Beim Großen Zapfenstreich der Bundeswehr für Angela Merkel spielte die Kapelle unter anderem den populären Song der Punk-Sängerin Nina Hagen „Du hast den Farbfilm vergessen“. Das Lied wurde 1974 zum Hit und erfreute sich in der DDR größter Beliebtheit. Nina Hagen war überrascht von der Lieder-Wahl der Kanzlerin, so wie viele Ostdeutsche vor einigen Wochen von Merkels spätem Bekenntnis überrascht waren, dem zufolge die Kanzlerin mit dem westdeutschen Establishment immer gefremdelt habe. Nina Hagen schreibt auf Facebook, dass sie die Entscheidung zunächst nicht glauben konnte: „Das ist ein Song mit Text von Kurt Demmler, und dass jedoch der Kurt Demmler ein DDR-Staatsdichter mit Sonderprivilegien war, und später ein wegen systematischem Kindesmissbrauchs verurteilter Sexualstraftäter, der im Gefängnis Selbstmord beging, wird ihr hoffentlich bekannt sein.“

Nina Hagen distanziert sich dennoch nicht von dem Lied. Sie schreibt: „Aber ich werde mich nicht vor den Fakten verstecken, und auch nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Mein Publikum kann und soll auch alle Zusammenhänge kennen. Sich vor der Wahrheit zu verstecken, wäre feige, sowas ist mir ein Greuel! Fakt ist, dass der Text-Dichter dieses Songs, Kurt Demmler, ein hochprivilegierter Künstler war in der DDR, ein staatstreuer Liedermacher, und besonders nach dem Fall der Mauer beging er schweren, systematischen Kindesmissbrauch, und dass er sich dann in der Untersuchungshaft im Knast Moabit erhängte und sich sang- und klanglos aus dem Staub machte, schmerzt umso mehr.“


Mit dem Song wurde Hagen zu einem DDR-Star, allerdings wider Willen, wie sie in ihrer 2010 erschienenen Autobiografie schreibt:

„Der Farbfilm machte uns zur Kultband, obwohl Michael Heubach und die anderen Musiker eigentlich in eine ganz andere Richtung unterwegs waren. Sie waren versessen darauf, richtige Rockmusik in der DDR zu etablieren. Aber hören wollten die Leute immer nur den Farbfilm. Die langhaarigen Freaks, denen wir Sachen a la Genesis oder Deep Purple schenken wollten, warteten mit Engelsgeduld bis zum Ende unseres Programms, und sie flippten aus, wenn sie endlich kam, die musikalisch eher konventionell gestrickte Klage über den dusseligen Micha, mein Micha. Man riss sich um uns. Das staatliche Radio wurde von Hörerwünschen bombardiert und spielte bald täglich den Farbfilm. Das Fernsehen featurte uns und behandelte uns voll stolz wie DDR-Superstars. Wohin wir kamen, rollte ein Welle von Sympathie heran. Wir konnten uns vor Terminanfragen kaum retten. Sogar die DDR-Musikkritik nahm sich des Kunstwerkes Farbfilm an und urteilte in einem Stück bester handwerklicher Arbeiterprosa: ,Diese vortrefflich verschweißte (!) Kombination von Erosdynamik und bildhafter Komik, die diesem Lied so eigen und unserem Schlager so neu ist, gefiel – und gefällt immer noch.‘ Superb! 

Das hätte lange so weiter gehen können, denn wir waren drauf und dran, uns anzupassen und der Gleichschaltung zu unterziehen. Das war nicht mein Ding. Den ersten großen Crash gab es, als unser Manager einen genialen Deal einfädelte. Wir sollten bei VEB ORWO in Wolfen spielen – die Firma stellte (na, was wohl?) Farbfilme her – und im Gegenzug würde ORWO dafür sorgen, dass man bunte Plakate für uns drucken würde. Farbige Plakate – whow! Wir fanden das unglaublich und machten uns voller goodwill auf in die graue Wüste von Bitterfeld. Der Betriebsleiter, ein Parteisekretär, empfing uns auch herzlich. Voller Stolz führte er uns durch die Anlagen und stellte uns den leitenden Mitarbeitern vor. Von überall her lächelten und grüßten die Beschäftigten. Mal schrie einer zu uns herüber: „He Nina, haste ’n Farbfilm vergessen?“ – „Ja, ick hol mir ’n paar bei Euch ab, damit dett nich wieder so ’ne Pleite wird wie letztes Jahr auf Hiddensee!“ Ein anderer rief: „He, Nina, lass dett mit ’n Micha, der hat et nich drauf! Nimm uns mit. Bei uns klappt dett mit’n Farbfilmen!“ Großes Gegröhle! Ich hatte richtig Spaß an den Jungs.

