Wodka gilt vielen Russen als Wasser der Wahrheit, der Alkoholpegel als Messlatte der Männlichkeit.
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MoskauDer Erste, der mir reinen Alkohol eingeschenkt hat, war Mischa (Namen von der Redaktion geändert). Medizinischer Alkohol, mit Wasser verdünnt, in Moskau, am zweiten Neujahrstag 1991. „Trink, wenn du dich traust!“, sagte er. Ich habe eine Teetasse geschafft und mich übergeben. Später gestand Mischa mir, ich sei ihm unsympathisch gewesen, er wollte mir eins auswischen.

Wir haben noch viel zusammen getrunken, Wein, Wodka, Kognak, meist harte Sachen. Mischa wurde mein Freund, ich war stolz darauf. Mischa war einer, den alle mochten, ein Typ mit den breiten Schultern und dem Grinsen Mel Gibsons. Mischa hatte Charisma, er war Maler.

Wenn er trank, begann er von den riesigen, bunten Fischen zu erzählen, die er damals malte, von ihren Körpern, ihren Seelen und Gedanken. Dabei rauchte er eine Zigarette nach der anderen, redete, trank weiter, aber sein Blick und seine Stimme blieben fest. Im Rausch schien er neue Lösungen für seine Leinwand zu entdecken.

Laut den neuesten staatlichen Statistiken trinken die Russen inzwischen weniger als Deutsche, Österreicher oder Franzosen. Aber die Statistiken und die erlebte Wirklichkeit haben in diesem Land oft nur wenig miteinander zu tun. Die russische Seele krankt weiter am Branntwein. Vor allem in der Provinz hängt der giftige Schatten der „grünen Schlange“, wie Alkoholismus schon zur Zarenzeit genannt wurde, über Freundschaften, Ehen und Familien. Aber vor allem über den Männern.

„Trink!“

Wir sitzen in Kejses, einem Dorf in Westsibirien, zwischen Stall und Gemüsebeet, der Juli-Himmel ist tiefblau und sengend heiß. Auf dem Tisch steht, umstellt von Schüsseln mit dampfenden Jungkartoffeln, Rindfleisch, Gurken, Zwiebeln, saurer Sahne, Speck und Salaten eine Glaskaraffe voll trüber Flüssigkeit. Oleg füllt davon reichlich in die Wassergläser und grinst: „Trink!“

"Trink!" ist eine Duellforderung und eine angebotene Friedenspfeife.
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Artjom hatte mich schon 1987 mit dem gleichen Blick durchbohrt: Mein künftiger Zimmernachbar in einem Leningrader Studentenwohnheim saß mit zwei Freunden auf dem Bett, in einer Wolke aus Papyrosy-Qualm, und hielt mir ein Glas klebrigen Portweins hin. Auch seine ersten Worte befahlen: „Trink!“

Kommando zur Duellforderung und Friedenspfeife

Ich habe dieses Kommando danach immer wieder gehört, in Moskauer Büros, auf Twerer Hinterhofbänken, in Militärflugzeugen oder Provinzdiskotheken, von weißrussischen Autodieben, tschetschenischen Milizionären, von stellvertretenden Chefredakteuren oder Skinheads. „Trink!“ Es war Duellforderung und zugleich eine angebotene Friedenspfeife. Und immer die Einladung zum Kopfsprung in den Flaschenhals, hinein in eine Welt neuer Offenbarungen.

Seit 20 Jahren gilt der Nichttrinker Wladimir Putin als nationales Vorbild, das Militärportal topwar.ru prahlt, andere europäische Länder, etwa Deutschland, könnten von den Russen und ihrem Präsidenten lernen, wie man nüchtern bleibt. Aber gleichzeitig sehnt sich Russland nach sowjetischer Flaschenbrüderschaft, nach den Zeiten rationierten Wodkas, wilder Sehnsüchte und Saufgelage, bei denen mörderische Cocktails gemixt wurden: Aus Schigulowskoje Bier, Spirituslack, etwas Parfüm „Weißer Flieder“ und Antischweißfußtranspirant.

Gezeugt wird mehrheitlich im Dusel, lieben mag hier niemand ohne Fusel. 

Sergei Schnurow, Frontsänger der Rockband Leningrad

Der Autor des Rezepts, der Schriftsteller Wenjamin Jerofejew, war überzeugter Alkoholiker und starb an Kehlkopfkrebs. Auch andere schöpferische Russen richteten sich damals zugrunde. Der Schauspieler und Liedermacher Wladimir Wyssozki sang: „Du rauchst auf nüchternen Magen und trinkst gegen den Kater“, er starb mit 42. Wyssozki, seine Texte und seine krächzend raue Stimme sind noch heute Kult.

