BerlinEs war ein beruhigender Satz und gleichzeitig eine Warnung. „Die Versorgung der Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern ist gewährleistet“, sagte Uwe Janssens am Dienstag in Berlin. Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) war einer von vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor die Hauptstadtpresse getreten waren, um die Pandemie-Lage zu erläutern. Und Janssens‘ Satz wäre tatsächlich beruhigend gewesen, gäbe es nicht die Worte „noch“ und „aber“.

Noch gebe es ausreichend Intensivbetten und medizinisches Personal, das „mit großem Durchhaltevermögen, Expertise und vor allem Herzblut“ um die Gesundheit der Patienten auf den Intensivstationen kämpfe, sagte Janssens. „Aber wir werden alle von den exponentiell steigenden Infektionszahlen zunehmend in Bedrängnis gebracht.“

Am 1. Oktober, so Janssens, seien auf den Intensivstationen deutscher Krankenhäuser 362 Covid-19-Patienten behandelt worden – nur einen Monat später habe sich diese Zahl mehr als versechsfacht. Die Entscheidung für einen partiellen Lockdown sei daher allumfassend richtig gewesen, sagte Janssens. „Die einzige Chance, die die Intensivmedizin hat, ist die, dass das Infektionsgeschehen draußen heruntergefahren wird.“

Bei einem ungebremsten Weiteranstieg der Infektionszahlen, so Janssens, würden die Intensivstationen in kürzester Zeit an ihre Grenzen geraten. „Unser Kernproblem ist nicht die Verfügbarkeit an Betten, sondern der seit Jahren bekannte Mangel an Fachpflegepersonal“, sagte Janssens. „Die Corona-Pandemie verstärkt dieses Problem wie ein Brennglas.“

Planbare Operationen verschieben

Die seit Montag geltenden Corona-Einschränkungen sollen auch vor allem Menschen in medizinischen Berufen schützen: Schon jetzt klagen viele Kliniken über ausfallende Ärztinnen und Pfleger, die entweder mit dem Coronavirus infiziert oder in vorsorglicher häuslicher Quarantäne sind. Um die Versorgung der Patienten weiter zu gewährleisten, müssten deswegen, wo immer es medizinisch vertretbar sei, geplante Operationen verschoben werden, sagte Janssens. Gleichzeitig forderte er eine „zügige und unbürokratische“ Kompensation der damit verbundenen Einnahmenausfälle der Kliniken.

Die durchschnittliche Covid-19-Fallzahl, die dem Robert-Koch-Institut (RKI) täglich gemeldet wird, liegt nach Angaben von RKI-Vizepräsident Lars Schaade bei durchschnittlich 15.000. In der letzten Zeit habe sich die Zahl der Fälle innerhalb von zehn Tagen verdoppelt. „Wenn das genauso weiterginge, hätten wir bis Weihnachten über 400.000 gemeldete Neuinfektionen pro Tag“, sagte Schaade. Er appellierte an die Bevölkerung, sich unbedingt an die Regeln zu halten. Der RKI-Vizepräsident zeigte sich gleichwohl zuversichtlich. „Die jetzt ergriffenen Maßnahmen können das Virus bremsen“, sagte Schaade. Auch sei die Chance realistisch, dass bald ein wirksamer Impfstoff bereitstehe.

Nur wenige Minuten zuvor hatte der jüngst von seiner Covid-19-Erkrankung genesene Bundesgesundheitsminister von einer nationalen Kraftanstrengung gesprochen, die es zu bewältigen gelte. „Die Pandemie ist eine Mammutaufgabe für uns alle. Und wir haben den Höhepunkt noch nicht erreicht“, sagte Spahn. Die jetzt geltenden Corona-Auflagen – das Wort „Lockdown“ vermied der Minister konsequent – seien daher der richtige Weg. Teil der Strategie der Bundesregierung sei, dynamisch auf das Infektionsgeschehen reagieren zu können, sagte Spahn, der erneut Schnelltests und Masken für Pflegeheime in Aussicht stellte.

Melanie Brinkmann vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung zerstreute am Dienstag die Sorge, ein Impfstoff könnte durch ein mutierendes Virus unbrauchbar werden. Bisher verändere sich das Coronavirus dafür nicht schnell genug, sagte die Virologin. Doch werde es auch bei einem einsetzbaren Mittel dauern, bis ausreichend Menschen geimpft werden könnten. „Wir werden noch eine ganze Weile mit dem Virus leben“, so Brinkmann. „Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, die wir uns durch die Maßnahmen erkaufen.“ Vor allem die Präventionsmaßnahmen und die Nachverfolgung der Infektionen müssten deutlich verbessert werden. Erklärtes Ziel müsse überdies sein, zu verhindern, dass Patienten überhaupt auf die Intensivstation verlegt werden müssten, sagt Brinkhaus. Sich auf freie Intensivkapazitäten zu verlassen, sei in etwa so sinnvoll, wie zu sagen, „ich lasse den Sicherheitsgurt im Auto weg, weil es ja inzwischen so tolle Unfallchirurgen gibt“, so die Medizinerin.