Corona-Konversion: Mitarbeiter des Automobilzulieferers Zettl produzieren Mundschutzmasken. 
Foto: dpa/Armin Weigel

Wie kann man die geltenden Beschränkungen für Gesellschaft und Wirtschaft allmählich lockern und gleichzeitig die medizinische Versorgung in der Corona-Krise sichern? Zu dieser Frage melden sich Wissenschaftler von etwa zehn deutschen Universitäten und Forschungsinstituten zu Wort. Unter dem Titel „Die Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie tragfähig gestalten“ haben sie am Freitag einen Stufenplan für die Zeit nach dem Shutdown vorgestellt.

Corona-Maßnahmen haben auch gravierende medizinische Folgen

„Die aktuellen Beschränkungen sind sinnvoll und zeigen erste Wirkung“, sagte der Mediziner Martin Lohse, Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) und einer der Koordinatoren der Veröffentlichung. Allerdings hätten die Maßnahmen neben hohen wirtschaftlichen und sozialen Kosten auch gravierende medizinische Folgen, zum Beispiel für Patienten mit anderen schweren Erkrankungen wie Krebs, Herz-Kreislauf- und Autoimmunerkrankungen.

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„Weil wir damit rechnen müssen, dass die Pandemie uns noch viele Monate beschäftigt und letztlich nur unser Immunsystem uns schützen kann, brauchen wir eine flexible, nach Risiken gestaffelte Strategie“, sagte Lohse. Einen einsetzbaren Impfstoff sehen die Autoren des Papiers zwar noch in weiter Ferne. Aber ein genereller Shutdown ist für sie keine langfristige Lösung.

Shutdown-Kosten bisher: 150 bis 260 Milliarden Euro

Die Forscher berechneten, dass die Kosten der verloren gehenden Wertschöpfung bereits bei einem einmonatigen Shutdown bei 150 bis 260 Milliarden Euro liegen. „Gesundheit und eine stabile Wirtschaft schließen sich keineswegs aus“, sagte der Ökonom Clemens Fuest, Präsident des Münchener Ifo-Instituts und ebenfalls Koordinator der Publikation. Eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen müsse sich am jeweils aktuellen Risiko orientieren, heißt es in den Empfehlungen, an denen 14 Wissenschaftler mitgewirkt haben.

Ziel sei es, „die erneute rasche Ausbreitung des Erregers weitgehend zu unterbinden, sodass gleichzeitig die natürliche Immunität der Bevölkerung langsam ansteigt“. Wichtig seien großflächige Tests, um einen Überblick über die wirkliche Ausbreitung des Coronavirus zu erlangen. Ein Screening müsse auch außerhalb akkreditierter medizinischer Labors möglich sein, fordern die Wissenschaftler.

Nationale und regionale Corona-Taskforces

Sie schlagen die Einrichtung einer bei der Bundesregierung angesiedelten nationalen Corona-Taskforce sowie regionaler Taskforces der Bundesländer vor. Darin sollen Experten gesellschaftlicher Gruppen zusammenwirken, um die Politiker bei ihrer Entscheidungsfindung zu beraten und zu begleiten. Dringend zu organisieren seien die massive Steigerung der Produktion von Schutzkleidung und -masken sowie die Sicherung von Produktionskapazitäten für Impfstoffe und Medikamente in Deutschland selbst.

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Die Maßnahmen müssten gestaffelt sein. Ausgangsbeschränkungen könnten aufgehoben werden, wenn Schutzmaßnahmen eingehalten würden: Abstand, Hustenetikette, Tragen von Mund-Nasen-Schutz. Treffen von kleineren Gruppen könnten folgen. Strikte Maßnahmen sollten aber weiter beim Besuch von Risikopatienten gelten.

Zuerst wieder geöffnet werden sollten Bereiche mit weniger gefährdeten Personen, etwa Kitas, Schulen und Universitäten. Auch Spiel- und Sportplätze könnten wieder geöffnet werden – vor allem für Betätigungen im Freien und unter Wahrung von Abstandsregeln.

Gastronomie besonders schwer einzuschätzen

Sehr vorsichtig und kontrolliert müsse man allerdings mit der Öffnung in der Gastronomie umgehen. Denn hier gebe es ein ständig wechselndes Publikum. Bei Betrieben sollte man differenziert vorgehen, so die Autoren des Papiers. Auch hier müsse man bei Bereichen mit niedriger Ansteckungsgefahr beginnen, etwa bei „hochautomatisierten Fabriken“.

Ansonsten sollte man nach und nach dort Betriebe wieder öffnen, in denen zusätzliche Hygienestandards – etwa nach dem Vorbild der Lebensmittelindustrie – eingeführt und eingehalten würden. „Hohe Wertschöpfung“, wie sie zum Beispiel Teile des verarbeitenden Gewerbes aufwiesen, sollte ein Kriterium für eine prioritäre Öffnung sein.

Die Wissenschaftler plädieren auch für ein regional unterschiedliches Vorgehen. So könnten zunächst Maßnahmen in Regionen gelockert werden, in denen es niedrige Infektionsraten, hohe Immunitätsanteile und freie Kapazitäten im Gesundheitssystem gebe.

70 prozentige Immunität der Bevölkerung in zwei Jahren?

Die Experten schätzen, dass das Gesundheitssystem im extremsten Fall etwa 600.000 neu Infizierte pro Woche verkraften könne, wenn man alle 30.000 Intensivbetten für Covid-19-Patienten nutze, was kaum realistisch sei. Nach etwa zwei Jahren würde dann eine 70-prozentige Immunität der Bevölkerung erreicht sein. Eine Expertenkommission soll auf der Grundlage weltweiter Erfahrungen einheitliche Therapieschemata entwickeln, um schwere Verläufe möglichst zu mildern.

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Über eine Symptomkontrolle per App oder eine zentral organisierte Verteilung von Pulsoxymetern zur Überwachung der Lungenfunktion könnte zum Beispiel schneller ermittelt werden, wer stationär aufgenommen werden muss. Die Behandlung sollte vor allem in nationalen Referenzzentren und speziellen Corona-Klinken erfolgen.

Alle Maßnahmen müssten berücksichtigen, dass jeder schwer Erkrankte versorgt, das Gesundheitssystem – vor allem die Intensivmedizin – nicht überfordert und gefährdete Gruppen besonders geschützt werden, schreiben die Autoren.

Für Berlin sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD) am Freitag im rbb-Inforadio: „Wir werden uns darauf einstellen müssen, dass wir zwar diesen Lockdown im Laufe des April, Mai dann sicherlich lockern müssen.“ Aber die Beschränkungen, Abstandsregelungen, die Veränderung der Lebensgewohnheiten – „ich fürchte, das wird uns das ganze Jahr über begleiten“. Wie viele Lockerungen es demnächst wieder geben werde, könne erst Mitte April seriös beurteilt werden.