Menschen aus Ost und West stehen gemeinsam auf der Berliner Mauer. 
Foto: AP Photo, File

BerlinUnerwartete Freude, Ungläubigkeit, Widerwillen:  Leser aus Deutschland und Großbritannien haben uns im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts von Berliner Zeitung und Times London geschrieben, wie sie den Jahrhunderttag vor dreißig Jahren erlebt haben. Hier eine Auswahl.

Einfach nur fassungslos ob der unerwarteten Freude

Im Osten aufgewachsen, bin ich wenige Monate vor der Grenzöffnung über die grüne Grenze nach Österreich gekrochen. Am Abend des 9. November hatte ich Spätschicht als Dispatcherin beim Taxifunk in Schöneberg. Äußerungen der Fahrer über die Öffnung nahm ich wahr, aber nicht ernst. Dennoch bin ich nach der Schicht mit meinem ersten West-Auto, einem giftgrünen Opel Kadett C, zur Sonnenallee gefahren. Und da waren sie, die taumelnden Menschen. Meine Gefühle waren nicht zu beherrschen, vor allem, als ich Freunde traf, die ich kurze Zeit zuvor „für immer“ verlassen hatte. Wir sind mit dem Auto zum Kudamm. Diese Nacht habe ich weder als Ost- noch als Westberlinerin erlebt. Ich war einfach nur fassungslos ob der unerwarteten Freude, die mich auch heute bisweilen plötzlich überkommt.

Regina Webert,

Berlin-Köpenick

Endgültige Manifestation des Endes des Kalten Kriegs

Als die Mauer fiel, war ich zu Hause in Großbritannien. Ich sah es mir im Fernsehen an und weinte vor Freude. Für mich bedeutete es die endgültige Manifestation des Endes des Kalten Kriegs. Der war in den Köpfen jedes Kindes, das in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg aufwuchs, immer präsent. Der Feind war endlich nicht mehr da. Berlin ist heute ganz anders, manchmal unkenntlich. Ich habe jedoch mein Stückchen Mauer. Eine Erinnerung an etwas, das wir nie wieder zulassen sollten.

Keith Riley,

Großbritannien

Neben Freude kam Angst auf: Was passiert jetzt?

Als DDR-Bürger haben wir den Mauerfall auf der anderen Seite der Grenze beim 80. Geburtstag meines Onkels in Essen erlebt. Diese Reise war überraschend genehmigt worden. Als Pfand, dass wir wieder zurückkommen, mussten wir unsere zwei Kinder zurücklassen. Am 9. November bei der Geburtstagsfeier brach Unruhe aus, es wurde geflüstert, irgendetwas ist mit der Mauer in Berlin los, sie wird gestürmt. Neben der leichten emotionalen Freude kam bei uns Angst auf, was passiert jetzt? Wird man die Grenze wieder dicht machen und wir kommen nicht zurück zu den Kindern? Eine Telefonverbindung zu unseren Eltern kam auch am nächsten Tag nicht zustande. Nach der Grenzkontrolle in Berlin haben wir uns aber auch von der Freude der anderen anstecken lassen. Dann fuhren wir schnell nach Hause zu den Kindern.

Sonja und Andreas Loboda,

Panketal

Wichtig ist, dass wir die Wende als Geschenk annehmen und uns angesichts vieler Hindernisse  und Zweifel nicht behindern lassen, das Schöne in ihr zum Tragen zu bringen.

Silke Tünnermann, Hamburg

Verwundert verfolgte ich Nachrichten und Bilder

Ich saß mit meinem zwei Monate alten Sohn im Wohnzimmer in Westdeutschland und stillte ihn. Verwundert verfolgte ich die Nachrichten und Bilder im Fernsehen und eine Hoffnung erfüllte mich, dass meine Kinder nun in eine gute Zukunft wachsen würden.

Mein Sohn bedauert es heute, dass er diese Zeit nicht bewusst miterleben konnte. Aber er ist ein politisch sehr interessierter Mensch geworden. Vielleicht hat diese Zeit dazu beigetragen!

