Amsterdamer Grachten.
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Berlin Obwohl derzeit die lustigsten Designer-Vorschläge für die keimfeste Umgebungsgestaltung zu finden sind – Türklinken sollen bald ausgestorben sein, Schiebetüren à la Raumschiff Enterprise der Normalfall werden –, kann man schon jetzt konstatieren: Während die schnell wachsenden Metropolen Afrikas, Süd- und Südostasiens sowie Südamerikas die allgemeine Bevölkerung oft fast schutzlos lassen müssen, waren diejenigen Europas, Nordamerikas oder Ostasiens meist bemerkenswert gut gerüstet.

Sie haben nämlich schon seit dem 19. Jahrhundert ein dicht gewobenes Anti-Seuchen-System aufgebaut, mit Frischwasserversorgung, Abwasserentsorgung und -aufarbeitung, Müllabfuhr und Mülltrennung, sauberen Energiesystemen, mit Boulevards, Parks, Spielplätzen, Schulen und Kindergärten mit viel Freiraum, gut ausgebauten Krankenhäusern sowie strengen Wohnungsbaunormen. Eine Investition in die Zukunft, die offenkundig je besser gelang, je demokratischer die Staaten regiert wurden – auch China hat seine Städte erst grundlegend saniert seit der Öffnung in den 80er-Jahren, nachdem wenigstens eine minimale Mitsprache der Bevölkerung erlaubt wurde und damit breiter Wohlstand entstand.

Nachhaltige Verkehrssysteme

In so gerüsteten Städten ist nur noch mit kleinen Stellschrauben etwas zu verbessern, die eigentliche Aufgabe ist hier weiterhin der ökologische Stadtumbau: So lange die Verkehrssysteme nicht nachhaltig sind, Neubau und Abriss immer noch vor Weiterbau stehen, nicht wirklich jedes Dach als potenziell begrünbar betrachtet wird, ist da noch sehr viel zu tun. Immerhin verstetigen derzeit viele Städte des Nordens zuerst nur provisorisch markierte Fahrradwege. Dank der seuchenbedingt geringeren Bewegungsspielräume wurde nämlich ganz lebensnah klar, wie verdreckt unsere Luft im Normalfall ist, wie laut unsere Straßen sind. Zudem haben inzwischen viele Menschen gelernt, dass man mit dem Fahrrad auf innerstädtischen Distanzen oft schneller als mit dem Auto oder dem ÖPNV ist.

Die eigentliche Krise für die Städte des Nordens ist also eine politisch-kulturelle: Sie stehen wieder einmal im Verdacht, „schuld“ zu sein am Übel der Welt. Selbst New Yorks liberaler Gouverneur Andrew Cuomo behauptete, die „Dichte“ Manhattans müsse „aufgelockert“ werden. Es droht eine Renaissance der Vorstadt mit Abstandsgarten und Gewerbegebieten – dabei ist Landverbrauch ein Klimakiller. Und spätestens der Blick etwa nach Hongkong, Mailand, Paris oder auch Berlin zeigt: Nicht die Bebauungsform oder die Bevölkerungsdichte waren nach aktuellem Forschungsstand ursächlich für den mehr oder eben minder desaströsen Verlauf von Covid-19.

Relativ gut lief es überall dort, wo das Gesundheitssystem breit zugänglich ist, Medien frei berichten können, Lohnersatzzahlungen Krankheit nicht zu wirtschaftlichem Lebensrisiko machen, die Politik eng mit der Wissenschaft zusammenarbeitet, gute öffentliche Schulen den Sinn von Solidarität, naturwissenschaftlichen und historischen Kenntnissen vermitteln und damit auch der Bevölkerung zeigen, dass es sinnvoll ist, Einschränkungen im Interesse aller hinzunehmen.

All dies aber fehlt in den meisten Metropolen Afrikas, Südasiens und Südostasiens, auch Südamerikas. Dort steht der große soziale, kulturelle, ökonomische und physische Stadtbauprozess noch an, der aus Favelas gut versorgte Stadtviertel macht, aus Agglomerationen, in denen die Reichen hier und die Armen dort wohnen, Städte für alle. Doch gibt es Hoffnung: Um ihre Macht zu bewahren und die Menschen effizienter ausbeuten zu können, werden die aktuellen Eliten dafür sorgen, dass die Städte sicherer und gesünder sind. Das war in Europa so, das ist in China so. Und das ist für Architekten, Ingenieure und Planer eine Riesenherausforderung, weit größer als die, Anti-Corona-Glashäuser für Restaurants an Amsterdamer Grachten zu entwerfen.