Aber je länger wir durch die weitläufigen Anlagen des Unternehmens gingen, desto bedrückter wurde meine Stimmung. In diesen Gifthallen, dieser ätzenden Atmosphäre mussten die den ganzen Tag aushalten! Man sah es den Leuten förmlich an, wie ungesund ihr Arbeitsplatz war. Das Gift der Chemikalien hatte ihre Haut verändert und ihren Augen einen kranken Ausdruck verliehen. „Was verdienen die denn?“, wollte ich von dem Betriebsleiter wissen. „500 Mark“, meinte er und zuckte mit den Schultern. Ich musste schlucken. Für ganze 500 Mark ruinierten diese Menschen also ihre Gesundheit! Die Firma wurde mir ein wenig ungeheuerlich. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Der Betriebsleiter öffnete die Tür und geleitete uns vor einen Raum, den wir nicht betreten durften, weil die Mitarbeiter den ganzen Tag in vollkommener Dunkelheit arbeiten müssten. „Die beschichten da Filme … und wenn ich jetzt die Tür öffnen würde, dann wären alle Filme kaputt! Ist ja auch klar: Fällt Licht drauf … dann ist nichts mehr mit Hiddensee. Film hinüber!“, belehrte uns der Chef. „Sind die den ganzen Tag da drinne?“, wollte ich wissen. „Zur Mittagspause natürlich nicht!“ Ich ließ nicht locker: „Sie sagen also, dass diese Leute von morgens bis abends nur in Dunkelheit arbeiten. Dass sie die Sonne nicht sehen?“ – „Ja, das ist wohl so!“ – „Und die kriegen auch nur 500 Mark?“ – „Natürlich. Alle unsere Arbeiter verdienen das Gleiche.“

Meine Begeisterung war hin. 500 Mark bekommt ein Scheiß-Staatsschlagersänger schon in Kategorie B! Für einen Vollplaybackauftritt! Und die Schwerstarbeiter hier – die kriegen den Sklavenhohnlohn von 500 Ostmark für einen ganzen Monat. Der Schock fuhr mir in die Herzgegend. Ufff!

Während der Betriebsleiter weiter drängte, zog ich Matthias Neumann, einen unserer Musiker beiseite, mit dem ich reden konnte, wie mir der Schnabel gewachsen war: „Haste dett jesehen!? Den janzen Tach sehn die keene Sonne nich. Weißte wat dett is? … Sklaverei ist dette! Det ist doch Folter! Wenn eener schon so’ne gesundheitsschädigende Arbeit machen muss oder machen will, dann aber doch nicht für so nen beschissenen Sklavenlohn!“ Matthias Neumann schüttelte den Kopf und ließ hörbar Luft ab; er hatte es genau so empfunden wie ich selbst. Dennoch reagierte er hilflos: „Nina, wat willste machen!“ – „Wat ick machen will? Dett will ick Dir sagen: Für so ’ne Sklaventreiber mach ick keene Reklame!“ Matthias Neumann sah mich mit großen Augen an: „Nina, dett kannste nich bringen!“ – „Wat kann ick nicht bringen? Dett ick hier verschwinde? Kann ick wohl bringen. Wirste sehen! Ick fahr nach Hause! Dett kann man ja keem erzählen, wat hier los is.“

Ich ließ den verdatterten Matthias Neumann stehen, drehte mich auf dem Strupp um und verschwand. „Wo will denn Nina Hagen hin?“, fragte der Parteisekretär, der meine offenkundige Verärgerung mitbekommen hatte. Schwierige Frage. Ich kannte mich selbst ja kaum. Wie konnte mich meine Band kennen? Während ich also davon rauschte, versäumte ich es nicht, mich noch einmal umzudrehen: „Dett is Ausbeutung, Herr Parteisekretär!“, schrie ich quer durch die Halle, „Schlimmer wie im Kapitalismus!“ Weg war ich. Ganz starker Abgang!