Barbara Weckwerth, 

per E-Mail

Meine neu gefundene Freiheit

Ich bin in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen. In der Nacht vom 9. November arbeitete ich in der Nachtschicht beim Ost-Berliner Rundfunk. Meine Aufgabe war es, Aufnahmen von politisch sensiblen Themen wie Interviews mit Dissidenten und dergleichen niederzuschreiben. Ich saß allein in meinem Büro und wartete darauf, dass die Journalisten Aufnahmen zum Abtippen mitbringen. Die Nachricht habe ich zuerst über RIAS Berlin gehört. Plötzlich hörte ich Schreie und Schreie. Der Moderator sprach sehr aufgeregt über die Leute, die auf die Berliner Mauer klettern. Da stürmte ich in den Raum der Journalisten und sah es im Fernsehen. Die ganze Nacht bis in den Morgen hinein hatte ich viel Arbeit. Nach Hause konnte ich nicht gehen, um zu schlafen, es war zu wichtig, sofort zur Grenze zu gehen. Mit 19 Jahren waren meine Prioritäten weniger politisch, eher finanziell. Als Erstes ging ich mit meinem Pass in eine West-Berliner Bank und ließ mir mein Willkommensgeld auszahlen: 100 Westmark. Ich habe mir damit etwas absolut Fabelhaftes gekauft. Mit meiner neu gefundenen Freiheit gehörte die Welt mir. Der erste Schritt führte zur Arbeitssuche nach West-Berlin, dann später nach Frankfurt am Main und vor 21 Jahren nach London.

Kerstin Müller

London

Zwei Personen stehen auf Leitern und gucken über die Berliner Mauer.
Foto:  imago stock&people

Eine Spannung lag in der Luft

Am Abend des 9. Novembers gab es ein großes Treffen der DDR-Opposition mit Vertretern etablierter und neuer Parteien in der Französischen Friedrichstadtkirche. Ich gehörte zu denen, die kurz vor Beginn der Veranstaltung noch rauchend vor der Tür standen. Günter Gaus (†) stieß zu den Wartenden, erzählte, was Schabowski auf der Pressekonferenz im DDR-Pressezentrum gesagt hatte: Die DDR macht die Mauer auf! Trotzdem sind wir alle zu der Veranstaltung gegangen. Als ich gegen 22 Uhr nach Hause kam, lief die Mauer-Berichterstattung im Fernsehen auf vollen Touren. Kurz entschlossen machten wir uns ebenfalls auf den Weg. Als wir zur Grenze kamen, ging der Schlagbaum gerade hoch. Es war übrigens ganz still, eine Spannung lag in der Luft. Alle gingen langsam weiter, immer weiter. Auf der Brücke standen Leute mit Sektflaschen, die uns begrüßten. Drüben standen schon Busse. Die meisten Leute stiegen an der Osloer Straße in die U-Bahn um, die knallvoll war und die zum Zoo führte. Auf den Bahnhöfen überall ungläubig staunende Leute. Am Kurfürstendamm trafen wir zufällig Freunde, die einige Zeit vorher in den Westen gegangen waren. Außerdem wurde uns dauernd etwas zugesteckt, wie eine 10-DM-Gedenkmünze.

Helmut Lück,

Berlin-Prenzlauer Berg

Am Grenzübergang Oberbaum- brücke umarmte eine Frau mit Rose in der Hand einen der jungen Grenzer, fasste seine Hand.

Jochen Hauser, Berlin-Mitte

Das Original-Bild würde ich nie sehen

Im Jahre 1983, ich war im dritten Monat schwanger, entdeckte ich im Berliner Kaufhaus am Alexanderplatz ein Bild. Darauf ein kleines Mädchen von vier Jahren. Ich habe mich sofort in das Bild verliebt und es für 20 DDR-Mark gekauft. Die Informationen zu dem Bild namens „Miss Willoughby“ standen auf der Rückseite. Das Original von George Romney hing in der National Gallery of Art Washington in den USA, weswegen ich dem Aufenthaltsort keine Bedeutung beimaß. Trotz meines Berufs als Stewardess bei Interflug war ich mir sicher, dass es viele Länder auf der Erde gibt, die ich nie besuchen würde. Im Februar 1984 kam mein Sohn auf die Welt und das Bild in sein Kinderzimmer. 27 Jahre später brachte er es mir zurück. Plötzlich war alles wieder da, meine freudigen Gefühle beim Kauf, aber auch die Erinnerung an den Gedanken, dass ich das Original wohl nie sehen würde. Als Flugbegleiterin, inzwischen bei Lufthansa, war es kein Problem, sofort für den nächsten Monat einen Flug nach Washington zu beantragen. Unterwegs erzählte ich meinen Kollegen die Geschichte von Miss Willoughby. Einige waren von der Geschichte so begeistert, dass sie mich in das Museum begleiteten. Ich war aufgeregt wie ein Kind kurz vor der Bescherung zu Weihnachten. Mein Herz schlug bis zum Hals. Plötzlich stand ich vor meinem Bild wie vor einer alten Bekannten, die ich lange nicht gesehen habe und mir doch tief vertraut ist. Davor stand eine Bank, ich setzte mich und versank in dieses für mich so schöne Bild. Durch meinen Kopf schwirrten die Erinnerung an den Kauf, die Freude an meinem Kind und was in so kurzer Zeit in der deutschen Geschichte Unvorstellbares passiert war. Meine Freudentränen fühlten sich so gut an. Wochen später besuchte ich auch mit meinem Sohn unsere Miss Willoughby.

