„Wir wollen uns nicht verstecken. Die Welt muss wissen, dass wir existieren“

Nirgendwo ist die Politik homophober als in Uganda. Am Wochenende sollte trotzdem ein Pride-Festival stattfinden. Statt einer Feier gab es Verhaftungen.

Ramathan Kaggwa ist Pastor in Uganda und setzt sich unermüdlich für die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben und Transmenschen ein.
Ramathan Kaggwa ist Pastor in Uganda und setzt sich unermüdlich für die Gleichberechtigung von Schwulen, Lesben und Transmenschen ein.Felix Lill

Es sollte der größte Tag des Jahres werden. Quer durchs Land wurden am letzten Sonntag Paraden veranstaltet, Bands spielten. Eigens für den Anlass aufgebaute Stände verkauften Essen, der Präsident hielt eine Rede voller Stolz. Schließlich ist der 9. Oktober der nationale Unabhängigkeitstag, der am vergangenen Wochenende das 60-jährige Bestehen Ugandas seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft markierte. Es war ein Tag des Stolzes.

Wobei Stolz – in der Amtssprache Englisch „pride“ – ein Wort ist, das an jenem Sonntag besondere Bedeutung erhalten sollte. Einige Einwohner der Hauptstadt Kampala hatten nämlich ein Event geplant, das im ostafrikanischen Land eigentlich unerhört ist. Der Titel „Pride Independence“ prangte auf den Flyern, die seit Wochen online kursierten. Beim damit angekündigten Event, das auch mit einer dezenten Regenbogenflagge warb, sollte es nicht nur um Nationalstolz gehen, sondern auch um Pride im Sinne der LGBT-Bewegung: Stolz auf das, was man ist, wie man ist.

Bereit für den nächsten Schritt

„Ich bin einfach nur aufgeregt“, hatte Ramathan Kaggwa noch kurz vor dem kleinen Festival gesagt, das er seit Wochen organisiert hatte. „Wir dürfen keine Angst haben!“ Der 25-jährige Pastor hatte vor einigen Jahren die maßgeblich im Untergrund operierende, queer-freundliche Kirche „Adonai Inclusive Christian Ministries“ gegründet. Zudem unterhält er durch Spenden finanzierte Notunterkünfte für Personen, die geoutet wurden und daraufhin ihr Zuhause verloren. Nun sah er sich und sein Land bereit für den nächsten Schritt.

„Wir können uns nicht weiter verstecken. Die Welt muss wissen, dass wir existieren.“ Mit dem „Pride Independence“ wollte Kaggwa endlich auch in seinem Land ein LGBT-Festival etablieren. In vielen Ländern der Welt sind Paraden und Zusammenkünfte queerer Menschen längst üblich. Im ostafrikanischen 46-Millionen-Land Uganda aber ist dies nicht nur besonders, sondern auch gefährlich. Auf „homosexuelle Tätigkeiten“ steht hier eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Und hätte das Verfassungsgericht vor einigen Jahren nicht ein Gesetz wegen technischer Mängel einkassiert, würde Homosexualität gar mit der Todesstrafe geahndet.

Wer nicht hetero ist, lebt oft in Angst. Und am Sonntag gab es dafür neuen Anlass. Kurz vorm geplanten Start wurde das „Pride Independence“, für das der Organisator Ramathan Kaggwa Spenden unter anderem von der „GayChurch Berlin“ aufgetrieben, Künstler und Musiker organisiert hatte, von der Polizei aufgelöst. Vor Ort war Kaggwa ratlos, denn er habe sich extra vorab mit der Polizei abgesprochen: „Ich hatte mich ihnen anvertraut. Wir haben zusammengearbeitet. Ich habe gefragt, wie ich diese Veranstaltung durchführen könne.“

Wortgefechte, Streit und Wutausbrüche

Immer wieder werden Zusammenkünfte queerer Gruppen im Land durch Polizisten oder Denunzianten gestört und aufgelöst. Gewaltanwendung ist dabei keine Seltenheit. Erst im vergangenen Sommer wurde aus der LGBT-Gemeinschaft Ugandas auch wieder ein Todesfall vermeldet, als der offen schwul lebende Mathew Noah Kinono ermordet wurde. Auch um Problemen vorzubeugen, hatte Ramathan Kaggwa sein Festival als „Gebetsevent“ deklariert – so sollte die im überwiegend christlichen Uganda wichtige Maxime der „Freiheit des Gebets“ als Schutz dienen.

