Vermieter mit Herz: Unternehmer Michael Kölmel hat das Haus am Strausberger Platz 21 gekauft.
Foto: Volkmar Otto/Berliner Zeitung

BerlinEr hat den 1. FC Union vor dem Ruin gerettet und in Leipzig ein Stadion finanziert. Nun hat der Unternehmer Michael Kölmel ein Haus am Strausberger Platz gekauft: Die Nachricht war eine Erlösung für die Mieter des Hauses Nummer 21: Nach dem ihr Haus im Sommer zum Verkauf angeboten wurde, suchte die Mietergemeinschaft im Sommer in einer bundesweiten und vielbeachteten Kampagne einen „Vermieter mit Herz“ – mit dem Unternehmer Michael Kölmel scheint dieser nun gefunden. Der 65-Jährige verspricht den Bewohnern, die Miete nicht zu erhöhen und einiges anderes, von dem viele Mieter in Berlin nur träumen können.

Herr Kölmel, Sie haben das Haus am Strausberger Platz gekauft. Wie kam es dazu?

Ich habe von dem Aufruf der Mieter in einer Zeitung gelesen und fand die Initiative der Mieter, die einen Investor für das Haus am Strausberger Platz suchten, interessant. Viele Menschen berichten von ihren Schwierigkeiten, wenn die Mieten erhöht werden, oder Investoren das Haus, in dem sie leben, kaufen und in Eigentum umwandeln, oder Eigentümer auf Eigenbedarf klagen. Ich habe den Artikel gelesen, dort angerufen und die Initiative der Mieter, die einen „Investor mit Herz“ suchten aufgenommen und auch eine Website daraus gemacht. Es gibt ja nur noch wenige Domains, die frei sind, aber „Investor mit Herz“ hatte offenbar noch niemand angemeldet (lacht).

Sie haben sich mit den Besitzern, einer Erbengemeinschaft aus Köln, geeinigt und das Haus gekauft. In welchen Dimensionen bewegt sich der Kaufpreis für eine Immobilie dieser Art?

Das ist natürlich ein Millionenbetrag und die Mieten sind zu gering, um den Kaufpreis zu decken. Deswegen klagen Investoren Mieter raus und nutzen jede Gelegenheit, die Mieten zu erhöhen. Das ist eine simple Rechnung.

Mit einem Mietshaus kann man solch ein Gebäude nicht refinanzieren?

Das kann man schon, aber man hat natürlich nicht die Verzinsung, die Inverstoren sonst gerne haben.

War das der Grund für die Erbengemeinschaft, das Haus zu verkaufen? Eine Immobilie an einem solchen Standort ist doch sicherlich sehr begehrt.

Die Erben hatten andere Vorstellungen. Das ist eine Gruppe von Leuten, die mit Gewerbeimmobilien zu tun hat, diese Wohnimmobilie war ein Sonderfall in deren Portfolio. Man steht mit so einem Haus ganz automatisch in der Öffentlichkeit.

Was ist die konkrete Idee hinter ihrer Plattform „Investor mit Herz“?

Die Idee ist über die Website Investoren in anderen deutschen Städten zu finden, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit meinen Ideen von einem sozial verträglichen Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter der Einzige bin. Es gibt sicherlich Leute, die Geld geerbt haben oder als Unternehmer erfolgreich sind, denen es nicht nur um die Geldmehrung auf Kosten von Mietern geht. Das ist doch auch eine unglaublicher Einschnitt in das Leben, wenn man plötzlich seine Miete nicht mehr bezahlen kann und de facto so seinen Wohnraum verliert.

Seine Heimat.

Ganz genau.

Haben sich denn schon Investoren bei Ihnen gemeldet?

Die Website wurde ja erst vor zwei Wochen aufgesetzt. Aber es haben sich schon viele Leute gemeldet. Es sind Leute, die wie ich einen bestimmten sozialen Anspruch an eine Gesellschaft haben. Gleichzeitig melden sich aber auch Mieter, denen ein ähnliches Schicksal droht wie den Mietern am Strausberger Platz.

Und was sagen Sie denen? Sie können ja nicht alle Häuser kaufen.

Erst einmal nehmen wir diese Sachen auf und verfolgen diese Fälle. Wir haben auch schon ein paar Leute gefunden, die mitinvestieren würden. Das sind natürlich nicht alles solche Immobilien wie am Strausberger Platz. Die Häuser von Hermann Henselmann könnten ja einmal Weltkulturerbe werden. Ich hoffe aber grundsätzlich darauf, dass es bei einigen Leuten ein Umdenken gibt. Gentrifizierung ist ja nicht nur ein Berliner Problem.

Ist ein Gebäude dieser Art, also alt und denkmalgeschützt, nicht immer ein Zuschussgeschäft für einen Vermieter?

