TOCHTER: Wir lesen im Deutschunterricht gerade „Woyzeck“, ein echt interessantes Theaterstück von Georg Büchner. Es dreht sich um einen Stadtsoldaten, der sowohl vom Adel wie auch vom Bürgertum ausgenutzt wird. Dann betrügt ihn auch noch seine Freundin und es endet im Desaster. Er bringt seine Freundin um.

MUTTER: Das ist ja schon deutlich über hundert Jahre alt. Was findest du daran interessant?

Er ist gleichzeitig der Täter, aber auch das Opfer der Geschichte. Durch die Umstände, weil er von allen möglichen Leuten gepeinigt und so quasi zur Tat getrieben wird. Dann haben wir aber auch noch einen Text gelesen, der Büchner als Revolutionär beschreibt. Der Mord ist auch ein Protest gegen die Klasse, der die Figur ausgeliefert ist.

Literatur als Gesellschaftskritik, meinst du das?

Ja. Ich habe mir überlegt, dass Literatur früher viel revolutionärer, viel aufrüttelnder war. In jeder Epoche haben Schriftsteller versucht, etwas in ihrer Gesellschaft zu verändern. Da frage ich mich: Wo ist das alles geblieben in unserer heutigen Literatur? Wo ist der Wille, irgendetwas zu ändern in der Gesellschaft?

Wie siehst du denn die heutige Literatur?

Na, Literatur und Film sind auf Liebe und Drama ausgerichtet. Es gibt den Helden und die Heldin, und die kriegen sich oder auch nicht. Die wenigsten Serien sind gesellschaftskritisch. Meistens sind sie nur schlecht.

Aber diese Themen gab es früher auch. Liebe und Drama sind auch die Handlungsfelder in den Werken vergangener Jahrhunderte. Sie wurden natürlich anders genutzt, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse andere waren.

Aber Literatur hatte teilweise den Zweck, die Menschen zu bewegen und aufzurütteln. Das ist in der heutigen Literatur überhaupt nicht mehr vorhanden. Aber ich glaube, die Menschen wollen das auch gar nicht mehr. Sie wollen sich lieber hinsetzen, ein Buch aufklappen, eine Serie anschauen und an nichts mehr denken müssen. Das finde ich schade.

Ich glaube, das gab es früher auch. Es gab auch Seichtes und Kompliziertes, Tiefgründigeres. Es gab nicht so viel wie heute. Die riesige Bandbreite an Formaten und die unzähligen Werke. Es gab ja auch weniger Menschen, die gelesen haben zum Zeitvertreib. Und es gibt doch auch heute tiefgründige Texte, die sehr genau den Verhältnissen nachspüren. Es gibt nur mehr.

Aber durch die Medien, Film, Fernsehen und Streamingdienste kann man sie schwerer entdecken. Das, was der Großteil meiner Freunde so schaut, weil es angeboten wird, ist stumpf. Die Serien sind echt nicht gut. Gerade bei Serien wäre doch die Chance extrem hoch, Menschen auch zu bilden.

Gut, wenn schlechte Sachen dominieren, werden einfach nur Klischees transportiert. Das ist natürlich ärgerlich. Aber es gibt ja Tiefgründiges, Tolles, Neues. Es steht einem ja heute wirklich alles zur Verfügung. Wenn du sagst, früher war es besser, würde ich das massiv bestreiten. Ich glaube nicht, dass es besser war. Es gab weniger von allem. Ein Problem ist vielleicht die Überfülle und die ständige Möglichkeit, sich berieseln zu lassen.