Damit die Polizei das Event, für das immerhin 200 Personen eingeplant waren, schließlich vor Angriffen absichere, habe Kaggwa sie auch finanziell unterstützt, deren Transport und Arbeitszeit bezahlt. Nur wurde er dann „in letzter Minute“ überrascht: „Es kam ein anderer Anruf von der Polizeizentrale und sie sagten uns, wir sollten unsere Gebetsveranstaltung nicht durchführen. Es gehe doch um viel mehr. Und ihre Bosse wollten das nicht.“ Schließlich wurde die Veranstaltung untersagt.

Vor Ort kam es offenbar zu schweren Wortgefechten, Streit und Wutausbrüchen. Eine Transfrau sei geschlagen worden. Und bald fand sich Ramathan Kaggwa, der im Sommer noch ungestört eine Rede auf einem Pride-Event in Amsterdam hatte halten können, mit acht Mitorganisatoren und Teilnehmern auf der nächsten Polizeiwache wieder. Von dort schickte ein Mitstreiter namens Daniel noch eine Voicemessage: „Es war leider kein Erfolg. Wir sind jetzt auf der Polizeiwache in Makerere, hinter dem Grand Global Hotel, wo das Festival stattfinden sollte. Jetzt brauchen wir Hilfe.“

Man hoffe nun nicht nur darauf, dass das für die Sicherheit und Saalmiete bereits ausgegebene Geld zurückgezahlt werde, sondern auch auf körperliche Unversehrtheit und eine Freiheit von Verfolgung in Zukunft. „Wir haben Angst“, sagte auch einer, der sich zum Zeitpunkt der Auflösung des Festivals noch auf dem Weg dorthin befunden hatte und nun eine der geheimen Notunterkünfte für Homosexuelle abzusichern versuche. Einen Tag nach dem Vorfall wollte die Polizei daraus keine große Sache machen. „Die Veranstaltung war nicht genehmigt“, erklärte ein Sprecher am Telefon zunächst wortkarg. „In Uganda gibt es Regeln!“, betonte er dann auf Nachfrage mit schreiender Stimme. Die Festgenommenen würden in Kürze wieder freigelassen. Allerdings bleibt unklar, ob sie nun unter genauerer Beobachtung stehen. Und warum das Event trotz voriger Absprachen letztendlich doch nicht genehmigt worden war.

Homosexuelle als „ekelhaft“ bezeichnet

Schließlich stellen Zusammenkünfte queerer Personen an sich noch kein Verbrechen dar, wie auch der ugandische Journalistenverband bestätigt. Das gesetzliche Verbot beziehe sich auf den Geschlechtsakt. Die Auflösung einer als Gebetstreffen deklarierten Veranstaltung, die zudem mit der Regenbogenflagge geworben hatte, sendet nun eine unmissverständliche Botschaft: Die Staatsmacht hat nicht nur ein Problem damit, wenn man von der heterosexuellen Norm unter der Bettdecke abweicht. Queere Personen sollen sich gar nicht erst treffen.

Es passt zu dem, was der seit dreieinhalb Jahrzehnten regierende Präsident Yoweri Museveni im Jahr 2016 in einem Interview mit CNN sagte. Auf die Frage, was er von homosexuellen Menschen halte, antwortete er mit angewidertem Gesicht: „Sie sind ekelhaft!“ Dass der Vorfall am Nationalfeiertag aber Anlass zu einer medial geführten Debatte geben wird, ist unwahrscheinlich. In ugandischen Medien war schon über die Pläne zur „Pride Independence“ praktisch nicht berichtet worden. Homosexualität ist ein Tabuthema im Land. Und dies dürfte nach Sonntag auch so bleiben.