Ute Stöckel,

Berlin-Köpenick

Mischung aus Erstaunen und Widerwillen

Wir hatten Besuch, verbrachten den Abend plaudernd bei uns zu Hause. Die Bilder im Fernsehen vom Fall der Mauer betrachteten wir mit einer Mischung aus Faszination, Erstaunen und Widerwillen gegen die zu vielen geschmacklosen Bananenübergaben. Am nächsten Morgen standen plötzlich unsere Leipziger Verwandten vor der Tür: Ein Ehepaar mit drei Kindern, das sich morgens um sechs aufgemacht hatte, um zum ersten Mal nach West-Berlin zu fahren. Diese Familie war für uns immer ein Vorbild gewesen: kirchlich gebunden, im Sozialismus kritisch und standhaft, der Vater Ingenieur und ehemaliger Bausoldat, die Mutter Lehrerin wie ich. Bei Besuchen in Leipzig erschien uns das Leben dort stets sozialer, bescheidener, wirtschaftlich ärmer. In Anbetracht unserer Berliner Skepsis der westdeutschen Politik um Helmut Kohl gegenüber doch immerhin eine gesellschaftliche und politische Alternative, die zu reformieren und zu verändern sich lohnen könnte. Nun also der freie Fall, von dem wir ahnten, dass er das Ende der gesellschaftlichen Utopie vom gelebten Sozialismus bedeuten würde. Als die Familie nach dem Frühstück aufbrach, kamen aus dem gegenüberliegenden Wohnhaus in Nähe der von Amerikanern genutzten Kaserne „Amis“ und gratulierten. Beim Einstieg in den Trabi bemerkte der ältere Junge, dass er in einen der großen Hundehaufen getreten war, die damals noch reichlich auf den Gehwegen platziert waren. Schreck und Aufschrei! Der Teenager aber sagte grinsend: „Wenigstens ist es West-Scheiße!“ An diesen Ausspruch haben wir in den folgenden Jahren noch oft denken müssen. Vielleicht lag doch mehr Symbolik in diesem kleinen Unglück, das wir lachend, aber doch mühsam, beseitigten.

Utta Winter,

Berlin-Lichterfelde

Mein Mann und ich bekommen noch heute eine Gänsehaut, wenn wir uns daran erinnern.

Petra Geißler-Joost, per E-Mail

Sie begrüßten uns freundlich und jubelnd

Aus den ARD-Tagesthemen um 22.30 Uhr erfuhren wir, dass am Grenzübergang Sonnenallee die DDR-Bürger problemlos passieren konnten. Unsere Töchter, damals 18 und 20 Jahre alt, kamen gerade von Kino und Theater und reagierten sofort: „Wir fahren hin, mal sehen, was da los ist.“ Auf der Mauer standen viele Westberliner, die uns freundlich und jubelnd begrüßten. Wir wurden herzlich empfangen und bekamen jeder ein Glas Wein und Stollen. Ein nettes Ehepaar sprach uns an. Wir fragten nach dem Kurfürstendamm und wurden in ihr Auto eingeladen. Am noch leeren Kudamm hielten wir. Wir warfen einen Blick ins Big Eden, besichtigten die Wasseruhr im Europacenter. Gegen 2 Uhr war der Kudamm vor Menschenmassen kaum noch zu sehen. Das Hupkonzert war unbeschreiblich. Die Ereignisse dieser Nacht werden wir nie vergessen. Besonders beeindruckend war die Gastfreundschaft, die aufrichtige Freude, mit welcher wir Ostberliner von den Westberlinern empfangen wurden. Einfach überwältigend! Mit dem Ehepaar von damals sind wir bis heute befreundet. 

