In zehn Jahren mussten wir von vielen herausragenden Persönlichkeiten Abschied nehmen.
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Dennis Hopper (1936–2010)

Ich will euch dafür danken, dass ihr einem Farmjungen aus Dodge City in Kansas die Tür zu einer neuen Welt geöffnet habt“, sagte er, als sein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame enthüllt wurde. Er war bereits gezeichnet vom Krebs, und viele Fans waren überrascht, dass Dennis Hopper überhaupt erschienen war. Zwei Monate später war er tot. Hopper hatte 1969 mit dem aus der Hüfte geschossenen Roadmovie „Easy Rider“ der Hippie-Generation ein Monument gesetzt, gleichzeitig aber den Abgesang darauf geliefert. Danach konnte er nichts mehr falsch machen. Er spukte als freidrehender „Hollywood-Rebell“ durch Filme von Wenders, Coppola oder Lynch. Und verlieh in skurrilen Nebenrollen Spektakeln wie „Red Rock West“, „True Romance“ oder „Speed“ Witz, Wahnsinn und das, was ihm noch im lächerlichsten Kurzauftritt eigen war: Würde.

2010 gestorben: J. D. Salinger (*1919), Juan Antonio Samaranch (*1920), Christoph Schlingensief (*1960), Tony Curtis (*1925)

Amy Winehouse (1983–2011)

Ihre Stimme hat sie überlebt: Der 2011 verstorbenen Amy Winehouse verdanken wir mit „Back To Black“ die vielleicht einflussreichste Soulplatte seit Michael Jacksons „Thriller“.
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Fans warteten bange auf den 14. September 2011, dann wäre Amy Winehouse 28 geworden, man hätte aufatmen können. Aber sie hat die magische Grenze nicht passiert und singt jetzt im „Club 27“, mit Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison und Kurt Cobain, die alle mit 27 Jahren starben. Wenn es einen Rock'n'Roll-Himmel gibt, begegnet sie ihren Clubkameraden auf Augenhöhe: Amy Winehouse war einer der größten Popstars überhaupt, das 2006 erschienene Album „Back To Black“ die vielleicht einflussreichste Soulplatte seit Michael Jacksons „Thriller“. Ihr Sound erinnerte an alte Meisterinnen und doch hallten darin alle popmusikalischen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit nach. Mit ihrer Bienenkorbfrisur und dem „Camden Town Punkabilly“-Look wurde sie zur Stilikone. Die Welt wäre ohne sie eine andere geworden. Doch wie so oft bei großer Kunst, gab sie der Welt, was sie von sich selbst nahm. Zu viel, zu früh.

2011 gestorben: Steve Jobs (*1955), Elizabeth Taylor (*1932), Peter Alexander (*1926), Loriot (*1923), Václav Havel (*1936)

Neil Armstrong (1930–2012)

Seit seiner Kindheit wollte er Flieger werden – er wurde der größte Flieger aller Zeiten. Erst flog er schneller als je ein Mensch vor ihm, im Jahr 1962, als er mit seiner Bell X-15 mehr als fünffache Schallgeschwindigkeit erreichte. Und dann flog Neil Armstrong höher als je ein Mensch vor ihm – und landete als Erster auf dem Mond. Es war am 20. Juli 1969, und es war vor allem ein Flug ins Unbekannte, wie einst Kolumbus’ Fahrt über den Atlantik und Magellans Fahrt über den Stillen Ozean. Niemand wusste, ob er heil an- und wieder heimkommen würde. Doch ihm gelang das Manöver, er tat seinen „kleinen Schritt für einen Menschen, aber einen riesigen Sprung für die Menschheit“. Und er brachte sich und seine Kameraden  Aldrin und Collins sicher wieder zurück nach Hause. Eine epochale Leistung. Jetzt ist er für immer dort, wo es ihn seit seiner Kindheit hinzog: im Himmel.

