Sabine Rennefanz

BerlinIn der vergangenen Woche druckte die New York Times die Namen von 1000 Menschen, die durch das Coronavirus gestorben sind. Die Zeitung räumte dafür die Titelseite frei. Insgesamt sind allein in den USA inzwischen mehr als 100.000 Menschen durch die Epidemie gestorben. Das sind 100.000 Väter, Mütter, Schwestern, Brüder, Onkel, Tanten, Omas und Opas. Das ist so viel Trauer. Wo geht die Trauer hin? Was macht das mit einem Land?

Als im September 2001 in New York 3000 Menschen starben, verwandelte sich die Trauer in Wut: Die Amerikaner starteten Kriege, führten Überwachungsmaßnahmen ein. Und heute? Präsident Trump habe am Wochenende Golf gespielt, las ich in der Zeitung.

Aber man sollte als Deutsche vielleicht nicht das Trauern anderer Länder bewerten. Deutschland, das Land, das besser als viele andere durch die Krise kommt und das sich diesen Erfolg der eigenen Überlegenheit zuschreibt, der medizinischen, wirtschaftlichen. Im Trauern sind die Deutschen nicht so gut, manche sagen unfähig.

Während ich das schreibe, sitze ich einem Hotel an einem See in Brandenburg. Wir hatten im vergangenen Dezember hier eine Woche gebucht. Ich hatte mir vorgestellt, dass wir tagsüber Ausflüge machen, auch mit meiner Mutter, die in der Nähe wohnt. Das Hotel hat ein Restaurant, das sie besonders mag.

Dann ist meine Mutter schlimm gestürzt. Dann kam die Pandemie. Alles wurde geschlossen. Wochen vergingen, ohne dass uns jemand sagen konnte, wann das Hotel wieder aufmachen würde. Meine Mutter war bettlägerig, wir besuchten sie nicht, um sie zu schützen vor einer möglichen Ansteckung. Wir hofften, es würde besser, wenn der Sommer kommt.

Seit vergangener Woche hat das Hotel wieder geworden, wir sind dort. Es ist allerdings ein seltsamer Urlaub. Ich gehe fast jeden Tag ins Krankenhaus, um meine Mutter zu besuchen. Mein Vater hatte mir eine SMS geschrieben: Mutti liegt auf der Palliativstation. Palliativ ist lateinisch und heißt ummantelnd. Um Heilung geht es nicht mehr. Das Wort passt nicht zu meiner quirligen, lebenslustigen Mutter.

Im Krankenhaus gab es noch keinen Corona-Fall, damit das möglichst so bleibt, soll man im Gebäude Mundschutz tragen und auf den korrekten Abstand achten. Nur ein Besucher pro Patient ist erlaubt.

Die Palliativstation liegt am Ende des Ganges, dahinter kommt nichts mehr. Ich betrete vorsichtig das Krankenzimmer meiner Mutter und stehe in der Mitte des Raums. Sie ist in den vergangenen acht Wochen um Jahre älter geworden. Meine Mutter freut sich, sie sagt meinen Namen und streckt ihre Hand aus. Es wäre das Normalste, sie zu drücken, doch es sind keine normalen Zeiten. Ich zögere und schaue mich um. Bin ich ein Risiko, eine Gefahr für meine Mutter? Dann sagt sie: „Komm her, ich habe die Schwestern gefragt, ob ich meine Tochter anfassen darf, und sie haben es erlaubt.“

Im Magazin New Yorker habe ich den Bericht eines jungen Mannes gelesen, sein Vater war in der Hochphase der Pandemie ins Krankenhaus gekommen, mit Corona-Verdacht. Besuche waren nicht erlaubt, die Krankenhäuser waren voll, die Ärzte kämpften. Der Sohn bekam SMS vom Vater, mit der Zeit wurden sie kryptischer, irgendwann kamen keine mehr. Der Sohn beschreibt, wie er verzweifelt versuchte, einen Arzt zu erreichen. Schließlich bekam er einen Anruf, sein Vater sei schon vor Tagen gestorben und bereits beerdigt.

Ich halte die Hand meiner Mutter und bin dankbar dafür.