Barbara Winkelmann,

Berlin-Johannisthal

Diese Stunden werde ich nicht vergessen

Wir hatten im Radio gehört, dass die Grenzen auf waren und fuhren mit unserem Lada um 2 Uhr zum Übergang Heinrich-Heine-Straße. Dort stempelten die verunsicherten Grenzbeamten unsere Personalausweise und ließen uns ohne jede Kontrolle passieren. In der Nähe des Bahnhofs Zoo stellten wir das Auto ab und lagen uns weinend und lachend in den Armen. Diese Stunden werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Und Tante Lieselotte wird die frühen Morgenstunden auch nicht vergessen haben. Auf der Rückfahrt kam ich auf die Idee, dass wir sie überraschen könnten, da sie im Westen Nähe der Heinrich-Heine-Straße wohnte. Gegen 6 Uhr drückten wir den Klingelknopf der Haustür, aber der Summer ertönte nicht. Als eine Frau aus dem Haus ihren Hund Gassi führen wollte, gelangten wir in das Treppenhaus und klopften an der Wohnungstür, weil die Klingel abgestellt war. Nach längerem Pochen stand uns Tante Lieselotte verschlafen im Morgenrock gegenüber und glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können. Sie war früh schlafen gegangen und hatte das scheinbar Unmögliche ganz einfach verschlafen. 

Edelgard Serick,

per E-Mail

Vom Westen war ich erstmal enttäuscht

Am Grenzübergang Bornholmer Straße ging es unproblematisch nach West-Berlin rein. Im Wedding in der ersten Kneipe gab es Freibier, alle feierten. Vom Westen war ich erstmal enttäuscht, weil die Häuser ziemlich alt aussahen und es so gar keinen Unterschied gab. Um 4 Uhr machte ich mich auf zur Arbeit als Kfz-Mechaniker. Blöderweise hatte ich völlig die Orientierung verloren, da der Ost-Berliner natürlich nicht wusste, wo die Grenzübergänge waren. Also ließ ich mich im Taxi ans Brandenburger Tor fahren. Ich ging auf die Mauer zu, welche oben voll besetzt mit Menschen war. Sofort zogen mich die Leute dort hoch. Das war krass. Auf der Ostseite bin ich runtergeklettert. Mir kamen sofort zwei bewaffnete Grenzsoldaten entgegen, die mich wieder zurückschicken wollten. Ich ließ mich aber nicht abwimmeln und argumentierte was von Pflichtbewusstsein. Die beiden Soldaten wirken hilflos und brachten mich zum Kommandeur. Der fragte streng, ob ich auf der Mauer was beschädigt hätte. Dann durfte ich passieren und durch das Brandenburger Tor gehen. Es war ein sehr überwältigender Augenblick für mich und ich war völlig geflasht, hatte dieses unbeschreibliche Glücksgefühl.

Torsten Schmidt, 

per E-Mail

In 30 Jahren Wieder- vereinigung konnten wir alle Chancen und Möglichkeiten im beruflichen sowie privaten Leben nutzen

Thomas Panzer, per E-Mail

Grüner Stempel in meinen Personalausweis

Wer an diesem Tag dabei war, wird es nie vergessen. Ich hatte die Pressekonferenz im Fernsehen verfolgt. Danach setzte ich mich in meinen Trabant und fuhr in die Heinrich-Heine-Straße. Ich lief direkt auf den Grenzübergang zu. Alles war dunkel. Mein Weg führte zum Wachhaus auf dem Bürgersteig. Neben mir lief plötzlich ein sehr großer Mann, vor uns stand an der Eingangstür ein Grenzer. Er öffnete die Tür der Wache und ließ uns eintreten. Wir standen am Schalter der Grenzwache und mussten unsere Personalausweise rüberreichen. Wir wurden genau gemustert und plötzlich bekam ich den grünen Stempel in meinen Personalausweis geknallt. Es war noch keine 20 Uhr und wir standen wieder auf dem Bürgersteig, liefen auf eine Stahltür in der Mauer zu. Dann standen wir vor der großen Stahltür und es war totenstill. Wir haben uns gefragt, ob wir die Tür öffnen sollen. Wir taten es und es wurde Licht. Vor uns standen eine Menge  Menschen mit Gläsern in den Händen. Sie begrüßten uns mit Umarmungen. Ich wusste nicht, wie mir geschah. 