Was ich da tat, war unvernünftig. Es brachte meine Freunde in Gefahr. Ich veränderte an der Situation der Arbeiter nichts. Aber ich musste es tun. Es war Teil meines Glaubens, Teil meiner christlichen Identität. Gut, ich habe schon durch meinen Vater ein Gerechtigkeits-Gen geerbt. Ich kann von Natur aus ungerechte Verhältnisse auf den Tod nicht ausstehen. Sie bringen mich zur Raserei. Und doch bin ich keine Jean d’Arc und keine Rosa Luxemburg. Ich bin ein Mensch, der in seinem Kern voller Liebe und Mitgefühl ist. Die tiefsten Wurzeln meines gesellschaftlich-politischen Engagements sind Liebe und Mitleid. Man muss mir nur einen verlausten, hungrigen Straßenköter bringen – und schon zerfließe ich vor Liebe und Mitleid. Liebe ist für mich Helfen. Gott ist für mich der Helfer. Gott, der uns gemacht hat, liebt er jedes einzelne Wesen auf der Erde mit der gleichen einmaligen Liebe, mit der er mich liebt. Er hilft und wir sollen helfen. Wenn man das einmal verstanden hat, wird man niemals wieder gleichgültig sein gegenüber dem Leid der anderen. Mit anderen mitleiden ist seit Jesus eine göttliche Sache. Der Teufel ist es, der sagt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Denk erst an dich. Lass die anderen in der Kacke!

Doch zurück nach Bitterfeld! Wohin verschwinden Mädels? Natürlich auf das Damenklo. Nach offensichtlich intensiven Beratungen – „Sie kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben!“ – waren meine Leute auch auf den Trichter gekommen. Der Entsandte, Matthias Neumann, hatte den richtigen Riecher; er war es, der mich fand. Doch hatte ich nicht nur die Toilettentür verschlossen; ich hatte schon den Vorraum verrammelt, saß, durch zwei Türen von der Außenwelt abgeriegelt, auf der Schüssel und heulte vor Wut und Verzweiflung Rotz und Wasser. „Nina, bist da drinne!? Gib doch endlich Antwort“, hörte ich Matthias schreien. Mit Tränenstimme krähte ich zurück: „Hau ab, du blöder Schleimscheißer! Dett mit den Arbeitern, dett is ne unglaubliche Sauerei! Ick mach da nich mit! Kannste denen bestellen!“

Doch ich saß in der Falle. Matthias Neumann versuchte alles, mich zum Einlenken zu bewegen. Er bestieg sogar ein Gerüst, über das man von außen auf Klopfhöhe an das Toilettenfenster heranreichen konnte. Matthias bummerte bedrohlich gegen die Milchglasscheibe und redete auf mich ein wie die Heilsarmee auf eine Schnapsdrossel: „Nina, ick flehe dir an, mach dett nich, komm raus, bitte, bitte … Nina, nimm Vernunft an! Du reitest uns alle in die Scheiße! … Wenn dett nach Berlin geht, kannste dir warm anziehen! … Tu et um der Gruppe willen … oder wat wees ick!“ Eine geschlagene Viertelstunde redete Matthias auf die eigensinnige Thronprätendentin ein. Endlich zog ich die Hosen hoch, schniefte durch und stellte mich der Realität.

Während Michael Heumann, Matthias Neumann und die anderen von der Gruppe tief durchatmeten und sich dachten, alles sei gerade noch einmal gut gegangen, wanderte der Vorgang schon von Leipziger Bezirksverwaltung der Stasi nach Berlin, an die Stasi-Hauptverwaltung, von wo die unglaublichen Vorgänge weitergereicht und noch höheren Ortes unterbreitet wurden. Wie schön, dass man heute nachlesen kann, was aufmerksame Menschen wie „Dany“ 1975 über mich zu den Akten gaben: „Die Gruppe Automobil und Nina Hagen wurden durch das Werksgebäude geführt, bis zu diesem Raum, wo Filme beschichtet werden und wo Arbeiter acht Stunden in vollkommenem Dunkel arbeiten müssen. Jetzt kommt’s. Darauf ging die Solistin Nina Hagen zum Parteisekretär und soll sich fürchterlich darüber aufgeregt haben, wieso denn die Leute bzw. Arbeiter im Sozialismus in dem dunklen Raume den ganzen Tag über arbeiten müssten – das wäre pure Ausbeutung wie im Kapitalismus. Soviel mir bekannt ist, hat sich der Parteisekretär weiter gekümmert und die Gruppe Automobil ist wohl durch diesen Vorfall nicht als Reisegruppe für das Ausland mehr vorgesehen.“

