Rom - Es war ein grausamer Anblick. In der toskanischen Kleinstadt Scansano lag vor kurzem ein toter Wolf mitten auf der Piazza, nur wenige Meter vom Theater und der Gemeindeverwaltung entfernt. Keiner weiß, wer den blutbefleckten Tierkadaver dort abgelegt hat. Genauso wenig ist bekannt, wer die zwei Jahre alte Wölfin getötet hat.

Etwa zehn Wölfe sind allein seit Anfang November in den italienischen Regionen Toskana und Umbrien erschossen oder mit Ködern vergiftet und teils öffentlich ausgestellt worden – dabei stehen die Tiere auch hier als besonders gefährdete Art unter strengem Schutz. Es kann nur vermutet werden, wer die Täter sind: möglicherweise wütende Schafzüchter. Denn in Italien tobt ein Kleinkrieg zwischen Naturfreunden und Behörden auf der einen und den Schäfern und Agrarverbänden auf der anderen Seite. Die einen freuen sich, dass der noch in den 70er-Jahren vom Aussterben bedrohte „Canis lupus italicus“, eine nur auf der Apenninenhalbinsel vorkommende Unterart des Wolfs, sich in den vergangenen Jahren stark vermehrt hat und nun zwischen Sizilien und den Alpen nach Schätzungen wieder rund 1 000 Exemplare leben. Die anderen wollen nicht hinnehmen, dass die Räuber ihre Herden reißen.

„Bringt mir einen Wolf, lebend oder tot“, hatte der Schafzüchter Mario Mori aus Palazzone in der Provinz Siena schon vor Monaten öffentlich gefordert. Er biete 1 000 Euro Kopfgeld und Anonymität. Dass er wegen Anstiftung zu kriminellen Handlungen angezeigt werden könne, sei ihm egal, erklärte Mori. Schließlich hätten die Wölfe seine Existenz ruiniert. „Ich hatte eine Herde von fünfzig Schafen, in weniger als einem Jahr sind alle bis auf drei gerissen worden. Jetzt bin ich gezwungen, meinen Betrieb zu schließen.“

Die ausgestellten Wolfskadaver scheinen wie eine Kriegserklärung an die Tierschützer. Der WWF Italien spricht angesichts zunehmender Selbstjustiz von einem „alarmierenden Angriff auf die Legalität“ und von einer Rückkehr in eine dunkle Vergangenheit, in der in Italien auf Füchse, Falken und Singvögel geschossen werden durfte. Jedes Jahr werde ein Fünftel der Wolfspopulation getötet, beklagt der Naturschutzverband. Dabei könnten Wölfe und Menschen problemlos nebeneinander existieren. „Es ist nur eine Frage des Wollens“, glaubt WWF-Präsident Dante Caserta.

Schafe, Ziegen, Fohlen und Kälber

Die Agrarlobby ist anderer Meinung. Allein 2013 hätten Wölfe in ganz Italien mindestens 3000 Schafe, Ziegen, Fohlen und Kälber getötet, schätzt der italienische Bauernverband Coldiretti. „Die Wildtiere bedrohen den Menschen und seine Arbeit in vielen Teilen des Landes“, so das dramatisch klingende Fazit. Viele Landwirte könnten ihre Tiere nicht mehr unbewacht auf die Weide lassen. „Nach Wolfsattacken geben die verängstigten Schafe, Kühe und Ziegen oft monatelang kaum noch Milch und haben Fehlgeburten“, sagt Coldiretti-Experte Stefano Masini.

Naturschützer dagegen glauben, dass sich die Verluste der Tierhalter mit einfachen Methoden um bis zu 80 Prozent verringern lassen. Es gebe Zuschüsse der EU für fest installierte und bewegliche Zäune, außerdem könnten Hütehunde ausgebildet werden, um Angriffe abzuwehren, sagt der WWF-Agrarexperte Franco Ferroni. Die natürliche Beute der Wölfe seien doch schließlich Wildschweine und Rehe. Und von denen gebe es mehr als genug.

Nicht nur Ferroni ist überzeugt, dass die meisten Herden gar nicht von den Wölfen angefallen werden. „Das eigentliche Problem in Italien sind streunende, verwilderte Haushunde“, sagt Ferroni. „Ihre Besitzer setzen sie aus oder sie sind entlaufen. Sie rotten sich zu Horden zusammen, viele paaren sich mit den Wölfen und dabei entstehen sogenannte Hybride.“ Während Wölfe scheu und vorsichtig sind, sich von Menschen fernhalten und fast nur nachts unterwegs sind, wagen sich die Hunde-Wolf-Mischlinge viel näher an menschliche Siedlungen und sind auch tagsüber aktiv. „Deshalb nehmen die Angriffe auf Herden- und Haustiere zu“, glaubt Ferroni. Theoretisch könnten die Mischlinge auch für Menschen gefährlich werden, bisher hat es aber noch keinerlei Vorfälle gegeben. Horden verwilderter Hunde haben aber schon ab und an Wanderer angegriffen, sagt Ferroni. Wie viele streunende Hunde es in Italien gibt, weiß keiner so genau. Manche Organisationen schätzen ihre Zahl auf mehrere Hunderttausend. Und abgesehen von der potenziellen Gefahr für Mensch und Tier, bedroht die genetische Vermischung auch die Zukunft der Wölfe. Denn so könnten sie am Ende doch noch aussterben.