Horst Peter Sadlowski,

Kassel

Oben rechts im Personalausweis von Horst Sadlowski ist der Ausreisestempel.
Foto: Privat

Alles geschah so friedlich

Meine Patentante aus England kam am 9. November 1989 auf dem Flughafen Tegel an. Wir konnten sie aber als Ost-Berliner aufgrund der innerdeutschen Grenze/Mauer nicht abholen. Abends hatten wir uns viel zu erzählen, also blieben Radio und Fernsehen aus. Am nächsten Morgen sind wir früh mit dem Auto losgefahren, um sie nach Sebnitz zu ihrer Mutter zu bringen. Die Autobahn war Richtung Dresden fast leer, aber Richtung Berlin war mächtig was los, was uns doch sehr wunderte: Autos hupten ununterbrochen und Fahnen wurden geschwenkt. Autoradio war damals noch nicht üblich, so dass wir erst in Dresden vom Mauerfall erfuhren. Wir konnten es kaum fassen, die Freude war groß. Dass alles so friedlich und ohne militärischen Einsatz geschah, machte uns froh und glücklich. Drei Wochen später holten wir die Tante wieder ab und konnten sie diesmal selbst zum Flughafen Tegel bringen. 

Annemarie Mehle, 

per E-Mail

Die bunte Seite der Mauer

Nach kurzem Zögern sind wir dann einfach über die Brücke am Grenzübergang Bornholmer Straße gegangen. Was für ein surrealer Moment. Fast drüben drehte ich mich um und sah zum ersten Mal die bunte Seite der Mauer, mit ihren Graffitis und Schriftzügen. Ich kannte bis dahin nur die einheitlich graue Version dieses Bauwerkes. Die Gelegenheit zum Betrachten hatte man immer ausgiebig auf der Fahrt mit der S-Bahn von Schönhauser Allee bis nach Pankow. Die S-Bahn fuhr dann in höchstem Tempo mitten durch den Grenzstreifen und unterquerte dabei jedes Mal auch die Bornholmer Brücke. Auf der anderen Seite war noch nicht so viel los. An einer Endhaltestelle der BVG stand ein Doppeldecker-Bus und der Fahrer forderte die Menschen auf, einzusteigen. Die Leute trauten sich nicht und sagten, sie könnten eine Busfahrt nicht bezahlen. Der Busfahrer meinte dann nur: „Ejal, los, alle rin.“ 30 Jahre sind seitdem vergangen und meine persönliche Bilanz ist positiv. Meinen Beruf als Bauingenieur konnte ich bis heute immer ausüben. Trotz teilweise großer Veränderungen hatte ich die Möglichkeit, aus eigener Kraft mein Leben neu zu gestalten und meine Träume zu verwirklichen. 

Uwe Fechner, 

Berlin-Treptow

Meine Schwester rief mich kurz nach 22 Uhr an und teilte mir mit, dass die Grenzen auf sind. Ich war sehr erregt, weckte meinen damals 14-jährigen Sohn. Meine Frau war gelassen, ging nicht mit, weil sie am nächsten Tag ausgeschlafen zur Arbeit wollte. Unsere Tochter hat es uns noch wochenlang verübelt, dass wir sie nicht geweckt haben und sie damit die geschichtsträchtige Nacht verschlafen hat. Mein Sohn und ich erreichten den Übergang Oberbaumbrücke gegen 23.30 Uhr. Neben uns warteten noch circa fünfzig bis sechzig Personen in angespannter Ruhe. Rufe wurden laut, den Übergang zu öffnen. Dann kamen Grenzposten und verteilten Zollerklärungen, die jeder ausfüllen musste. Ordnung musste sein. Dann um Mitternacht wurden die Türen geöffnet. Ganz ordentlich wurden Personaldokumente und Zollerklärungen mit einem Stempel versehen. Wir überquerten die Oberbaumbrücke. Auf der Kreuzberger Seite standen einige noch sehr ungläubige Menschen zur herzlichen Begrüßung. 