Dumm gelaufen. Davon ahnten wir seinerzeit natürlich nichts. Stattdessen erfreuten wir uns der allerhöchsten Aufmerksamkeit. Mich schaudert es, aber das Politbüro, dem wir in herzlichster Abneigung zugetan waren, mochte uns. Aber das passiert ja allen Kindern, dass sie vor der grenzenlosen Liebe ihrer Eltern nicht sicher sind! Die Liebe der Honeckers und Mielkes zu uns war Elternliebe, der gerade ins Wohnzimmer geschissen worden war. Man ließ der übel geratenen Brut die Launen wohl als pubertäre Vitalitätsäußerung durchgehen. Möglicherweise erkannte man uns aber auch als subversive Elemente, aber wir waren unterhaltsam – und außerdem war man selbst einmal jung gewesen – ho, ho, ho.

Fakt ist: Die Stasi forderte uns an. Wir spielten vor SED-Funktionären, ja vor dem Zentralkomitee der SED. Es war gespenstisch. Hilfloses Highlife im Beinhaus. Groove bei Grufties. Matthias Neumann hat die Atmosphäre einmal treffend geschildert. „Diese ganzen Kerle in ihren Präsent-20-Anzügen, diese hässlichen Krüppel aufgekarrt, ein ästhetisches Verbrechen! Nur Männer mit Lederschlipsen und leerem Blick.“ Dabei befiel die Künstler, die vor diesem Publikum auftreten mussten, regelmäßig die nackte Angst. Wenn Honecker nicht lachte, lachte niemand. Und wenn niemand lachte, war es nicht gut. Und wenn es nicht gut war, war es verdammt nicht gut für den betroffenen Künstler, denn es konnte ihm danach ziemlich schlecht ergehen. Nicht so schlecht wie bei Stalin, bei dem ein verpatzter Auftritt schon einmal die Verbannung, der Prozess, gar das Todesurteil sein konnte. Aber ziemlich schlecht.

Uns war auch schlecht, als man uns eines Tages das „große Los“ brachte. Wir durften bei einem Empfang in einem Hotel am Alexanderplatz spielen, bei dem die Creme de la Creme der Partei, all die Bonzen aus dem Zentralkomitee der FDJ, da waren. Die älteren Herrschaften ließen es sich nicht nehmen, ihre fetten Bäuche in Blauhemden zu zwängen und jung unter der Jugend der Partei zu sein. Wir spielten Rock und waren überhaupt auf Krawall gebürstet. Wie es der liebe Zufall, mein Freund, so wollte, traf ich im Aufzug den damaligen FDJ-Chef Egon Krenz, nachmaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der SED. Steif wie ein gefrorener Hering, blickte er durch uns hindurch. Der kam mir gerade recht. „Na, Jugendfreund Krenz“, machte ich ihn an, „wann dürfen wir ooch mal in’n Westen fahren, wie die Puhdys und Karat? Hast ja mitjekricht, dett wir keen beißen, oder?“ Egon Krenz erbleichte. Oder errötete er? Jedenfalls geriet er aus der Contenance, ja, er platzte förmlich aus seiner Maske heraus: „Frau Hagen, wenn Sie Ihr Verhältnis zum Sozialismus geklärt haben und mit dem Klassenfeind Biermann gebrochen haben, reden wir noch einmal miteinander!“

Sprach’s und erstarrte wieder.

Und ich dachte mir: Ha, wenn der olle Sphären-Agent der untersten Aufseherkaste wüsste, dass ich schon mal von Jesus gerettet worden bin! Hahahahallelooya, Egon! Hier spielt die Musik – nich da! Und ich zeige zum Abschied auf mein Herz.“