Und Wodka gilt vielen Russen weiter als Wasser der Wahrheit, der Alkoholpegel als Messlatte der Männlichkeit. Die Bosse in den Gangsterfilmen des Staatssenders NTW schlucken weiter direkt aus dem Flaschenhals. Trinken ist wie Fluchen: nicht unbedingt schön, aber echt.

Alkohol ist Rock und Poesie zugleich

Einmal bin ich mit der Rockband Leningrad im Zug von Petersburg nach Twer gefahren, zu einem Konzert. Sergei Schnurow alias Schnur, ihr Frontsänger, Texter und ebenfalls bekennender Säufer, bestellte nach 200 Kilometern im Speisewagen mit nachdenklicher Miene das erste Glas. Danach tauchten immer neue Bier- und Wodkaflaschen auf. Als wir die Konzertbühne an der Wolga erreichten, waren alle betrunken, Denis, der Schlagzeuger, hatte einen Schlägel verloren und drosch mit einer Plastikflasche auf die Trommeln ein, aber der Rhythmus stimmte.

„Der Alkohol bringt uns den Tod, der Alkohol bringt uns das Leben“, dichtete Schnur vor ein paar Wochen. „Gezeugt wird mehrheitlich im Dusel, lieben mag hier niemand ohne Fusel.“ Alkohol ist schräge Poesie, Alkohol ist Rock.

Oleg will mich unter den Tisch trinken. Nach dem alten russischen Ritual: Eingießen, Trinkspruch, Anstoßen, ex… danach in etwas möglichst Fettes beißen, am besten in rohen Speck. Und wieder Eingießen, Trinkspruch… Olegs „Samogon“, selbst gebrannter Schnaps, ist eine lauwarme, 50- bis 60-prozentige Abscheulichkeit. Er aber grinst blauäugig: „Trink! Oder willst du eins auf den Hals kriegen?“

Der Konsum sinkt – weil es Alternativen gibt

Laut offiziellen Statistiken hat Russland seinen Alkoholkonsum seit 2011 halbiert. Das mag stimmen – was Studenten oder Yuppies in Moskau, Petersburg oder anderen Millionenstädten angeht. Hier herrscht inzwischen europäische Kneipen- und Barkultur, gebechert wird vor allem Bier, und das freitags.

Im Gegensatz zur Sowjetunion ist der Flaschenhals längst nicht mehr der einzige Ausweg in andere Wirklichkeiten, man kann auch kiffen, koksen oder Cyber-Spiele spielen. Und man kann jetzt auswandern, das wollen nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums 53 Prozent der Russen unter 24 Jahren.

„Meine Söhne trinken praktisch nichts“, sagt Jeff, Petersburger Ethnograph und der alkoholfesteste Russe, den ich kenne. „Aber die Akademiker um mich herum trinken mittlerweile so viel wie ich.“ Jeff ist 59, ein Riese wie der barocke Alkoholiker Peter der Große, Jeff hat eine Herz- und mehrere Krebsoperationen hinter sich, raucht und trinkt weiter, grundsätzlich nur Hochprozentiges.

Alkohol löst Zungen

Oleg ist 20 Jahre jünger als Jeff, auch er ein Mann wie ein Baum, sein Gebiss tadellos bis auf einen Stahlzahn, für ihn ist Trinken ein Sportfest. Oleg ist gelernter Elektriker, aber tatsächlich kann er alles. Er fällt sein eigenes Holz, fischt mit dem eigenen Netz, schlachtet selbst. Oleg ist einer, der wie Millionen anderer Landrussen auf jeder Großstadtbaustelle als Allroundhandwerker schwarzarbeiten kann.

Der Alkohol ist auch in Sibirien Poesie, löst selbst die Zungen wortkarger Taigajäger, beim Samogon erzählen die Männer hier serienweise filmreife Geschichte über Bären, Wölfe oder Jagdhunde. Die Dorfsibirier haben auch ihre eigene inoffizielle Statistik, Oleg gehört zur Mehrheit der „Rabotjagi“, den Malochern, aber 20 bis 30 Prozent der Einwohner im Dorf gelten als „Alkaschi“: Alkoholiker und ihre Familien. Um ihre Kinder kümmern sich Dorfschullehrer und Nachbarn, für die „Alkaschi“ ist Schnaps nicht mehr Vergnügen, sondern Grundnahrungsmittel. Wenn kein Samogon mehr da ist, schlucken sie auch Frostschutzmittel.

Die Regierung versucht, einzugreifen

Und die Staatsmacht weiß, dass die grüne Schlange viel lebendiger ist, als ihre eigenen Zahlen vorgeben. Im November beschloss die Duma in erster Lesung ein Gesetz, die sowjetischen Ausnüchterungsanstalten wiedereinzuführen, um Betrunkene von den Straßen zu schaffen, einzusperren und ihren Rausch ausschlafen zu lassen.