Reinhard Dirks, 

Falkensee

Reinhard Dirks 1989 am Brandenburger Tor
Foto: Privat

Keiner wusste genau, was hier vor sich geht

Wir sind zu dritt, mein Bruder, der Lebensgefährte meiner Mutter und ich, mit dem Trabi meines Bruders über Wisbyer Straße in Richtung Bornholmer Brücke gefahren. Die Gehwege waren voller Menschen. Nie werde ich das Geräusch von tausenden Füßen vergessen. Wir kamen dann noch bis Höhe Andersen-Straße. Zu dieser Zeit war die Grenze aber noch zu. Wir warteten am Auto, so wie viele Tausende, obwohl keiner genau wusste, was hier vor sich geht. Und dann nahm der Abend seinen Lauf, für mich immer noch so ein Glücksfall: dann zu Fuß mit den Massen rüber. Ich weiß noch, dass ich über umgelegte Absperrgitter trampelte! Ich bin heute nach 30 Jahren immer noch dankbar, dabeigewesen zu sein. 

Mario Klepka, 

Hohenschönhausen

„Vergesst uns nicht“, hatte eine Frau zu mir gesagt

Ich habe die Nachricht, dass in Berlin die Mauer gefallen ist, in Amsterdam nach einem Chorkonzert mit dem Konzertchor Düsseldorf erhalten. Wir holten die Piccolos, umarmten uns und weinten vor Freude. Anfangs konnten wir es gar nicht fassen, dass etwas in Erfüllung gegangen ist, was wir uns so sehr gewünscht hatten. Denn ein halbes Jahr davor war der Chor auf Tournee auch in Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Wir sangen dort als erster westdeutscher Chor den „Lobgesang“ von Mendelssohn Bartholdy. Einige Zuhörer hatten Tränen in den Augen. Nach dem Konzert standen draußen am Ausgang viele Ost-Berliner, die uns um Autogramme baten, nur um ein paar Worte mit uns wechseln zu können. „Vergesst uns nicht“, hatte eine Frau zu mir gesagt.

Heidel Zentawer, 

(gebürtige Berlinerin)

Urlaub oder Ausgang gab es keinen für Wehrpflichtige

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 war ich im Wehrdienst eingeteilt zur Wache im Stabsgebäude. Der diensthabende Offizier im Nachbarzimmer hatte den Fernseher an und ich entnahm dem Nachrichtensprecher noch vor Mitternacht die Worte: Die Mauer ist geöffnet. Somit war ich live dabei, aber dann doch so weit weg und völlig ungläubig der gehörten Worte. In den folgenden Tagen und Wochen versuchte die militärische Führung krampfhaft, die Ruhe zu bewahren. Wir mussten in den Kasernen bleiben. Urlaub oder Ausgang gab es keinen in der Grundausbildung. Auch die Personalausweise waren eingezogen.

Ulf Kaplan,

Potsdam

Deutschland-Fahnen: Für mich war das alles skurril

Ich selbst arbeitete damals bei einem großen Industrie-Unternehmen in Berlin-Mariendorf. Am 9. November 1989 machte ich mich zur Dienstreise nach München, zu einer Elektro-Fachmesse auf.  Ich schlief bei meiner Tante. Am nächsten Morgen, dem 10. November, machte mich meine Tante dann beim Frühstück darauf aufmerksam, dass die Grenze offen sei. Ich nahm das mehr zur Kenntnis, als dass es mir bewusst wurde. Auf der Messe selbst wurde ich angesprochen, warum ich als Berliner denn nicht zu Hause sei. Auch diese Einlassungen ignorierte ich und befasste mich mehr mit dem Beruflichen, wofür ich ja dort war. Abends auf dem Flughafen schwenkten Menschen die Deutschland-Fahne. Für mich war das alles skurril. In Tegel angekommen, ging ich zum Parkhaus und fuhr los. Als ich dann Richtung Stadtautobahn die ersten Trabis sah, wurde mir erst bewusst, dass sich wirklich etwas getan haben musste. Die nächsten Tage ergoss sich ein immerwährender Freudentaumel über Berlin. 

Rainer Szymanski, 

Grünheide