eher schwer, an eine größere Gefahr zu glauben. Vieles scheint widersprüchlich und unübersichtlich, wie die Frage nach der Ansteckungsgefahr von Kindern. Auch die Warnungen von der „zweiten Welle“ nutzen sich ab.

Um zu wissen, wie das Virus in anderen Ländern wütet, deren Vorsichtsmaßnahmen weniger umfassend waren oder die zu schnell die Maßnahmen gelockert haben, muss man mit größerem Aufwand suchen. Das hat auch mit der dezimierten Auslandsberichterstattung in allen Tagesmedien zu tun. Längere, ausführliche Berichte aus dem Ausland über das Leiden, das Covid-19 anderswo bringt und gebracht hat, findet man eher in englischsprachigen Medien.

Aber der Versuch, sich Normalität einzureden, hat auch damit zu tun, dass der Mensch nicht im Zustand der „permanenten Erregung“ leben kann, wie der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit sagt. Das hält keiner auf Dauer aus. Es spricht viel dafür, dass die harten Verurteilungen der Demonstranten durch Politiker von SPD über CDU bis Grüne übertrieben sind und aus einer eigenen Unsicherheit kommen. Sie sollten diese Unsicherheit zugeben, statt mit neuen Verboten zu drohen.