2012 gestorben: Whitney Houston (*1963), Donna Summer (*1948), Larry Hagman (*1931)

Nelson Mandela (1918–2013)

Genoß auf der ganzen Welt großes Ansehen, der 2013 verstorbene ehemalige Präsident von Südafrika: Nelson Mandela.
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Sein Name verhieß Ärger: „Rolihlahla“, in der Sprache der Xhosa bedeutet es „der Äste bricht“ – der also keinem Streit aus dem Weg geht. Die Lehrer in seiner Methodistenschule fügen den britischen Namen „Nelson“ hinzu, nach dem Sieger in der Trafalgar-Schlacht. Länger als ein Viertel seines Lebens saß er im Gefängnis – als Symbolfigur des Widerstandes gegen das Apartheidsregime in Südafrika und berühmtester politischer Gefangener der Welt wurde Nelson Mandela auf Festivals gefeiert und in Popsongs besungen. Und als er nach 27 Jahren endlich freigelassen wurde, reichte er seinen Verfolgern die Hand, bereitete so den Weg Südafrikas zum friedlichen Übergang in die Demokratie. Und dann empfing er, als erster schwarzer Präsident seines Landes, auch noch die Witwe des Mannes, der ihn ins Gefängnis hatte werfen lassen, zum Tee. Statt Ästen brach Rolihlahla  das Eis. Für immer.

2013 gestorben: Margaret Thatcher (*1925), Marcel Reich-Ranicki (*1920), Lou Reed (*1942), Dieter Hildebrandt (*1927)

Udo Jürgens (1934–2014)

Udo Jürgens war, keine Frage, der größte Popstar, der je in deutscher Sprache gesungen hat, größer als Grönemeyer und Westernhagen, Maffay und Lindenberg.  Dabei war er Österreicher, was die Deutschen aber nicht davon abhielt, ihn innig ins Herz zu schließen – wohl weil er war, wie sie selbst gerne sein wollten: distinguiert und weltläufig, mit seiner im Jazz geschulten Musikalität, der lyrischen Prägnanz, all dem, was ihn herausragen ließ aus den Niederungen des deutschen Schlagers. Seine Musik war „bei aller romantischen Färbung ohne jeglichen Kitsch“, schrieb Jens Balzer in dieser Zeitung, „und sie war so elegant komponiert, so international inspiriert und stilistisch variationsreich“, dass selbst  Sozialkritik wie in „Griechischer Wein“ oder „Ein ehrenwertes Haus“unglaublich lässig daherkam. Und wenn Udo Lindenberg noch als alter Mann zum Ende eines Konzerts im weißen Bademantel erschien, dann war da nichts Lächerliches –   er hüllte ihn in Würde.

2014 gestorben: Ariel Scharon (*1928), Gabriel García Marquez (*1927), Frank Schirrmacher (*1959), Lauren Bacall (*1924)

Helmut Schmidt (1918–2015)

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, brachte Helmut Schmidt einst seine Realpolitik auf den Punkt. 
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Wer soll uns jetzt die Welt erklären?“, fragte die Zeit, als Helmut Schmidt starb. Schmidt war der Mann, dem die Deutschen vertrauten: der Kanzler mit der Schiffermütze, der das Land mit Entschlossenheit durch stürmische Zeiten gesteuert hatte. Und der auch später  noch in der hitzigsten Debatte einen kühlen Kopf behielt – so lange Schmidt im Nebel seiner Mentholzigaretten den Durchblick behielt, war die Welt noch in Ordnung. Er war, schrieb Harry Nutt in dieser Zeitung, „der Klavier spielende Kunstfreund, der kleinlicher Tagespolitik ein Verständnis vom großen Ganzen entgegenhielt. Mit zunehmendem Alter erhielt seine scharfe, zuvor oft abweisende Intellektualität auch weiche Züge. Je kürzer seine Sätze wurden, desto mehr schien man sich an deren Lakonie und Witz zu erfreuen“. Was wird von Schmidt bleiben? Mindestens der wunderbare Satz: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“

2015 gestorben: Richard von Weizsäcker (*1920), Günter Grass (*1927), James Last (*1929), Lemmy Kilmister (*1945)

David Bowie (1947–2016)

Er war Major Tom, Ziggy Stardust, Aladdin Sane, der Thin White Duke – vor allem aber war er David Bowie, der Mann, der den Pop revolutionierte, indem er die wichtigste und bis heute befolgte Regel dafür   schuf: Jeder ist das, was er von sich behauptet. „Er ist dafür eingetreten, dass wir so sein können, wie wir sein wollen, und so aussehen, wie wir aussehen wollen“, schrieb Martin Roth, der Direktor des Londoner Victoria & Albert Museums zu einer Ausstellung über Bowie und seinen Stil. „Seine wichtigste Botschaft lautet: Bewegt selbst etwas, anstatt anderen zu folgen oder von ihrer Meinung abhängig zu sein.“ Natürlich hat er auch musikalisch Bleibendes hinterlassen: „Space Oddity“, „Life on Mars“, „Station to Station“,„Heroes“. „Kein Mensch, wahrscheinlich nicht einmal ein Alien, weiß, welche Musik wir in 100 Jahren hören werden“, schrieb Thomas Hüetlin im Spiegel, „aber Songs von Bowie werden darunter sein.“