Das hängt vom Grad der Renovierungsbedürftigkeit ab. Das Haus am Strausberger Platz ist aber sehr gut saniert. Und für die Kacheln, die die Fassaden zieren, gibt es eine extra Rücklage. Da gibt es natürlich Auflagen, klar. Aber das ist ein wunderbares Haus, hohe Decken und durch die Kacheln auch energieeffizient. Ich kann schon verstehen, dass die Mieter in diesem Haus wohnen bleiben wollen. Allein die Lage ist fantastisch.

Sie wollen am Strausberger Platz die Mieten nicht erhöhen und keine Kündigungen aussprechen. Das klingt für viele Menschen in Berlin nach einem Traum.

Nun, ich habe den Begriff des Investoren mit Herz ja von meinen neuen Mietern übernommen und mir Gedanken gemacht, wie man diesen Begriff, diese Floskel überzeugend definieren kann. Das geht natürlich nur, wenn man den Mietern entgegenkommt. Wir haben gemeinsam einen Plan ausgearbeitet, der vier Punkte hat. Erstens fünf Jahre keine Erhöhung der Nettokaltmiete, also eine Art privater Mietdeckel. Dann zehn Jahre keine Kündigungen des Mietverhältnisses aus finanziellen Gründe. Drittens keine Kündigungen von Mietern über 65 Jahren und viertens keine Kaufpreisfinanzierung über Bankkredite, wenn man am Projekt teilhaben will. Das bedeutet, dass die Investoren aus ihrer eigenen Tasche zahlen müssen. Keine Bank soll zu Mieterhöhungen drängen können.

Wo bleibt der geschäftliche Aspekt? Oder tun sie das alles nur aus gesellschaftlichem Engagement heraus? Für mich klingt das alles – mit Verlaub – fast zu schön, um wahr zu sein.

Ja, aber genau das ist der Kern: Wohnen ist ein Thema, das überaus emotional besetzt ist und es ist einfach falsch, Menschen zu quälen indem man ihnen ihr Heim nimmt, beziehungsweise sie in dem Gefühl belässt, dass man es ihnen jederzeit nehmen kann indem man sie aus den Wohnungen rausklagt oder die Miete erhöht. Wohnen sollte meiner Meinung nach nie der Rendite unterliegen. Natürlich muss man Mieten nehmen, um Reparaturen zu bezahlen und natürlich darf von der Miete auch etwas übrigbleiben für den Besitzer. Aber das alles sollte in einem vernünftigen für den Mieter tragbaren Rahmen passieren.

Sie sind in Leipzig und die Stadt ist zu einer Art kleinem Berlin geworden: Viel Altbau, Kultur und eine überschaubare Größe machen die Stadt attraktiv. Hat man in Leipzig aus den Fehlern Berlins gelernt, was die Gentrifzierung anbelangt?

Das ist hier ein großes Thema, vielleicht nicht so brisant wie in Berlin, denn es gab in Leipzig einen riesigen Bestand an renovierungsbedürftigen Altbauten. Es droht natürlich Ähnliches. Was in Berlin schon abgeschlossen ist, wird auch Leipzig in den kommenden Jahren erwarten und es hat ja auch schon begonnen: Investoren, steigende Mieten, Verdrängung und alles anderen Aspekte der Gentrifzierung bleiben auch dieser Stadt wohl nicht erspart. Die Wohnungen hier gehören den Leipzigern zu großen Teilen nicht mehr, es sind Spekulationsobjekte.

Wurden Sie nicht gefragt, warum Sie nicht in Leipzig Häuser kaufen, sagen wir: mildtätig sind, sondern in Berlin?

Nein, aber ich würde das auch sofort in Leipzig tun.

Berlin bekommt den Mietendeckel. Was halten Sie als die „Gegenseite“ davon?

Grundsätzlich ist das in Ordnung, damit in dem Markt mal Ruhe einkehrt, der ist ja auch vollkommen heiß gelaufen. Aber ich bin mir sicher, dass da noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Es wird Klagen geben gegen den Deckel und ich habe auch schon gehört, dass Mieter unterschreiben müssen, dass sie Mieten nachzahlen müssten falls der Mietendeckel vor Gericht gecancelt wird.

Wie haben andere Unternehmer auf den Kauf des Hauses am Strausberger Platz reagiert. Hat man Ihnen abgeraten, gar der Naivität geziehen?

Ja, das gab auch, aber wenn man mit diesen Leuten diskutiert, dann gehen denen schnell die Argumente aus. Es ist am Ende bestechend einfach: Man kann mit einem Hauskauf und den damit verbundenen sozialen Ideen durchaus ein Zeichen setzen. Es wird Nachahmer geben. Da bin ich mir ganz sicher.