Figuren in Form von menschlichen Föten, Kuman Thong, werden in einem Einkaufszentrum zum Kauf angeboten.
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BangkokNontawat Tongtammachad verkauft Liebestränke, Amulette und Buddha-Statuen. Doch die meisten seiner Kunden steigen wegen etwas ganz anderem in den dritten Stock eines heruntergekommenen Shoppingcenters in der thailändischen Hauptstadt Bangkok: Babyfiguren, die Wünsche wahr werden lassen sollen. Die mächtigsten von ihnen enthielten Stücke von toten Menschen, und dafür bezahlten Kunden bis zu 30.000 Baht (rund 860 Euro), erklärt der 45-jährige Ladenbesitzer.

„Als Buddhisten glauben viele Thais an Wiedergeburt“, sagt er. „Wir glauben, dass in einem Stück eines toten Menschen dessen Geist und Macht bleiben.“ Gleichzeitig hätten viele Thais auch Angst vor den Figuren, in denen dem Volksglauben nach der Geist der Toten lebt, sagt Nontawat. Deshalb stellten seine Kunden die Figuren oft neben eine Buddha-Statue in ihrem Haus. Das kontrolliere die Macht der Figuren, erklärt er. Und um sie glücklich zu stimmen, stellten ihre Besitzer Süßigkeiten und Getränke vor sie.

Der Glaube geht auf eine grausige Legende zurück, die Thailänder schon in der Schule lernen. Laut dem Gedicht des thailändischen Nationaldichters Sunthorn Pu (1786–1855) gab es einst einen Krieger, der eine schwangere Frau hatte, die ihn vergiften wollte. Er schnitt ihr den Bauch auf, riss den Fötus heraus, hielt ihn über ein Feuer und sprach Zaubersprüche. Darauf soll der Geist des Fötus seinen Vater überallhin begleitet, beraten und auf Schlachtfeldern vor Feinden gewarnt haben. Der Mann nannte den Geist Kuman Thong, was auf Thai „Goldenes Kind“ bedeutet.

Seither wollen etliche Thais ihren eigenen Kuman Thong. Bei der traditionellen Herstellung mixte man Körperflüssigkeiten toter Föten oder Babys in die Figuren, sagt Verkäufer Nontawat. Doch das ist heute illegal, heißt es von der Polizei. Ein Gesetz aus den 1970er-Jahren verbiete es, Leichen zu entweihen, und darunter falle diese Herstellungsart.

Mönche, die die Figuren meist herstellten, hätten sich angepasst, sagt der Ladenbesitzer. Sie würden inzwischen auch andere Teile von Toten zur Herstellung nehmen – auch von toten Erwachsenen. Die Polizei gewährt nach eigenen Angaben einigen Tempeln Ausnahmegenehmigungen: Sie dürften Asche von kremierten Verstorbenen benutzen, wenn deren Familien zustimmen.

Mönch Phra Anuchit Upanan zeigt den Kern der Figur – er soll die Asche menschlicher Überreste enthalten.
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Einer der Tempel, von dem Nontawat seine Babyfiguren bezieht, heißt Wat Samngam. Er befindet sich am Rande von Bangkok und gehört zu den größten Herstellern. Dort nutzen sie die Asche bedeutender Menschen, etwa hochrangiger Polizisten und Dorfvorsteher, sagt Mönch Phra Anuchit Upanan, der seit mehr als 20 Jahren dort lebt. „Das macht die Kuman Thong heiliger.“ Sie mischten der Asche auch Dreck von sieben Friedhöfen bei.

Im Laden von Nontawat gibt es auch Figuren ganz ohne menschliche Teile, die es für Leute mit kleinerem Budget bereits ab 300 Baht oder 8,60 Euro zu kaufen gibt. Bei deren Herstellung wird beispielsweise Harz verwendet; dem Volksglauben nach bewohnt dann etwa der Geist von Pflanzen oder Bäumen die Figuren.

Doch nach wie vor versuchen Leute, die Figuren auch auf die traditionelle Art herzustellen. Wie oft das vorkommt, weiß die Polizei nicht. Entsprechende Ermittlungen seien schwierig, heißt es. Ab und zu berichten örtliche Medien über besonders spektakuläre Verhaftungen. 2018 etwa stahlen Räuber elf tote Babys von einem Friedhof. Die Leichen wurden mit weißem Faden gefunden – ein Indiz dafür, dass mit ihnen ein Ritual durchgeführt wurde, das dem Volksglauben nach nötig ist, um den Geist für die Kuman Thong zu beschwören.

Das Ganze ist durchaus ein einträgliches Geschäft. 2012 nahm die Polizei eine Bande fest, die eine Abtreibungsklinik betrieben hatte und aus den toten Föten die begehrten Kuman Thong herstellte, um sie zu verkaufen. Im selben Jahr ergriffen die Ermittler einen Mann, der sechs Babyleichen gebraten, tätowiert und mit Goldblättern bedeckt hatte – er verlangte umgerechnet 5500 Euro für diese quasi-religiösen Präparate.

Die Kinderengel, Luk Thep, sind hyperrealistische Puppen, die gefüttert, getränkt und angezogen werden müssen.
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Eine deutlich modernere und vor allem legale Form der Totenbeschwörung sind die Luk Thep, die Kinderengel: hyperrealistische Puppen von Kindern. Ihre magische Kraft erhalten sie, indem ein buddhistischer Mönch sie segnet und auf diese Weise den Geist eines Kindes einhaucht. In Bangkok werden immer häufiger erwachsene Besitzer von Luk Thep gesehen, die ihre Puppen füttern, tränken und anziehen – in der Hoffnung, als Gegenleistung das große Glück zu erfahren. Fast so wie bei einem lebendigen Kind. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, bei dem niemand sterben muss. (mit schl.)