2016 gestorben: Johan Cruyff (*1947), Hans-Dietrich Genscher (*1927), Prince (*1958), Fidel Castro (*2016)

Helmut Kohl (1930–2017)

Es sah nicht gut aus für Helmut Kohl, und manches spricht dafür, dass er nach zwei Legislaturperioden abgewählt worden wäre – wenn nicht die Mauer gefallen wäre. Für die Entschlossenheit, mit der er diese Gelegenheit beim Schopf packte und das diplomatische Geschick, mit dem er die deutsche Einheit durchzog, gebührt ihm ein Platz in der Geschichte. Kohl hat das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten als Teil der europäischen Einigung begriffen. Erst Kohls aufrechtes Versprechen,   ein europäisches Deutschland und kein deutsches Europa schaffen zu wollen, überzeugte das skeptische Ausland.     Es gehört heute zu unserer Staatsraison. Unabhängig von dem Schatten, den die CDU-Spendenaffäre auf Kohls Bild werfen mag – und in deren Folge er sich von seiner Partei entfremdete und auch von seinem Land. Erst nach seinem Tod fand es wieder zu ihm.

2017 gestorben: Michael Ballhaus (*1935), Roger Moore (*1927), Sam Shepard (*1943), Jeanne Moreau (*1928)

George Bush (1924 –2018)

Im Spätsommer 1944 wurden über der japanischen Insel Chchi Jima neun amerikanische Flieger abgeschossen. Acht davon wurden Opfer unvorstellbarer Gräueltaten, einer entkam – und wurde der 41. Präsident der Vereinigten Staaten. Die Dankbarkeit darüber, ausgespart worden zu sein, leitete George Bush sein Leben lang – und das Bestreben, dem lieben Gott und seinem Land etwas zurückzugeben. Er tat dies mit Anstand und Stil, einer „noblesse oblige“, die man nicht mehr kennt im Weißen Haus. Wenn sein Glaube an das Gute im Menschen strapaziert wurde, konnte er zwar unerbittlich sein.  Und doch starb dieser Glaube nie: Bush reichte den Mördern seiner Kameraden die Hand, entließ Deutschland in Einheit und Freiheit; selbst für den Mann, der ihn aus dem Amt vertrieb, hatte er warme Worte: „Ihr Erfolg ist jetzt der Erfolg unseres Landes“, schrieb er Bill Clinton. „Ich drücke Ihnen fest die Daumen.“

2018 gestorben: Paul Bocouse (*1926), Stephen Hawking (*1942), Philip Roth (*1933), Aretha Franklin (*1942), Kofi Annan (*1938)

Karl Lagerfeld (1933–2019)

Karl Lagerfeld wie ihn die Welt in Erinnerung behalten wird: Mit Zopf, Sonnenbrille und Vatermörder. 
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Zu den Markenzeichen von „Kaiser Karl“gehörten der Zopf, eine Sonnenbrille und der Vatermörder. Jahrzehntelang kannte man ihn so, so hatte er sich selbst entworfen – und er war dabei strenger und konsequenter als bei seiner Mode. Da, so schrieb Arno Widmann in dieser Zeitung, „konnte er Rüschen, und er konnte sie verachten. Was heute schön war, war morgen hässlich und er lebte und arbeitete lange genug, um zu erkennen, dass überübermorgen das von vorvorgestern wieder ging. Alles, was Menschen gedacht und entworfen, was sie getragen und zu tragen verworfen hatten, war in seinem Kopf, und von dort aus trat es eine Reise an, in deren Verlauf es sich und ein wenig die Welt veränderte“. Das tat er unermüdlich und natürlich zum Guten, und er konnte bei alldem guten Gewissens sagen: „Ich bin sehr auf dem Boden geblieben. Nur nicht auf dieser Welt.“ Sie wird ihn trotzdem vermissen.

2019 gestorben: Klaus Kinkel (*1936), Doris Day (*1922), Niki Lauda (*1949), Peter Fonda (*1940), Sigmund Jähn (*1937)