Dieses Bild soll seltener werden.
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Im Dezember hat die Regierung ein Verbot erlassen: Haushaltsflüssigkeiten wie Parfüm, Desinfektionsmittel oder Badewasserzusätze mit mehr als 28 Prozent Ethylalkohol dürfen nicht billiger verkauft werden als Getränke mit vergleichbarem Alkoholgehalt. Ende November starben in einem Dorf bei Jaroslawl trotzdem fünf Menschen. Die Polizei vermutet, dass sie Autoscheibenreinigungsflüssigkeit getrunken haben.

Unter dem Tisch bin ich nicht gelandet. Aber moralisch ist Oleg klarer Sieger. Am Ende fliehe ich einfach vor ihm und seinem Samogon, purzle übers Gartentor, laufe weiter. Ich stolpere in ein Schlagloch, rapple mich auf. Lande wieder auf dem Asphalt, „mit der Schnauze im Salat“, wie die Russen in solchen Fällen sagen.

Das halbe Dorf mag zugesehen haben, es ist noch hell, als ich vor meiner Haustür ankomme. Das letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass mein Lada Niwa noch vor Olegs Gartenzaun steht… Morgens aber parkt das Auto vor meinem Haus, ich muss im Suff zurückgelaufen und mit ihm nach Hause gekurvt sein…

Im Rausch gewalttätig

In Russland ist Kampftrinken Männersache, Alkohol ist der Grund für 70 Prozent der Todesfälle bei Männern im erwerbsfähigen Alter. Und 2016 wurden nach offiziellen Angaben über 64.000 häusliche Gewalttaten registriert, nach Polizeiangaben sind die Täter zu 80 bis 95 Prozent im Alkohol- oder Drogenrausch. Und auch das sind nur statistische Bruchstücke, nicht nur in den Familien der „Alkaschi“ sind Schläge, die niemand anzeigt, Alltag.

Männer sind Täter, Männer sind Opfer. Dima aus Jaroslawl hat sich zu den Maifeiertagen angemeldet. Aber am Tag, an dem er eintreffen will, ruft er an, sein Auto habe sich überschlagen, alles sei okay, er komme einen Tag später. Danach ist sein Handy ausgeschaltet, er entschuldigt sich drei Wochen später über den Chat-Dienst Viber für sein „nicht adäquates Verhalten“.

Dima ist in den „Sapoi“ geraten, eine Dauersauferei, die Tage, aber auch Wochen dauern kann. Für Dima ist Schnaps kein Abenteuer, sondern Schmerzmittel. Er schuftet als Klempner sechs bis sieben Tage die Woche, um seine Frau und seine beiden Kinder zu finanzieren, sie aber hat ihn aus der gemeinsamen Wohnung vertrieben, er schläft in einer Garage oder bei Freunden. Andere alte Kameraden aus der Provinz oder aus Petersburg rufen nur noch an, um lallend ihre Freundschaft zu versichern, werden angetrunken in der Stadt gesehen, verschwinden ganz.

Der Tod ist schlangengrün

Der Tod in Russland ist oft schlangengrün. Ein guter Bekannter, drei Jahre jünger als ich, war Filmregisseur, hat internationale Preise gewonnen, auch er trank. „Wenn du Angst hast, dass deine Leber das nicht schafft“, hat er mir einmal geraten, „dann musst du trockenen Rotwein trinken.“ Er starb an Leberkrebs.

Timofej arbeitete als Funktionär einer Duma-Partei in Moskau, auch er trank. Einmal im Jahr lädt seine Mutter alle seine Freunde und Bekannten zu seinem Geburtstag ein – auf den Kusminsker Friedhof in Moskau. Artjom aus dem Leningrader Wohnheim starb vor zwei Jahren.

Die meisten toten russischen Freunde waren über 40, als sie umkamen. Vielleicht war ihr Verhängnis, dass sie in der Sowjetunion aufgewachsen sind. Aber vielleicht wird in diesem Alter die grüne Schlange auch über die nächste Generation herfallen.

Mischa, der Maler, liegt auf einem Tisch im Hof, sein Gesicht sieht fremd aus, die Haut hat sich gelb gefärbt, Mischa wird heute begraben. Er hatte ein Lächeln wie Mel Gibson, er hatte Charisma, er trank, weil er neue Bilder suchte. Dann, nachdem er die Malerei hingeschmissen hatte, um als Werbedesigner Geld zu verdienen, trank er, weil es nichts mehr zu finden gab. Am Ende zog er aufs Dorf, kunstschreinerte, wurde noch einmal Vater, hörte auf zu trinken, aber seine Organe machten nicht mehr mit.

Mischas junge Witwe streicht ihm über die Stirn, der russische Himmel ist grau, die ersten Schneeflocken taumeln durch die Luft.

Stefan Scholl

...hat in seinen 20 Jahren als Russland-Korrespondent unzählige Trinkgelage überstanden.