Intuitive Bedienung, haptische Erotik: Der tragbare Minicomputer, mit dem meist viel mehr gemacht wird, als zu telefonieren, ist zum Massenprodukt geworden.
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BerlinDas Smartphone hat bei vielen von uns längst den Stellenwert einer Beziehung eingenommen: Es ist ein ständiger Begleiter, den man gerne ansieht und berührt. Ein Partner, der nachts neben einem liegt. Ein Freund, der unterhält, der zuhört und im richtigen Moment das Richtige zu sagen weiß. Wohl kaum eine Technologie hat unser Leben in der vergangenen Dekade so nachhaltig beeinflusst, wie der tragbare Minicomputer, mit dem man in der Regel vieles tut, außer telefonieren.

Das Smartphone hat unsere Kommunikation verändert. Unsere Nachrichten, die wir damit verschicken, sind oft nur noch rudimentäre Textbausteine, Abkürzungen oder Emojis, die mit einer Grafik eine komplette Gefühlslage ausdrücken. Das Smartphone hat unser Leben schneller und bequemer gemacht und uns gleichzeitig ein Stück weit versklavt, unsere Konzentrationsfähigkeit erwiesenermaßen verringert und unsere Aufmerksamkeitsspanne deutlich geschmälert. Der Blick auf das Telefon ist für viele Menschen zur Gewohnheit geworden, in der Regel oft viele Male pro Stunde, egal wann und egal wo.

So ist das Smartphone Segen und Fluch in der Größe eines Handtellers. Eine Entwicklung, die so rasant vonstatten ging, dass   sie als kulturelle Revolution bezeichnet werden kann.

Die Revolution des iPhones 

Dabei verlief der Übergang vom herkömmlichen Mobiltelefon zum Mini-Tablet fließend, die ersten Smartphones gab es schon Mitte der 90er-Jahre mit dem von BellSouth und IBM in den USA vertriebenen „Personal Communicator“ Simon. Simon war ein klobiges, extrem kontrastarmes Brikett, dessen Mitfuhr in der Hosentasche undenkbar war – der Klotz wog 500 Gramm. Der Akku hielt eine Stunde, doch der Minicomputer verfügte bereits über die Möglichkeit, Zusatzprogramme zu installieren, also Apps.

Der Durchbruch für das Smartphone kam erst über zehn Jahre später und war Apple beschieden. 2007 kam das erste iPhone auf den Markt und machte Apple zu einer der wertvollsten Marken der Welt. Auch mithilfe deutschen Designs. So gab Apple-Boss Steve Jobs zu, viele seiner Anregungen aus den Arbeiten des deutschen Industriedesigners Dieter Rams erhalten zu haben. Böse Zungen behaupten auch, schamlos kopiert träfe es besser.

Anderthalb Milliarden iPhones hat der Konzern mittlerweile verkauft, und Apple ist mit dem Gerät gelungen, was Steve Jobs zuvor schon mit seinem Computer gelungen ist: Man will das Gerät besitzen, es berühren. Das Smartphone wurde zum Luxusartikel, dessen haptischer Erotik und der intuitiven Bedienung man sich nur schwer verweigern kann – wir wischen, tippen, streicheln, als ob es kein Morgen gäbe.

Digital Detox

Doch was Spaß machen sollte und zumeist auch tut, hat längst den Charakter einer Sucht angenommen. Das wissen nicht nur viele Smartphone-User, auch Mediziner finden diesen Aspekt alarmierend: „Das Handy kontrolliert uns, und diese Kontrolle müssen wir wiedererlangen. Die meisten Menschen sind sich auch durchaus bewusst über die negativen Seiten ihres Handykonsums: In den öffentlichen Verkehrsmitteln blickt jeder Zweite auf sein Smartphone. Im Restaurant oder Café liegen die Geräte auf dem Tisch, und man kontrolliert ständig, ob Nachrichten oder Anrufe eingegangen sind. Dabei ist es genau andersherum. „Das Smartphone kontrolliert uns. Das ist ein ganz klassisches Suchtverhalten. Sobald man auf sein Smartphone blickt oder auch nur daran denkt, schüttet das Gehirn das Stresshormon Cortisol aus“, sagt Markus Moser, Mediziner am Helios Prevention Center.

Digital Detox heißt das Zauberwort: Die Sucht ausschleichen durch bewussten Konsum. Das bedeutet auch, das Smartphone ein bis zwei Stunden vor dem Zubettgehen wegzulegen. Denn das vermehrt ausgeschüttete Cortisol führt „zu negativen Effekten. Das fängt bei klassischen Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen an und kann bis zu Herzinfarkten und Demenz führen“, so Moser. Sein Rat: Regelmäßige Pause vom geliebten Minicomputer. „Legen Sie es bewusst zur Seite oder lassen Sie es einfach mal daheim.“ Ein Gedanke, der vielen Menschen absurd vorkommen wird.